die unumschränkte Beherrscherin des Schillingshofes und dessen , was in ihm lebte und webte , unverkennbar und verletzend herauszukehren wußte . Donna Mercedes hatte auch sonst alle Ursache , der Dame des Hauses zu grollen , welche die gesellschaftlichen Formen , die allereinfachsten Anstandsregeln ihr gegenüber in hochmütiger Willkür völlig aus den Augen setzte – aber das Haßgefühl , das in ihr aufwogte , die heftig schmerzenden Stiche , die ihr Herz durchfuhren und ihr wie in wahnsinnigem Zusammenschrecken das Blut plötzlich stocken machten , sobald die graue Schleppe zwischen den Büschen auftauchte – diese namenlose innere Aufregung war ihr selbst unbegreiflich und verwirrte sie . So waren abermals zwei Tage verstrichen , und am dritten befand sich Donna Mercedes vom frühen Morgen an in erwartungsvoller Unruhe – möglicherweise kam Baron Schilling heute zurück . Ob er die Entflohene mitbrachte und ihren Pflichten wieder zuführte ? – Die Hoffnung der jungen Dame hatte sich mit jeder Stunde verringert ; heute war sie sogar fest überzeugt , daß sie Lucile nicht eher wiedersehen werde , als bis Siechtum und drohender Mangel die Pflichtvergessene unter ihren Schutz zurücktrieben ... Gleichwohl harrte sie in unbeschreiblicher Spannung auf Baron Schillings Rückkehr , und da er ihr so fest und entschieden erklärt hatte , das Wiedersehen mit José nur unter den Bäumen des Gartens feiern zu wollen , so konnte sie ebensowenig wie vor einigen Tagen erwarten , daß er , selbst im Besitz dringender Nachrichten , die Erdgeschoßwohnung betreten würde . Sie ging deshalb in der Nachmittagstunde , zu welcher Zeit der Erwartete ankommen konnte , nach dem Glashause . Hannchen saß derweil bei José und erzählte ihm Märchen , während sich die kleine Paula unter Deborahs Aufsicht in dem schattigen Fichtenwäldchen hinter dem Atelier tummelte . Der Wintergarten war nicht verschlossen , und auch die in das Atelier führende Glastür klaffte ; der Gärtner hatte ja auch drüben die Kakteen und Farne zu pflegen und war vermutlich eben hier beschäftigt gewesen – man sah die frischen Spuren der tropfenden Gießkanne auf dem Asphaltboden , und der grüne Vorhang drüben hinter der Glaswand war vollständig zurückgezogen , der ganze weite Raum tat sich auf – ein immer wieder überraschender und blendender Anblick ! Donna Mercedes zog ein Buch aus der Tasche und setzte sich auf die eiserne Gartenbank , die , tief in den Pflanzenwald eingerückt , laubenartig überwölbt war . Hier , in dieser traumhaften Stille , umhaucht von der düftereichen , durch die zerstäubenden Wasser gekühlten Luft , konnte sie ungestört und ruhig warten – ruhig ? Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen ; sie versuchte zu lesen , aber sie fand keinen Sinn in den Longfellowschen Versen ; ihre Augen schweiften von der Blattseite immer wieder hinüber in das Atelier , in diese Wunderwelt , die auch ein Gedicht war , ein Gedicht , das seine Poesie aus altversunkenen Zeiten , aus weltweiten Fernen geholt und dem , der hier sann und schaffte , eine unerschöpfliche Gedankenfülle zuführte . Draußen in seiner Klause schlug Pirat plötzlich mit seiner gewaltigen Stimme an . Donna Mercedes schreckte empor – Fremde näherten sich dem Hause , sie hörte es an der Art und Weise , wie das ungebärdige Tier tobte und lärmte ; aber vor dem Glashause wurde kein Schritt laut – der Hund schwieg auch bald wieder , und die junge Dame lehnte sich beruhigt in ihre geschützte Ecke zurück . Da bewegte sich der Vorhang droben auf der Galerie – es sah fast gespenstisch aus , wie sich das farbensprühende Gewebe langsam teilte und seitwärts schob und die graue Frauengestalt im Türrahmen zeigte . – Schlaff und zusammengesunken wie immer , aber jetzt auch schleichend , wie ein Dieb , trat die Baronin auf die Galerie heraus . Fräulein von Riedt folgte ihr . Die hohe , in schwarze Seide gehüllte Gestalt der Stiftsdame mit den ernst gebieterischen Augen unter den starken Brauen erschien neben jenem Schattenwesen wie eine Königin . » Mir widerstrebt es , da hinabzugehen , « sagte sie entschieden mit ihrer tönenden , etwas spröden Stimme und streckte den Arm über das Galeriegeländer hinweg . » Ist hier oben alles sorgfältig weggeräumt , wie du dich gestern überzeugt hast , so wirst du im Atelier , wo sozusagen öffentlicher Boden ist , noch viel weniger Aufklärung finden . « Die Baronin überhörte völlig , was ihre Begleiterin sprach . Sie glitt über die Galerie hin und die Wendeltreppe hinab ... Nun sah ja Donna Mercedes die Hausfrau des Künstlers da herabsteigen , wo ihre Phantasie ihr neulich abends ein schlankes , junges Weib mit dem Kredenzteller in den Händen gezeigt hatte – wie so ganz anders war die Erscheinung dort ! – Sie sah die Baronin zum erstenmal ohne Hut – was für eine erstaunliche Haarfülle umwogte , lose aufgesteckt , den langen , schmalen Kopf ! ... Aber diese wuchtigen Strähne zeigten jenes stumpfe Graublond , dem das Licht vergebens einen goldigen Schein , einen warm leuchtenden Glanz abzulocken sucht . Scharf aus dem Gesicht gestrichen , in ohnehin weit zurückgehender Linie die Stirn umsäumend , ließ es dieselbe allzu frei , zu sehr entblößt erscheinen und machte sie kahl und nüchtern – ob der Schönheitssinn des Malers nie versucht hatte , wenigstens dieser unschönen Eigentümlichkeit durch einen Rat oder einen ausgesprochenen Wunsch abzuhelfen ? Donna Mercedes atmete kaum in ihrem Versteck . Sie konnte sich jetzt unmöglich erheben , ohne den Damen , denen sie um keinen Preis vor Baron Schillings Rückkehr begegnen mochte , Auge in Auge gegenüberzustehen . Aber sie hoffte entschlüpfen zu können , während die Baronin » nach Aufklärung suchte « , wie Fräulein von Riedt eben gesagt hatte , und deshalb schmiegte sie sich tiefer in die Ecke und lauschte durch das lockere Gegitter des Myrtengesträuches zu ihrer Rechten auf den ersehnten Augenblick . Die Baronin blieb am Fuß der Wendeltreppe stehen . » Ich war noch nie hier – noch nie ! « sagte sie im Ton tiefer Befriedigung und