an , machte das Fenster auf , aber es war Mondschein und um drei Uhr . Meine Aussicht war sehr reizend , das Fenster ging in den Garten , eine gebildete Wildnis , und mitten unter den träumenden grünen Bäumen stieg eine hohe weiße Marmorgruppe zum Himmel . Ich erkannte bald , es müsse Violettens Denkmal sein , denn ich bemerkte über dem Ganzen einen gehobenen Arm mit einer Lyra . Der Mond stand hinter der Lyra , und es war mir , als ströme ein mildes leuchtendes Lied durch ihre Saiten . Ich stand , und suchte neugierig das Bild in der Dunkelheit zu enträtseln , aber es war zu unbestimmt , es war mir wie ein Wort , das man fühlt , und nicht sagen kann . Meine durch das Wachen überreizte Augen wurden durch das stete forschende Blicken auf das mondglänzende Bild noch unbestimmender , und bald schien mir der ganze Garten durcheinander zu wallen . Ich lehnte , am Fenster sitzend , den Kopf auf den Arm , blickte mit sinkenden Augen hinaus , und der Eindruck der Aussicht verlor bald so sehr die Gewißheit einer Aussicht , daß ich nichts mehr vom Garten , noch von mir wußte , und es war mir , als wäre ich das alles zugleich und läge in einem gelinden Traume . Da der Mond aber etwas gesunken war , und tief unter der Lyra stand , sah ich schöne runde , glänzende Hüften und zierliche Füße und sinkendes Gewand . Ich sah mit vieler Liebe nach den kernichten Hüften , und den netten feinen Füßen , und ärgerte mich mit vieler Aufrichtigkeit , daß ich den Busen nicht sehen konnte . Der Arm mit der Lyra lockte mich nicht , denn eine Leiergestalt ist sehr tonlos ; aber solche weibliche , sanft und fest gewundene Formen können mir alle Saiten im Busen erklingen machen . Ich ärgerte mich über den gehobenen Arm mit seiner Leier , und sagte im gierigen Unmute meiner Lust : » Der kalte Genius , da hängt das göttliche nackte Leben an ihm , und er hebt die Leier stets gen Himmel ; ha , wie wollte ich sie an die Erde werfen - da liege du alte Leier ! - und das Weib wollte ich heraufziehen mit liebender Wut ; in die Arme wollte ich sie nehmen wie ein Kind ; der Mond sollte trunken durch die niederfließenden Locken blicken , als sei er freigegeben ; stand er doch hinter den Saiten der Lyra , wie hinter einem Kerkerfenster ; und opfern wollte ich sie emporgehoben , wie der Priester opfert ; die ganze Natur würde niederknieen und ans Herz schlagen , wie das Volk , und hätte sie gesprochen , wie der Göttliche sprach - Nimm hin , das ist mein Leib - o wie sollte sie unter meinen glühenden Küssen in mich selbst zerrinnen , und ich in sie . « Ich konnte nun nicht mehr länger auf der Stube bleiben , der ganze Garten schien mir wie lebendig und in wunderlichen fantastischen Wesen der Nacht begriffen . Es war mir , als sähe ich auf den Markusplatz in Venedig in der Karneval , alles strömte durcheinander , und die einzelnen Farben , die unter verschiedenen Gestalten immer wiederkamen , flossen zusammen ; Schatten und Licht rannen in spielender Beweglichkeit durcheinander , und kaum verfolgte ich eine Gestalt , so war sie zu hundert andern geworden . Oben über allem hervorragend , wie die künstlich gewundenen Strahlen eines ungeheueren Springbrunnens , wie wundersam spielende Flammen eines weißen reinen Feuers zum Himmel , drang das Bild Violettens zum Himmel über alle das dunkle Gewirre empor , die Apotheose eines verlornen Kindes , die wohl auch einstens da unten mit Schmerz im Herzen , und wilder Lust in den Gliedern , herumwandelte , aus der verwirreten Freude die Grundlage aller Freude in einem Einzelnen zu entwirren - um zu leben - das ist schrecklich , und ich mußte nun hinunter , den armen Kindern Trost zuzusprechen , die vielleicht noch da wandelten . Ich stieg das Fenster hinab an dem Rebengeländer , welches die Mauer bekleidete , aber unten verliert sich alle der Reiz , der nur bei der Ansicht von oben herab mit von oben herabkömmt . Nun stand ich zwischen den Bäumen , die sich bewegt hatten , da ich nur ihre Gipfel sah ; sie wurzelten fest im Boden , alles war wieder von mir getrennt , und ich war allein und einsam . Ich setzte mich auf die Stufen des Bildes und war ruhig . Sechzehntes Kapitel Ich mochte das Bild nicht ansehen - warum ? das weiß ich nicht , vielleicht des Inhalts wegen - und dachte : Was soll diese liebliche traurige Verirrung auf Erden , was hat so eine arme Violette getan ? Warum sind die Dichter verstoßen von der Gesellschaft ? bis sie die Gesellschaft mit ihrem Gesange zwingen , sie zu ernähren - warum sind die Dichterinnen mit dem Leibe verstoßen ? bis sie Aspasien werden . - Da singt so ein armes Völkchen , weil es nur sein bißchen Kehle hat und von allem andern weniger - da liebt so ein armes Völkchen , weil sein Leib mächtiger ist als die Moral , - ist denn keine Welt für die armen Mädchen da , die lebendiger sind als die Pflicht , was haben die Kinder getan , und wer will das Fleisch strafen , daß es in üppigem Leben den engen Rock des Staates zersprengt , und hervortritt natürlich an die Sonne und die Liebe . Wo ich so ein armes Kind sehe , treten mir die Tränen in die Augen , und ich fluche , daß nicht Platz genug ist in der Ehre für das Leben . O nennt sie nicht unverschämt , die nicht zugegen waren , als die Erbärmlichkeit siegte , und den Thron bestieg in Purpur der Scham . Sie sind nicht größer als die Scham , aber die Scham