, sich nichts merken zu lassen . War das nicht geradezu seine Pflicht ? Worauf kam es nun an ? Nur auf das eine , daß Anna die letzten Wochen ruhig und ohne Aufregung verlebte und daß ein gesundes Kind zur Welt käme . Darauf allein . Wie lange war es schon her , daß er von Doktor Stauber diese Worte gehört hatte ? Das Kind ... ! Wie nahe war die Stunde ! Das Kind ... dachte er wieder ; doch vermochte er nichts zu denken als eben nur das Wort . Endlich versuchte er sich ein lebendiges , kleines Wesen vorzustellen . Aber wie zum Possen erschienen ihm immer wieder Figuren von kleinen Kindern , die aussahen wie aus einem Bilderbuch ; burlesk gezeichnet und in überlauten Farben . Wo wird es seine ersten Jahre verbringen ? dachte er . Bei Bauern auf dem Land , in einem Haus mit einem kleinen Garten . Eines Tages aber werden wir ' s holen und zu uns ins Haus nehmen . Es könnte auch anders kommen ... Man erhält einen Brief : Euer Hochwohlgeboren , beehre mich mitzuteilen , daß das Kind schwer erkrankt ist ... Oder gar ... Wozu an solche Dinge denken ? Auch wenn wir ' s bei uns behielten , könnte es krank werden und sterben . Jedenfalls muß man es zu sehr verläßlichen Menschen geben . Ich will mich selbst darum kümmern . Es war ihm , als stände er neuen Aufgaben gegenüber , die er niemals recht überlegt hatte und denen er innerlich nicht gewachsen war . Die ganze Geschichte fing gleichsam von neuem für ihn an . Er kam aus einer Welt zurück , in der ihn alle diese Dinge nichts gekümmert , wo andre Gesetze gegolten hatten , als die , denen er sich jetzt wieder fügen mußte . Und war es nicht gewesen , als hätten auch die andern Menschen gefühlt , daß er nicht zu ihnen gehörte , als wären sie alle von einem gewissen Respekt durchdrungen gewesen , als hätte Ehrfurcht sie erfaßt , vor der Macht und Heiligkeit einer großen Leidenschaft , die sie in ihrer Nähe walten sahen ? Er erinnerte sich eines Abends , an dem die Hotelgäste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer verschwunden waren , als wären sie sich ihrer Verpflichtung bewußt , ihn mit ihr allein zu lassen . Er hatte sich an den Flügel gesetzt und zu phantasieren begonnen . Sie war in ihrer dämmrigen Ecke geblieben , in einem großen Armstuhl . Zuerst hatte er ihr Lächeln noch gesehen , dann nur das dunkle Leuchten ihrer Augen , dann nur mehr die Umrisse ihrer Gestalt , dann überhaupt nichts mehr ; doch immer gewußt : sie ist da . Drüben am andern Ufer waren Lichter aufgeblitzt . Die zwei Mädeln in den blauen Kleidern hatten durchs Fenster hereingeguckt und waren gleich wieder verschwunden . Endlich hörte er zu spielen auf und blieb stumm am Klavier sitzen . Da war sie langsam aus der Ecke hervorgekommen , einem Schatten gleich und hatte ihre Hände auf sein Haupt gelegt . Wie unsäglich schön war das gewesen ! Und alles fiel ihm wieder ein . Wie sie im Kahn geruht hatten mitten im See , mit eingezogenen Rudern , er den Kopf in ihrem Schoß ; und wie sie am Ufer drüben den Waldweg hinaufgewandert waren bis zu der Bank unter der Eiche . Dort war es gewesen , wo er ihr alles erzählt hatte . Alles , wie einer Freundin . Und sie hatte ihn verstanden , wie nie eine andre ihn verstanden hatte . War sie es nicht , die er seit jeher gesucht hatte , sie , die Geliebte war und Gefährtin zugleich , mit dem ernsten Blick für alle Dinge der Welt und doch geschaffen zu jedem Wahnsinn und jeder Seligkeit . Und gestern der Abschied ... Der dunkle Glanz ihrer Augen , der blauschwarze Strom ihrer gelösten Haare , der Duft ihres bleichen , nackten Leibes ... War es denn möglich , daß es auf immer zu Ende war , daß all dies niemals , niemals wiederkommen sollte ... ? Georg zerknüllte den Plaid zwischen den Fingern in ohnmächtiger Sehnsucht und schloß die Augen . Er sah die sanftbewegten Waldhügellinien nicht mehr , die draußen im Morgenlicht vorbeizogen , und wie zu einem letzten Glück träumte er sich in die dunkeln Wonnen jener Abschiedsstunde zurück . Doch wider Willen überkam ihn Mattigkeit nach der durchrüttelten Eisenbahnnacht , und aus selbstgerufenen Bildern jagte es ihn wieder durch regellose Träume , über die ihm keine Macht gegeben war . Er ging über den Sommerhaidenweg , in sonderbarem Dämmerlicht , das ihn mit tiefer Traurigkeit erfüllte . War es Morgen ? War es Abend ? Oder trüber Tag ? Oder war es der rätselhafte Glanz irgendeines Gestirns über der Welt , das noch niemandem geleuchtet hatte , als ihm ? Plötzlich stand er auf einer großen , freien Wiese , wo Heinrich Bermann hin und her lief und ihn fragte : Suchen Sie auch das Schloß der Dame ? Ich erwarte Sie schon lang . Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf . Heinrich voran , so daß Georg immer nur einen Zipfel des Überziehers erblicken konnte , der nachschleppte . Oben auf einer riesigen Terrasse , von der man die Stadt und den See sah , war die ganze Gesellschaft versammelt . Leo hatte seinen Vortrag über Mollakkorde begonnen , hielt inne , als Georg erschien , stieg vom Katheder herab und führte ihn selbst zu einem freien Stuhl , der in der ersten Reihe neben Anna stand . Anna lächelte glückselig , als Georg erschien . Sie war jung und strahlend , in einer herrlichen , dekolletierten Abendtoilette . Gleich hinter ihr saß ein kleiner Bub mit blonden Locken , in Matrosenanzug mit breitem , weißem Kragen , und Anna sagte : » Das ist er . « Georg machte ihr ein Zeichen zu schweigen , denn es sollte ja ein