zu tragen . Ihre Dienerin kam , eine junge , einfältige Bauernmagd , die ihr das wenige von Speise und Trank brachte , welches sie genoß . Nur diese , die ihr nie antwortete , sich über ihre tollen Reden weder verwunderte , noch sie anhörte , durfte zu ihr , sonst war vor aller Welt ihre Tür verriegelt , und niemand erfuhr es , selbst die Einwohner von Tivoli wußten es nicht , daß die Signora Julia , welche sie ehemals wohl gekannt hatten , sich in ihrer Nähe aufhielt . So gewöhnte der redliche Vinzenz die arme Kranke an seine Gegenwart , und es schien in mancher Stunde , als wenn dieser , freilich zu ihrem Schmerz , Vernunft und Bewußtsein zurückkehrte . Oft zankten sie wieder heftig , denn er wollte es nie dulden , daß sein Neffe , der unschuldige Camillo , Ursache am Unglücke der Familie sein solle . Verglich sie wieder den abtrünnigen Marcello mit David , so geriet der Priester außer sich , so daß es in solchen Momenten schwer zu entscheiden sein mochte , wer von beiden der Törichte sei . Denn , wenn er ihr die mythologischen und geschichtlichen Torheiten christlich nachsah , wenn sie sich bald diese bald jene große Königin , oder Juno , Minerva , manchmal Niobe nannte , so war er desto strenger und unerbittlicher , wenn sie in die Geheimnisse der Religion anmaßend hineingriff , und sich und den Ihrigen die großen heiligen Personen der Bibel oder Legende aneignen wollte . Da sie seine Unversöhnlichkeit in diesem Punkte kennenlernte , entwöhnte sie sich auch dieses Frevels und begnügte sich mit der weltlichen Geschichte und der heidnischen Poesie . - Aber , ohnerachtet dieser Torheit , ward sie auf diesem Wege milder , und selbst christlicher und vernünftiger . - Hätte ich je von mir geglaubt , sagte der Priester zu sich selbst , als er an einem Abend von ihr ging , daß ich noch einmal so ein starker Heidenbekehrer werden könnte ? Und daß sich wirklich doch zuweilen Beelzebub durch Satan vertreiben läßt ? Vielleicht haben aber auch andre , viel größere Männer als ich Ärmster , schon ehemals diese Künste geübt und ihre heilsame Wirkung erfahren . Viertes Kapitel Obgleich der Papst Gregor nicht krank war , so konnte doch jedermann bemerken , daß in seinem hohen Alter seine Kräfte sichtbar abnahmen . Vielerlei Bewegungen , Verbindungen , mancherlei Versprechen waren geschehn und im Kollegium der Kardinäle , sowie unter den Prälaten und den Gesandten der fremden Mächte vorgefallen . Alles rüstete sich schon auf den Fall einer so wichtigen Veränderung . Der Nepote , oder Sohn des Papstes , Buoncompagno , der Statthalter von Rom und Oberbefehlshaber des römischen Heeres hatte Ursach , am meisten bei einem vorfallenden Wechsel besorgt zu sein . Der Papst , der immer gern rechtlich und im christlichen Sinne handelte , war nicht darauf ausgegangen , sosehr er und mit Leidenschaft diesen Buoncompagno liebte , ihn zu einem unabhängigen Fürsten zu machen , und er sprach den Ungeduldigen , der höher hinaufzusteigen wünschte , oft zufrieden , und riet ihm , sich mit seinem bedeutenden Posten zu begnügen . Um nicht zu viel zu wagen , hatte der Statthalter sich mit dem Großherzoge von Florenz versöhnt , der ihn hafte , und alle Zerwürfnisse , aus welchen die Entzweiung hervorgegangen war , hatte Buoncompagno jetzt durch die Vermittlung des klugen Kardinals Ferdinand beigelegt . Vittoria leistete dem Governador oft Gesellschaft , um ihn aufzuheitern , und dieser fand stündlich Gelegenheit , ihren Verstand und festen Charakter zu bewundern . Selten nur ward eine ausgelesene kleine Vereinigung von Freunden hinzugelassen , weil der Statthalter von seiner Milde und Freundschaft nicht viel reden machen wollte , da der Papst unversöhnlich schien , und Vittorien noch ebensosehr , wie im Moment der Anklage , zürnte . Diese erfuhr von diesem Hasse des Oberhauptes nichts und hoffte von einem Tage zum andern ihre völlige Freiheit zu erhalten , sie suchte sich daher an ihren geliebten Dichtern und eignen Arbeiten zu erheitern , sie sang und war gegen die Dienerschaft und alle Menschen , die mit ihr in Berührung kamen , mitteilend und freundlich . Nur gegen den einen hatte sie ihren bittern Zorn nicht verhehlen können und mögen , gegen ihren ältesten Bruder Ottavio . Dieser Unglückselige , von den Furien des Stolzes und Hochmutes unablässig verfolgt , hatte sich kürzlich mit ihr versöhnen wollen , als sie ihn mit so vieler Bitterkeit abgewiesen hatte . Schon seit einiger Zeit fühlte er sich gekränkt und unglücklich , da alles , was er gehofft und gewünscht hatte , sich nicht der Erfüllung nähern wollte . Die Partei des Montalto wies ihn von sich , wegen des Bruders Marcello und des Unterganges des Peretti , auch der Papst war ihm erzürnt , und die Florentiner , die sich mit andern dem Medicäer anschlossen , vermieden ihn ebenfalls . Es war schon jetzt ziemlich ausgemacht , weil die Verbindung gegen den Mächtigen allzustark war , daß bei Erledigung des päpstlichen Stuhles nicht dem Farnese die hohe Stelle zugeteilt würde . Dies schmerzte den Bischof Ottavio , weil er darauf wie auf eine feste Hoffnung gebaut , und darnach seinen ganzen Lebensplan eingerichtet hatte . Noch mehr aber ward er gekränkt , daß sich Farnese nicht nur völlig von ihm abwendete , sondern ihm auch öffentlich seine Feindschaft erklärte . Der Kardinal , welcher gern jede Spur seines Verhältnisses zu Peretti , Vittoria und ihrer Mutter in Vergessenheit bringen wollte , behandelte seinen Schmeichler Ottavio als einen Verdächtigen , der vielleicht in Verbindung mit seinen Feinden gestanden habe , um ihm in der öffentlichen Meinung zu schaden . Er mochte selbst davon überzeugt sein , daß Ottavio ein zweideutiger Charakter sei , da er gesehn , wie er sich gegen die eigne Familie hatte brauchen lassen . Dem Herzog Bracciano und allen Freunden dieses großen Hauses durfte Ottavio sich nicht nähern , weil ihn der Fürst