weiter als das eine beherrschte sie : er darf nicht untergehen , er darf nicht , Heinz Kerkow , der Gespiele ihrer Kinderzeit , ihre erste , einzige Liebe , der frische , lustige Mensch – es kann nicht sein , es darf nicht sein ! Sie rief ihren alten Trotz zu Hilfe gegen das , was sie fortreißen wollte , was sie hintrieb zu ihm . – Was geht ’ s dich an ? Er hat dich mit Füßen getreten , dich und die Liebe ! Es half nichts . – Er darf nicht so enden , er darf nicht , man muß ihn retten – aber wie ? Und immer deutlicher , immer bewußter ward es : du kannst es , du mußt es ! Geh ’ zu ihm , rede ihn an mit dem alten treuen , kameradschaftlichen Ton der Vergangenheit ! Und wieder bäumte sich ihr trotziges Herz auf . Nein ! Nein ! Er könnte ja denken , ich wollte aufs neue um seine Liebe betteln , denn er ist jetzt frei.- Nein , lieber tot ! – Aber es ließ ihr keine Ruhe . Geh ’ zu ihm , er braucht eines Freundes Hand ! Wenn ein Wildfremder am Rande eines Abgrundes ginge , ohne die Gefahr zu kennen , du würdest ihn zurückreißen , Aenne , und den Mann , dem doch deine ganze Seele gehört , den willst du verkommen lassen ? Aber , er kann dich ja suchen ! sagte das trotzige Herz . Nein , nein ! Du weißt ja , er ist krank , er ist wie eine Pflanze , der ein Wurm an der Wurzel nagt , nicht mehr fähig , einen frischen Trieb zu treiben , einen rettenden Gedanken zu fassen . Er kann nicht mehr handeln – handle du ! Mein Gott , aber wie denn ? Schreiben ? Der Doktor hatte ihr erzählt , Heinz öffne die Briefe gar nicht mehr , die er bekomme , ausgenommen etwa die dienstlichen Schreiben . – Nein , sie muß ihn sehen , ihm in den Weg treten , muß zu ihm sprechen ! Was denn aber ? Das wußte sie noch nicht . Der Zufall würde ihr helfen , irgend ein Wort würde sie finden , das ihm zu Herzen geht , gar nicht ’ mal viele brauchten es zu sein ! Tatsächlich schlief sie nicht einen Augenblick in dieser Nacht , und als der Tag anbrach , stahl sie sich aus dem Schlafzimmer und lief in den Garten . Er lag schon im vollsten Sonnenschein und der Tau funkelte auf allen Blättern und Gräsern . Sie vergaß ganz , daß sie im Morgenanzug war , einem alten , schwarz und weiß gemusterten Kattunkleidchen , dessen Rock ein klein wenig zu kurz geworden , und dessen Bluse mit dem Matrosenkragen ihrer prächtigen Gestalt ein wenig kindlich ließ . Sie hatte nur flüchtig die Haare geordnet , sie hingen ihr in zwei schweren Flechten herunter , wie Aenne sie zu jener Zeit noch gern trug , als sie mit Heinz und Tante Emilie ihre Waldspaziergänge machte . Unter dem Kate- Greenaway-Hut , der auch ein altes Inventarstück war , guckten ihre Augen ins Leere hinaus , auf ihrem Gesicht wechselten Röte und Blässe , und ihre Füße wandelten längst außerhalb des Gartens den Waldweg hinter der Domäne entlang , der zum Luisenschlößchen führte . Dort stand die Frau Försterin schon vor der Thür und sah ihr ganz verwundert entgegen . „ Hätt ’ Sie beinahe gar nicht erkannt , Fräulein May ! “ rief sie , „ das kleidet Sie ja wie ein Backfischchen ! Schönen guten Morgen ! Wollen Sie so zeitig schon singen ? “ Aenne stutzte . „ Ja ! “ sagte sie dann nach kurzem Besinnen , „ wenn ’ s nicht stört , Frau Försterin ? “ „ I Gott bewahre ! Mein Mann ist längst im Walde , und meine alte . Schwiegermutter – sie ist zwar krank , aber sie hört ’ s nicht , die ist stocktaub . Und Aenne eilte zu ihrem Klavier , und wenn ’ s auch nur Uebungen waren , die Töne beruhigten sie wie ein betäubendes , schmerzlinderndes Mittel . Sie hatte schon eine ganze Weile gespielt , da klopfte es und die junge Förstersfrau trat ein . „ Jetzt kommt der Herr Schloßhauptmann mit seinem Jungen [ 296 ] über den Platz , “ meldete sie wichtig , „ der Kleine trinkt hier Ziegenmilch . Wollt ’ s Ihnen nur sagen , Fräulein gelt – es stört Sie doch nicht ? Dieses Zimmer betreten sie wohl kaum . “ Aenne stand hastig auf ; sie fühlte ihr Herz bis in den Hals empor schlagen . „ Doch , “ stieß sie hervor , „ es stört mich ! Kann ich noch fortgehen , ohne – – ? “ „ Da sind sie schon ! “ flüsterte die Frau . „ Bleiben Sie nur ruhig hier , Fräulein , lange halten sie sich ja nicht auf . Wenn der Kleine seine Milch getrunken hat , fahren sie weiter in den Wald . „ Lassen Sie niemand hier herein ! “ forderte Aenne . „ Nein doch ! Nein doch ! “ beruhigte die Försterin , ganz verwundert das junge , so blaß gewordene Mädchen betrachtend . Und als jetzt eine schwache Kinderstimme ihren Namen rief , sprang sie zur Thür , schlüpfte hinaus und Aenne hörte , wie der Schlüssel von außen herumgedreht und abgezogen wurde . Zitternd saß das Mädchen vor dem Klavier und horchte auf jedes Wort , das von draußen zu ihr hereinscholl . „ Treten Sie gefälligst in unser Wohnzimmer , Herr Schloßhauptmann , in der guten Stube ist gescheuert , noch ganz naß die Dielen , und draußen zieht ’ s ein wenig , der Wind kommt von Osten , “ sagte die Försterin . Jetzt wurde das Wägelchen fortgeschoben , und nun waren sie nebenan , von Aenne nur