Nebelmassen ; die Schwalben streifen nur daran , wie um das Grab des Geliebten ; sie hören mich singen und wissen nicht wo , und kreuzen durch die Lüfte und verlieren sich im Klaren . 10. Mögen alle Gläser springen , alle Lippen davor erblassen , ja ich will die Wahrheit singen , muß ich auch die Wahrheit hassen . Warum die Schönheit so flüchtig ist , das will ich euch verkünden , sie ist ein Gift , das um sich frißt , die Augen davon erblinden . Warum die Liebe so töricht ist , das will ich euch verkünden , weil sie mit aller ihrer List , sich selbst nicht kann ergründen ; o wohl uns , daß so viel Schönheit tot , daß wir sie nicht brauchen zu lieben , o weh uns , daß in der Tränennot mehr Glück als in der Überlegung . Könnt ich von meinen Augen noch eine Träne erpressen , könnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit vergessen ! In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe scheint er nach den letzteren Bruchstücken einige fröhlichere Gegenden südlicher durchstrichen , vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen neue Überlegung gewonnen zu haben . Gewiß ist es , er erhielt es endlich über sich , mit Klugheit Überzeugung zu suchen ; erst jetzt gestand er sich , daß er eigentlich doch nur Verdacht , nicht Gewißheit habe , daß Dolores in irgend einer neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei , und nicht ohne Widerwillen wendete er sich rückwärts . Neuntes Kapitel Der wunderbare Doktor , das unsichtbare Mädchen und der Flötenspieler . Lenardo und Divina So zweifelnd in sich , obgleich entschlossen zurückzureisen , kam er an dem Abende eines heißen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause , so fragte ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter , ob er nicht den berühmten Doktor zu besuchen käme . Erst jetzt erinnerte sich der Graf , daß er unbemerkt in die Atmosphäre eines Wundermannes geraten , der allen Menschen genug auf zu raten gegeben seit beinahe funfzig Jahren , ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle Rätsel und Wunder gänzlich verwirft . - Kann er mir auch nicht helfen , dachte er in sich , so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln ; er ließ sich nach seinem Hause führen . Er mußte durch viele Gassen gehen ; endlich traf er am Zusammenstoßen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus , worin jedes Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand , die aber alle von innen durch Malerei undurchsichtig gemacht waren . Der Bediente klopfte an die Türe dreimal , ein Mann in schwarzen feinen Kleidern , in einer wunderlich festen weißen Perücke aus Glas gesponnen , mit breiter Stirn , mit tiefen grauen freundlichen Augen , alle Finger voll prächtiger Ringe , fragte nach dem Anliegen ; der Lohnbediente antwortete : » Untertäniger Diener , Herr Doktor , ein fremder vornehmer Herr wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen . « Bei den Worten zog sich der Bediente mit einer tiefen Verbeugung zurück , der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich hineinzutreten ; nachdem dies geschehen , schloß er die Türe hinter ihm mit sieben Schlössern . Der Graf war in Verlegenheit , ihm recht eigentlich zu sagen , warum er gekommen ; er hatte es aber auch weiter nicht nötig ; der Doktor entschuldigte sich , daß er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse , den er wegen eines dringenden Geschäfts , er sei Stadtausrufer , in acht Tagen von der Lungensucht kurieren müsse ; er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an den Merkwürdigkeiten , die im Hause ständen , nachher wolle er ihm noch einiges in den verschlossenen Zimmern zeigen , das der Mühe wohl wert sei . Der Doktor wandte sich freundlich von ihm , ging zum Hause hinaus und verschloß die Haustüre hinter sich . Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer ; über ihm hingen an der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren , in denen die Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete ; der ganze Spiegel steckte voll lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen , denen der Doktor geholfen , auf der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale , und die Stunden drehten sich schön gebildet als Mädchen daran umher . Die Uhr rückte zum Schlagen in sich , da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne ; ein metallener Vogel , der auf der Urne zu schlafen schien , regte seine Flügel und sang ein Abendlied ; durch alle Zimmer zuckten Drähte , die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge Geklingel , Rauschen und Singen in Bewegung setzten . Nun war es ganz still , aber das Knochengerippe war noch nicht verschwunden ; es rückte an einer Rechenmaschine , die neben ihm auf einem Tische stand ; die Räder schnarrten ängstlich in dem runden Kasten , endlich wurde es still und das Gerippe verschwand . Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl sechsundzwanzig : es war sein Alter , und er lachte über den Zufall ; doch wurde es ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer ; es war die Zeit des Zwielichtes , wo die Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann . Er trat in das nächste Zimmer , da trat er sich selbst tief erschreckend entgegen ; doch er hatte zuviel gelitten , um durch so etwas seine Fassung zu verlieren ; er sah bald , daß ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung gemacht hatte . Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors , voll wunderbaren , aber ganz elenden Gerätes ; Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll brennender Farben , blauen und roten Karmins ; statt eines Bettes lag da eine Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum