bewogen zu haben scheint , auf Timanthes Seite ziehen ließ . Sein zauberischer Pinsel besticht nämlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Wärme und Harmonie seiner Färbung , und thut durch einen gewissen heroischen Geist , der das Ganze durchweht , und den schönen Ton , der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet , eine stärkere oder wenigstens schnellere Wirkung als das Werk seines Antagonisten . Der letztere hat durch die äußerst sorgfältige Ausführung der einzelnen Figuren , und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu bemächtigen strebt , über das Ganze eine gewisse Kälte verbreitet , die von dem Feuer des Timanthischen Stücks zu stark absticht , um nicht in den Augen der meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren ; wiewohl der Kenner immer wieder zu Betrachtung der einzelnen Theile in dem Werke des Parrhasius zurückkehrt , und immer mehr zu bewundern findet , je schärfer er untersucht . Merkwürdig ist die verschiedene Art , wie beide Künstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben . Parrhasius läßt seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem beinahe höhnisch triumphirenden Blick auf seinen Mitbewerber bemächtigen , während Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und über Agamemnon , Menelaus und das Griechische Heer hinblitzenden Augen , so wie in seiner ganzen Miene und Gebärdung , Zorn und Verachtung ausdrückt , und den Griechen ihren Undank ohne alle Zurückhaltung vorzuwerfen scheint . Timanthes Ajas hingegen steht stumm und in sich selbst zusammengedrängt , mit dem ganzen furchtbaren Ausdruck einer verbiss ' nen Wuth , die dem Ausbruch nah ' ist , aber noch durch einen schmerzlichen innerlichen Kampf zurückgehalten wird , indeß sein Odysseus , über sein Glück erröthend , beinahe zu zweifeln scheint , ob er den Sieg wirklich erhalten habe . Die Samier , sagt man , sind ein sehr sinnreiches Volk und große Liebhaber der Homerischen Gesänge ; jedermann bemerkte gegen seinen Nachbar , daß Timanth auf die Anrede des Odysseus an die zürnende Seele des Ajas , im fünften Gesang der Odyssee , angespielt habe ; und diese Bemerkung that vielleicht mehr als alles andere , um den Sieg auf seine Seite zu entscheiden . Uebrigens muß ich von ihm anrühmen , daß er beim Empfang des Preises wie sein Ulysses erröthete , und , vielleicht aufrichtiger als der Homerische , durch den über einen so großen und ältern Meister erhaltenen Vorzug mehr gedemüthigt als aufgebläht zu seyn schien . Timanth hat die Gewohnheit , alle seine vorzüglichen Werke für sich selbst zu copiren , und nicht selten ist das Nachbild noch vollkommner als das Original . Gegenwärtig ist er im Begriff die Copie eines großen Gemäldes zu vollenden , welches ein reicher Kunstliebhaber zu Argos bei ihm bestellt hat , und womit er in kurzem selbst dahin abzugehen gedenkt . Es stellt die Aufopferung der Iphigenia in Aulis vor , und ist eines seiner schönsten Bilder . Iphigenia , eine ächte Gestalt aus der Heroenzeit , von hoher tadelloser Schönheit und in der ersten Blume der Jugend , steht am Altar , mit schwärmerischer Entschlossenheit bereit , sich für das Heil und den Ruhm ihres Vaterlandes zu opfern ; ihre Stellung , ihr großes , zur Göttin aufgehobenes Auge , ihr ganzes Wesen scheint zu sagen , hier bin ich ! und kein Zug verräth die auch nur leiseste Schwäche , wodurch das Wohlgefallen der Göttin an dem reinen jungfräulichen Opfer vermindert worden wäre . Um sie her stehen die Häupter der Achäer , Menelaus , Diomedes , Achilles , Odysseus u.s.w. , und hinter ihnen in einem weiten Kreise das ganze Griechische Heer . Alle , selbst den Priester Kalchas nicht ausgenommen , zeigen sich in verschiedenen Graden , nach ihrem Charakter oder Verhältniß gegen das Haus Agamemnons , gerührt und theilnehmend ; nur Agamemnon , der Vater selbst , steht zwar gegen den Altar gekehrt , aber das Gesicht mit einem Zipfel seines langen faltenreichen Talars bedeckt . Ich war eben bei Timanth in seiner Werkstatt , als ein junger Athener mit einem Paar andern Fremden kam , und sich die Erlaubniß ausbat , dieses Gemälde zu besehen , dessen Schönheit ihm sehr angerühmt worden sey . Alle drei ließen es an bewundernden Ausrufungen nicht fehlen ; doch bemerkte Einer , mit einer bedeutenden Kennermiene , gegen seine Gefährten : ob ihnen nicht auch eine gewisse Kälte im Ausdruck des Schmerzes , den die umstehenden Helden zeigten , besonders beim Menelaus , der doch der Oheim der Prinzessin sey , zu herrschen scheine ? Aber der Athener konnte nicht Worte genug finden , den sinnreichen Gedanken des Künstlers zu bewundern , daß er , nachdem er alles was die Kunst vermöge , im Ausdruck der verschiednen Grade einer anständigen Betrübniß an den Umstehenden erschöpft habe , den Vater selbst verhüllt , und es dadurch der Einbildungskraft der Anschauer überlassen habe , das , was der Pinsel nicht vermocht , selbst zu ersetzen und gleichsam auszumalen . Ein andrer behauptete : diese Verhüllung sey gerade der möglichst stärkste Ausdruck des gränzenlosen väterlichen Jammers , und müsse eine weit größere Wirkung thun , als der höchste Schmerz , den das unverhüllte Gesicht Agamemnons hätte ausdrücken können . Timanth , nachdem er dem Streit dieser weisen Kunstkenner eine Zeitlang lächelnd zugehört hatte , sagte endlich : die Herren sind sehr gütig , mir so viel von ihrem eigenen Scharfsinne zu leihen ; denn ich muß gestehen , daß ich bei der Verhüllung Agamemnons , so wie bei der Behandlung des ganzen Stücks , keinen andern Gedanken hatte , als die bekannte Scene in der Iphigenia des Euripides , gerade so , wie der Dichter sie schildert , und wie ich sie mehrmal auf der Schaubühne gesehen , darzustellen . Steckt in der Verhüllung irgend ein besonderes Verdienst , so gebührt alles Lob dem Dichter ; ich zweifle aber sehr , daß sein Agamemnon einen andern Grund , warum er seinen Kopf einhüllt , hatte , als weil er sich selbst nicht so viel Stärke zutraute , daß