auf den Fenstersimsen standen ; saubere Decken lagen auf allen Tischen ; im Alkoven lockte ein blüthenweißes Bett , und auf dem großen Eichentische mit den plump ausgespreizten Füßen stand die wohlbekannte kupferne Kohlenpfanne , mit ihrer Glut den Kaffee warm erhaltend . Sogar der selbstgebackene Kuchen war noch fertig geworden und stand , zuckerbestreut , in bräunlicher Schöne neben der vergoldeten Tasse , dem Prachtstücke aus dem Glasschranke der seligen Schloßmüllerin . Nun schütterten die schneeweiß gescheuerten Dielen wieder unter den Füßen des jungen Mädchens , und durch die offenen Fenster kam das Rucksen der Tauben und das Tosen des fernen Wehres – sie war daheim . Von hier aus wollte sie die kranke Schwester besuchen und um keinen Preis die Gastfreundschaft im Hause des Kommerzienrates annehmen , mochte auch die Frau Präsidentin die Nase rümpfen über den anstößigen Verkehr zwischen Villa und Mühle . Käthe war in einer seltsamen Stimmung . Furcht vor dem ersten Wiedersehen in der Villa , schmerzliche Sehnsucht nach dem Hause am Flusse , dessen Wetterfahnen sie mit hochklopfendem Herzen von dem südlichen Eckfenster aus erblickte , und das sie doch nicht betreten durfte , leidenschaftliche Ungeduld , der hohen Gestalt , wenn auch nur noch ein einziges Mal , zu begegnen , die sie hier in der Mühle zum ersten Male gesehen und – das sagte sie sich ja täglich unter tausend Schmerzen – seit jenem Momente geliebt hatte : das Alles wogte in ihr , und daneben schlich eine unerklärliche Bangigkeit und Beklemmung . Schon seit Monaten füllten die Sensationsnachrichten von dem Zusammenbrechen des Gründungsschwindels in Wien und später in der preußischen Hauptstadt die Spalten der Zeitungen . In allen öffentlichen Lokalen , in allen Salons war der welterschütternde Einsturz dieses modernen Turmes zu Babel das Tagesgespräch , und selbst in dem kleinen ästhetischen Cirkel der Doktorin hatte man die Ereignisse wiederholt erörtert . Während der Eisenbahnfahrt von Dresden nach M. waren sie auch das ununterbrochene Gesprächsthema der Mitreisenden gewesen – man hatte haarsträubende Dinge erzählt und noch Schrecklicheres prophezeit , und nun sah Käthe mit eigenen Augen eine der Folgen dieser Kalamität . In das Gelärme der Tauben und das Rauschen des Wehres hinein klang das laute Durcheinander von Menschenstimmen , und schräg hinter der letzten Kastanie hervor konnte das junge Mädchen den großen Kiesplatz vor der Spinnerei überblicken ; er wimmelte , genau wie an jenem Tage des Attentates , von Arbeitern , die bald mit allen Zeichen der Niedergeschlagenheit , bald heftig streitend und drohend unter einander verkehrten – die Actiengesellschaft , welche die Spinnerei von dem Kommerzienrate gekauft , hatte Bankerott gemacht ; eben war die Gerichtskommission in der Fabrik erschienen , und die Leute stoben im ersten Schrecken wie Spreu aus einander . „ Ja , ja , so geht ’ s , “ sagte Franz , der eben Käthe ’ s kleinen Koffer heraufgetragen hatte . „ Den Leuten war ’ s zu wohl , und sie meinen , es ginge ihnen noch lange nicht gut genug ; nun gehen sie von einer Hand in die andere und kommen mit der Zeit vom Pferde auf den Esel . ’ s ist aber auch eine schlimme Zeit , eine heillose Zeit . Jeder will sein Geld mit Sünden verdienen und womöglich die Dukaten von der Straße auflesen , und man kann ’ s den Kleinen kaum noch verdenken , die Großen machen ’ s ja nicht besser . “ Heft 20 „ Wohl dem , der sein Schäfchen ins Trockene bringt ! “ fuhr Franz , gemächlich auf die Tasche klopfend , fort . „ Ehrlich verdient und fein stet und redlich vermehrt , das ist meine Parole ; dabei kann man ruhig schlafen . Wer sich auf das Spekulieren nicht versteht , der soll ’ s bleiben lassen . Da ist der Herr Kommerzienrat drüben – den ficht freilich die ganze Geschichte nicht an ; der sitzt bombenfest , weil er ein kluger Kopf ist und eine feine Nase hat . “ Er hob mit wichtiger Anerkennung den Zeigefinger . „ Kam gestern erst wieder von Berlin , stramm wie immer . Ich hatte gerade Mehl an die Bahn gefahren – hui , wie da seine zwei Schwarzen , seine Prachtpferde , vorbeisausten ! Der versteht ’ s wie Keiner . Die Leute meinten , er hätte gewiß wieder einmal gehörig eingestrichen , so munter sah er aus und so recht wie Einer , der Millionen kommandiert . Er war diesmal lange fort und wär ’ wohl auch gestern Abend nicht gekommen , wenn sie heute nicht Polterabend drüben feierten . “ Polterabend ! Und übermorgen war die Hochzeit , und gleich nach der Trauung sollte das junge Paar abreisen . Käthe wußte das ja ; sie hatte es oft genug in Henriettens Tagebuche gelesen , und doch durchfuhr sie ein jähes , schmerzvolles Erschrecken , als es Menschenlippen so selbstverständlich aussprachen . „ Es soll hoch hergehen heute Abend , “ sagte Suse , indem sie der jungen Herrin eine Tasse Kaffee präsentierte . „ Ich sprach gestern dem Herrn Kommerzienrat seinen Anton , der sagte , es kämen so viele Gäste , daß sie nicht Platz genug schaffen könnten . Ein Theater haben sie gebaut , und eine Menge Fräulein aus der Stadt sollen verkleidet kommen , und das Grüne zum Putzen wird wagenweise aus dem Walde geholt . “ Es schlug Elf auf dem Turme der Spinnerei , als Käthe nach der Villa ging . Noch klang das verworrene Stimmengeräusch von der Fabrik her an ihr Ohr , als sie den Mühlenhof durchschritt , aber kaum war die kleine Bohlenthür in der Mauer , die das Mühlengrundstück von dem Parke trennte , hinter ihr zugefallen , als auch schon tiefe , so recht vornehme Parkstille sie umfing . Franz hatte Recht : hier überkam Einen das Gefühl , daß der wüste Lärm des Geldmarktes den reichen Mann und seine wohlgeborgenen Schätze nicht anfechte , daß die Alles verschlingenden Unglückswogen nicht einmal bis zu