immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen Gebäudes jenseit des Flusses . Der Sturm raste und tobte in den Fensterhöhlen , als wolle er sie in die Luft sprengen . Vereinzelte Krähen schossen wie schwarze Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Haide und mischten ihr klagendes Geschrei mit dem Brüllen des Sturmes . Sonst war weit umher keine Spur eines lebenden Wesens zu entdecken . Am Erdaufwurfe zunächst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer , lehnte sich auf seinen Stab und schöpfte Luft . An seiner Kleidung , an Haltung und Blick erkennen wir unsern alten Bekannten , den Maulwurffänger . Unverwandt heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle , in deren glänzenden Schwärze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten . Jenseits des Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der weißlichgrauen Fläche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flämmchen , die wie blaue Dolchklingen , von unsichtbaren Händen gehandhabt , die unverwundbare Luft durchstießen . Diese jähen , blendend aufzuckenden Flammen zeigten sich bald nah , bald fern , und warfen bleifarbene Lichter auf die nächsten Gegenstände , so daß mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich geformt erschien und hie und da aus dem finstern Schlunde der Haide in wildem Feuer rollende Augen glotzten . Dann schluchzte auch wohl die Welle , des Flusses und zog , in gurgelnden Trichtern weiße Schaumblumen schaukelnd , zitternde Ringe , als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe träumerisch die müde Hand empor . Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffänger diese Erscheinung mit gleichgiltigem Auge . Dann schritt er langsam dem Sturme entgegen längs des Erdaufwurfes am Flusse fort , bis die Breitseite des zertrümmerten Gemäuers sichtbar ward . Ein gewaltiger ast- und blüthenloser Baumstamm stand hier aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus . Als der Maulwurffänger diesen Stamm gewahrte , blieb er wieder stehen und erstieg dann mit zwei Schritten den Damm . Der Fluß war hier in ein sehr schmales Bett eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebüsch besetzt , das zaunartig die ganze Länge des alten Mauerwerkes hinablief . » Das wird die angegebene Stelle sein , « sprach Heinrich für sich , beugte sich zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes . » Nun denn , auf gut Glück sei es versucht ! « Darauf setzte er zwei Finger an die Zähne und pfiff dreimal hinter einander mit solcher Kraft , daß der gellende Ton selbst das Getöse des Sturmes überschrie und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut , dann schwach und immer schwächer wiederholt ward , bis er im Lärmen des Windes erstarb . Es währte nicht lange , so bewegte sich der abgestumpfte schwarze Baumstamm , sank gegen den Fluß langsam nieder und legte sich als schmale , aber doch sichere Brücke über das Gewässer . In dem Mauerspalte , der mit dem Sinken der rohen Zugbrücke enthüllt ward , schimmerte ein rothes Licht , gleich dem Wiederschein eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel . Heinrich besann sich keinen Augenblick , auf dem etwas wankenden , nur fußbreiten Stege den Fluß zu überschreiten und durch die Oeffnung in das verfallene Raubhaus zu treten . Unmittelbar hinter ihm schloß sich geräuschlos wieder die Pforte durch gespenstisches Aufsteigen des Stammes . Der Maulwurffänger befand sich in einem weiten , theils kahlen theils mit Moos und Gestrüpp bewachsenen Mauerviereck , dem jeder Schutz durch Dach und Sparrwerk fehlte . Etwa in der Mitte war eine Erhöhung wie von herabgestürztem Schutt zu entdecken , denn dürre Gräser überwucherten es und eine dünne Schneedecke hatte es jetzt überzogen . Von diesem hünengrabähnlichen Hügel schlug aus der Tiefe der Flammenschein herauf , und als Heinrich dreist darauf zuschritt , entdeckte er den aus festen Quadern gewölbten , nur halb mit verkrüppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller . Drei bis vier Stufen unter der Oeffnung saß ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren , einen helllodernden Kienbrand über sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum Keller vollkommen erleuchtend . Ueber den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffänger trotz seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit . Es war eine vollendet classische Spitzbubenphysiognomie . Das Gesicht , hager und länglich , lief in ein spitzes bartloses Kinn aus , das jedoch nicht vorstand , sondern sich mehr nach rückwärts dem Halse zusenkte . Dadurch trat der Mund mit seinen schmalen Lippen und vier ungewöhnlich großen Vorderzähnen auffallend stark hervor . Diese Zähne , blendend weiß und fast spitzig , wie die eines Wolfes , glänzten immer aus den nie vollkommen schließenden Lippen , und zeigten sich in ihrer ganzen Größe , wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte . Noch entsetzlicher war der Blick seiner Augen . Diese lagen wie Aepfel gleichsam außerhalb ihrer Höhlen , waren von tiefstem Schwarz und glühten wie Kohlen auf einem Ringe weiß glänzenden Emails , denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwährend hin und her rollte , kehrte sich das weiße Innere derselben mehr als gewöhnlich heraus . Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners , schlecht , etwas schmutzig und nicht im Geringsten auffällig . Als er den Schreck des Maulwurffängers bemerkte , lachte er höchst vergnügt , hielt den Kienbrand noch etwas höher und sagte : » Immer kommt näher , Mann ! Ich bin nicht der Teufel , obwohl mich das dumme Pack häufig dafür hält und ich es mir zum Vortheile unsers Handwerkes gefallen lasse . Doch bevor ich Euch in unser Heiligthum geleite , noch eine Frage . Wer seid und was wollt Ihr ? « » Als Wächter kommst Du mir trotz Deines verbotenen Gesichtes etwas dumm vor , lieber Junge , « erwiederte Pink-Heinrich , » denn auf Deine Frage kann ich Dir hundert Antworten geben , die alle passen . « Der junge Bursche zeigte abermals grinsend sein Gebiß und stieß