zu Gertrud . Gertrud packte sie an beiden Händen und zog sie mit unerwarteter Kraft zu sich herunter , bis Lenores Augen den ihren ganz nahe waren . » Du mußt ihn glücklich machen , Lenore , « sagte sie mit heiserer Stimme und einem krankhaften Leuchten ihrer schwarzen Augen , » sonst wärs besser , eine von uns wär unter der Erde . « Trotz ihres Schreckens befreite sich Lenore mit Sanftheit . » Es ist schwer , darüber zu reden , Gertrud , « hauchte sie und wurde bleich ; » es ist schwer , es zu leben und schwer , daran zu denken . « » Du mußt ihn glücklich machen , und du mußt glücklich sein , « fuhr Gertrud wie außer sich fort . » Sag dir das jeden Tag , jede Stunde , jede Minute . Du mußt , du mußt , du mußt . « » Ich will es lernen , « antwortete Lenore langsam und ernst . » Ich bin ... ich weiß nicht , was ich jetzt bin und wie mir zumut ist . Hab nur Geduld mit mir , ich will es lernen . « Mit angstvoller Neugier schaute sie in Gertruds Gesicht . Diese aber preßte beide Hände an Lenores Wangen , zog sie abermals zu sich herab und küßte die Schwester mit sonderbarer Inbrunst . » Auch ich muß es lernen , « flüsterte sie dann kaum vernehmbar , » das ganze Leben muß ich von neuem lernen . « Es wurde an die Tür gepocht , und die Hebamme kam , um nach ihrer Patientin zu sehen . 7 Zu jener Zeit herrschte noch allgemein der Aberglaube , daß im Zimmer einer Kindbetterin das Fenster nicht geöffnet werden dürfe . Deshalb war immer eine üble Krankenluft in der Stube , die Lenore nur mit Mühe ertrug , und in der sie nicht schlafen konnte . Ferner war dem Tageslicht der volle Zutritt nicht gestattet , und da der Raum ohnehin düster war , machte ihn der grüne Vorhang , der bis zur halben Höhe des Fensters herabgelassen war , noch düsterer . Das Unbequemste aber waren die vielen Visiten von Frauen , die anzunehmen durch den Brauch vorgeschrieben war . Es kam die Gattin des Theaterdirektors , es kam Martha Rübsam , es kam die Hofrätin Kirschner , es kam die Metzgerin und die Bäckerin und die Frau Pfarrer und die Frau Medizinalrätin und die Frau Apotheker , und alle erteilten Ratschläge und alle brachen in Rufe des Erstaunens aus über die Schönheit des Neugeborenen . Einmal traf Daniel eine solche Versammlung in der Stube , blickte wortlos von einer zur andern , warf den Kopf zurück und ging wortlos wieder hinaus . Der Provisor Seelenfromm und Monsieur Rivière ließen sich ebenfalls den Weg nicht verdrießen , und sie wurden im Flur von Lenore abgefertigt . Und eines Tages erschien gar Herr Carovius , um sich teilnehmend zu erkundigen . Diesem gab Philippine Auskunft , Philippine , die jetzt schlechte Zeiten hatte , da sie nicht zu Gertrud in die Stube durfte . Gertrud wollte sie durchaus nicht sehen . Um mit ihrer Arbeit , die ja Brotverdienst bedeutete , nicht gar zu weit im Rückstand zu bleiben , schob Lenore den Tisch ans Fenster und schrieb trotz des ungenügenden Lichts und abends bei der Lampe , obwohl ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen . Nach drei Tagen hatte aber Gertrud keine Milch mehr in der Brust . Da mußte das Kind künstlich ernährt werden , und es schrie nun viele Stunden hindurch ununterbrochen . Beruhigte es sich endlich , so mußten Windeln gewaschen oder ein Bad gerichtet werden , oder Gertrud wollte etwas haben , oder es kam eine der lästigen Besucherinnen . Lenore mußte die Arbeit ganz beiseite legen , am Abend fiel sie aufs Bett und schlummerte zwei Stunden schmerzhaft tief ; war es nicht der Säugling , dessen hungriges Geschrei sie weckte , so war es der Druck der schlechten Luft . Der Kopf tat ihr weh und immer weher , doch sie verbarg ihre Schwäche , ihre Sehnsucht , ihre Beklommenheit , und nicht einmal Daniel merkte ihr etwas an . Sie konnte in dieser Zeit wenig mit ihm sprechen . Aber vielleicht gab es auf der Welt nicht ein zweites Paar Augen , das so beredt sein konnte wie ihres in Mahnung , in Verheißung , in Bitte , in herzlicher Resignation . Eines Abends trafen sie sich vor dem Kücheneingang . » Lenore , ich ersticke , « raunte er ihr zu . Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihn ruhig an . » Geh mit mir , « drängte er wie ein dummer Bub , » geh irgendwohin mit mir , geh ganz und gar fort mit mir . « Lenore lächelte . Sie dachte : das menschliche Gemüt geht in seinen Forderungen immer um einen Schritt über das Mögliche und Erreichte hinaus . Am anderen Morgen stürmte er ins Zimmer ; Lenore saß noch halbangekleidet da , und mit wunderbarem Zorn schaute sie ihn an , während sie nach einem Tuch langte und es um die Schultern schlug . Doch er setzte sich zu Gertrud ans Bett , und seine Worte überstürzten sich : » Ich will Wanderers Sturmlied komponieren . Ich denk es als Seitenstück zur Harzreise und zyklisch mit ihr verbunden . Die ganze Nacht hab ich nicht geschlafen ; das Hauptmotiv ist gar zu herrlich . « Und er fing in Fisteltönen an zu krähen : » Wen du nicht verlässest , Genius , nicht der Regen , nicht der Sturm haucht ihm Schauer übers Herz . Wie gefällt dir das ? « Gertrud sah ihn begeistert an . » Darauf müßte man einen guten Tropfen trinken , « fuhr er fort , » selten hab ich solche Lust auf eine Flasche Wein gehabt . Hundsföttisch , daß man sich so was nicht leisten kann . Aber wartet nur , laßt