hatte den König nur bei öffentlichen Veranlassungen als Zuschauer gesehn , die zu Anfange seiner Regierung nicht häufig waren . Erst in Leonin ' s Abwesenheit trat der Glanz des Hofes auf solche Weise hervor , wie auch die Liebenswürdigkeit des Königs erst zur vollen Blüte kam . So beherrschte dieser anmuthige junge Mann alle seine Umgebungen . Nicht , wie ihn Leonin sich unwillkürlich gedacht hatte , als einen ewigen Repräsentanten mit Krone und Zepter sah er ihn ; aber dennoch von einer Atmosphäre der Hoheit umgeben , daß die jugendliche Anmuth niemals auch nur zu einem vertraulichen Gedanken hätte verführen können . Im Gegentheile fühlte Leonin eine Beklommenheit , die ihn fast betäubte , bei dem Gedanken , dem Könige heute gegenüber zu treten . Seine Größe wuchs , indem sie verdeckt lag - aber wie groß mußte er sein , da er sich ihres Scheines absichtlich entäußern konnte ! » Madame hat Briefe aus England erhalten , « sagte der Marschall de la Ferté zu Madame de la Fajette , die mit etwas verdorbener Laune in Leonin ' s Nähe stand ; » der König wird wohl seine Absicht mit Dünkirchen durch ihre geschickten Unterhandlungen erreichen . « » Wenigstens thäte Madame besser , nur solche Angelegenheiten zu dem Gegenstande ihrer Beurtheilung zu machen , « erwiederte Madame de la Fajette - » in allem Uebrigen fühlt man immer , daß sie kein französisches Blut in den Adern hat . Es ist komisch oft - ihr Urtheil über unsere Literatur ! « » Ach so ! Euer Gnaden meinen ihre Bewunderung für die Marquise de Sevigné ! « rief der Marschall - » ja , ja , Madame trägt stark auf , wenn sie spricht . Doch glaube ich nicht , daß ein so unbedeutendes Produkt , wie uns vorgetragen wurde , Eindruck machen würde , belebte sie nicht dasselbe Verlangen , das Madame de Sevigné als erfüllt darstellte . « - » Ja , so ist es , mein Herr Marschall - die gute Sevigné gehört nach der Kinderstube , nicht an den Schreibtisch ! Ich versichere Sie , daß sie nicht im Stande ist , orthographisch richtig zu schreiben , und damit müßte man doch wohl anfangen , wenn man eine Schriftstellerin sein will . « - » Wäre es nicht wichtiger , « erwiederte hier ein junger Mann in einfacher geistlicher Tracht , » erst richtig zu denken ? Wie Viele mögen den Vorzug besitzen , richtig zu schreiben , ohne einen einzigen Gedanken so ausdrücken zu können , wie Madame de Sevigné - ohne Gefühle in sich zu haben , wie sie hier eine Zierde der Menschheit werden ! « Die Gräfin de la Fajette blickte etwas hoch auf , und ihre sich spannenden Augenbrauen verriethen , daß sie nicht geneigt sei , den halb vorwurfsvollen Ton dieser Erwiederung milde hinzunehmen ; als sie aber die sanften , edeln Züge des Jünglings erblickte , der zu ihr gesprochen , mußte sich die kluge Frau gestehen , er habe gar nicht daran gedacht , daß seine Erwiederung sie träfe , sondern sich in den Gegenstand vertieft , ihm sein Recht gönnend und damit eine Beleidigung unmöglich haltend . » Vollkommen richtig bemerkt , mein lieber Salignac ! « sagte die Gräfin daher , schnell gefaßt : » wer hätte hierüber zu entscheiden mehr Recht , als Sie , der Sie der Verkündiger der edelsten und frömmsten Gesinnungen sind ! « » Nein , Madame , nein ! « rief der junge Mann mit schwärmerischem Eifer , » über den ganzen Werth der Gedanken und Gefühle , die Madame de Sevigné uns mitgetheilt , wird nur eine Frau entscheiden können , in die Gott ausschließlich die Seligkeit einer Bestimmung ausgeschüttet hat , der wir nur aus der Ferne mit der Verehrung zusehen können , die an dieser außerordentlichen Bevorrechtung des Himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen läßt ! « » Liebenswürdiger Schwärmer ! « rief die Gräfin , fast gerührt ; » da wir heut im Prophezeihen sind , und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevigné schon das Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat , so verkünde ich Ihnen , daß Ihre sanfte jugendliche Weisheit , zum Manne erstarkt , das Zeitalter retten wird , in dem Sie leben ; daß Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Büchern unserer Geschichte , trotz des Größten , den wir darin verzeichnen ! « » Gottlob , Madame , « fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort , » daß ich Ihnen nicht glaube ! Die Geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat keinen Reiz für mich - meine Gedanken haften an dem mühevoll heiligen Geschäfte des Augenblickes ; es ist so schwer , ihn zu bestehen , ohne vor Gott erröthen zu müssen , daß ich ihm alle meine Kräfte zuwende , und mir wenig Zeit übrig bleibt , die Zukunft mit eiteln Wünschen zu bestürmen . « » Darum that ich es für Sie ! « lachte die erheiterte Gräfin , die wohl ein wenig schriftstellerische Wallungen besaß , aber zu klug und zu edel war , um sich von diesen Gefühlen dauernd beherrschen zu lassen . Die Gesellschaft erschütterte ein kleiner elektrischer Schlag . - Ludwig war aufgestanden , und sein königlicher Blick überflog den Kreis , als nähme er erst jetzt seine Existenz wahr . Die Thüren nach den Vorsälen waren geöffnet ' - die inneren Gemächer hatten sich gefüllt , Jeder rang um den Preis , mit Ludwig dasselbe Zimmer zu betreten . Die Möglichkeit eines Blickes , eines Wortes war die Hoffnung , die Jeder unausgesprochen nährte . Auch schien das strahlende Auge , womit er Jeden zu finden wußte , Jedem eine solche Hoffnung erwecken zu sollen ; doch , als er nun , sich von Madame beurlaubend , vorschritt , stockte selbst das Bemühen , die leichte Unterredung fort zu spinnen , welche bisher geherrscht . Zerstreuung , Erwartung unterdrückte jede andere Geistesthätigkeit ;