ihn fast zu lähmen . Herr Rochester gab mir den jetzt blutigen Schwamm in die Hand , und ich begann ihn anzuwenden , wie er gethan . Er beobachtete mich eine Sekunde und sagte dann : „ Vergessen Sie nicht , daß Sie nicht mit ihm sprechen dürfen . “ Nach diesen Worten verließ er das Zimmer , und es war ein seltsames Gefühl für mich , als der Schlüssel in dem Schloß sich drehte und ich das Geräusch seiner sich entfernenden Fußtritte nicht mehr hörte . Hier war ich also im dritten Stock , in eine von diese geheimnisßvollen Zellen eingeschlossen , Nacht um mich her , ein blasses und blutiges Schauspiel vor meinen Augen und unter meinen Händen ; eine Mörderin , nur durch eine einfache Thür von mir getrennt — ja , es war entsetzlich — das Uebrige konnte ich ertragen , aber ich schauderte bei dem Gedanken , daß Gratia Poole auf mich losstürzen könnte . Ich muste indeß auf meinem Posten bleiben . Ich musste dieses geisterhafte Gesicht ansehen — diese blauen , stillen Lippen , denen es verboten war , sich zu öffnen — diese bald geschlossenen , bald geöffneten Augen , die jetzt im Zimmer umherschweiften , jetzt sich auf mich richteten und stets Entsetzen ausdrückten . Ich mußte meine Hand wiederholt in das Becken voll Blut und Wasser tauchen , und das niedertröpfelnde Blut abwaschen . Ich mußte das Licht der ungeputzten Kerze bei meiner Beschäftigung dahinschwinden , den Schatten an der alterthümlichen , gewirkten Tapete und unter den Vorhängen des ungeheuren Bettes dunkler werden , und seltsam an den Thüren des großen , mir gegenüber befindlichen Schrankes beben sehen , dessen Vordertheil , in zwölf Flächen getheilt , in grimmigen Umrissen die Köpfe der zwölf Apostel enthielt , jeder von einem besondren Rahmen eingeschlossen , während sich über ihnen ein Kruzifix von Ebenholz und ein sterbender Christus erhoben . So wie die Dunkelheit wechselte , oder hier- und dahin en heller Schimmer fiel , runzelte bald der bärtige Lukas seine Stirn , bald wogte das lange Haar des Johannes , und bald trat das teuflische Gesicht des Judas aus seiner Fläche hervor , schien Leben annehmen und in untergeordneter Gestalt den Erzverräther selber darstellen zu wollen . Bei dem Allen war ich genöthigt , auf die Bewegungen des wilden Thieres oder Teufels in jener Nebenzelle zu horchen . Aber seit Herrn Rochester ' s Besuch schien dort ein Zauber zu wirken , denn die ganze Nacht hörte ich nur drei mal in langen Zwischenräumen ein Geräusch : einen krachenden Schritt , eine augenblickliche Erneuerung des hündischen Knurrens und einen tiefen menschlichen Seufzer . Dann quälten mich meine eigenen Gedanken . Welches Verbrechen lebte in diesem abgeschiedenen Hause und konnte von dem Besitzer weder vertrieben noch gebändigt werden ? Welches Geheimniß , das sich in tiefer Nacht bald in Feuer und bald in Blut zeigte ? — Welches Geschöpf war es , das , mit dem gewöhnlichen Gesicht und der Gestalt eines Weibes , bald die spottende Stimme eines Dämons und bald den Schrei eines wilden Raubvogels ausstieß ? Und dieser Mann , über den ich mich neigte — dieser gewöhnliche , ruhige Fremde — wie war er in das Gewebe des Entsetzens verwickelt worden ? Und warum hatte sich die Furie auf ihn losgestürzt ? Warum suchte er zu dieser ungelegenen Zeit diesen Theil des Hauses auf , da er in seinem Bette hätte liegen und schlafen sollen ? Ich hatte gehört , wie Herr Rochester ihm unten ein Zimmer angewiesen — was führte ihn denn hierher ? Und warum war er denn jetzt so zahm bei der Gewaltthätigkeit und Verrätherei , die man gegen ihn ausgeübt ? Warum unterwarf er sich so ruhig dem Schweigen , welches Herr Rochester ihm auferlegte ? Herrn Rochester ' s Gast war schwer verletzt worden , sein eigenes Leben war bei einer frühern Gelegenheit in große Gefahr gerathen , und beide Versuche wurden in Schweigen und Vergessenheit begraben ! Endlich sah ich , daß Herr Mason sehr unterwürfig gegen Herrn Rochester war , daß der ungestüme Wille des Letztern eine vollkommene Herrschaft über die Trägheit des Erstern ausübte ; davon überzeugten mich die wenigen Worte , die er zu ihm geredet . Es wurde deutlich , daß die passive Stimmung bei ihrem frühern Umgange stets durch den kräftigen Willen des Andern beherrscht worden : woher war denn Herrn Rochester ' s Schreck gekommen , als er von Herrn Mason ' s Ankunft gehört ? Warum war denn der Name dieser fügsamen Person — die sein bloßes Wort , wie ein Kind , beherrschte — noch vor wenigen Stunden , wie ein Donnerkeil eine Eiche trifft , auf ihn gefallen ? O ! ich konnte seinen Blick und seine Blässe nicht vergessen , als er flüsterte : „ Johanna , ich habe einen Schlag erhalten — ich habe einen Schlag erhalten , Johanna . “ Ich konnte nicht vergessen , wie der Arm gezittert , den er auf meine Schulter gestützt , und es konnte keine unbedeutende Sache sein , die den entschlossenen Geist und die kräftige Gestalt Fairfax Rochester ' s so hart treffen und erbeben machen konnte . „ Wann wird er kommen ? wann wird er kommen ? “ rief ich in meinem Innern , als die Nacht noch immer fortdauerte — als mein blutender Patient zusammensank , stöhnte und ohnmächtig wurde , und weder Tag noch Hülfe kam . Ich hatte wiederholt das Wasser zu Mason ' s bleichen Lippen erhoben ; ich hatte ihm wiederholt das belebende flüchtige Salz vorgehalten : meine Bemühungen schienen unwirksam . Entweder körperliches oder geistiges Leiden und Blutverlust , oder alle drei vereint , nahmen so schnell seine Kräfte hinweg . Er stöhnte so tief , er sah so schwach , wild und erschöpft aus , daß ich fürchtete , er werde sterben ; und ich durfte nicht einmal mit ihm reden ! Endlich brannte das Licht zu Ende und ging völlig aus . Jetzt