ihm trennte - für immer , das fühlte er wohl , ob er den so teuer gewordenen Mann wiedersah oder nicht . Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und Täuschungen . Auch der Lord war zu Tränen gerührt . Es entsprach seiner reizbaren Natur , sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung zu überlassen . Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwürfen ; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurückdrehen ; die Kutsche war schon im Fahren , da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel , die beide am Tor standen , mit feierlich hochgezogenen Brauen zu : » Bewahrt mir meinen Sohn ! « Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust . Das Gefährt rollte gegen die Krailsheimer Straße . Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann ; sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren , daß sie die Zeit verpaßt hatten . Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen , forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den Hofgarten auf , ein Vorschlag , dem der Lehrer eifrig zustimmte . Hickel bat , sich anschließen zu dürfen . Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen , als Quandt rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab , die ihm , ohne zu fragen , weil das Unternehmen verabredet war , in den oberen Flur folgte , wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte . Quandt seinerseits machte sich nun daran , das Tagebuch zu suchen . Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank öffnen . In der Kommodeschublade fand er nichts , das blaue Heft war nicht mehr darin . Aber auch den Schrank durchstöberte er vergeblich , die Kleider , die Tischlade , die Bücher , das Kanapee ; vergeblich kroch er in jeden Winkel , es war nichts zu finden . Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner Frau durch die offene Tür zu : » Siehst du , Jette , was ich immer sage : der Kerl hats faustdick hinter den Ohren . « » Ja , ja , er ist falsch wie Bohnenstroh , « erwiderte die Frau , » und lauter Scherereien macht er einem . « Sie schimpfte bloß ihrem Mann zu Gefallen , denn im Grund hatte sie den Jüngling gern , weil noch nie ein Mensch sich so höflich und nett gegen sie betragen hatte . Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer , der um ein edles Werk betrogen wurde . Und war dem nicht so ? War es nicht seine Mission auf dieser Erde , die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente aufzuzeigen ? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht üben , wo der Atem der Lüge wehte . Von solchen Empfindungen bewegt , hielt er am selben Abend seiner Gattin eine längere Rede , worin er sich folgendermaßen aussprach : » Sieh mal , Jette , ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon aufgefallen ? Kann man annehmen , daß so ein Mensch jahrzehntelang in einem unterirdischen Loch vegetiert hat ? Kann man dies glauben , wenn man seine fünf Sinne ordentlich beieinander hat ? Von seiner gerühmten Kindlichkeit und Unschuld kann ich , offen gestanden , nichts entdecken . Er ist gutmütig , ja ; gutmütig mag er sein , aber was beweist das ? Und wie er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert als der ausgemachte Duckmäuser , der er ist ! Da hat deine Freundin , die Frau Behold , den Nagel auf den Kopf getroffen . Sieh mal , oft , wenn ich unversehens in sein Zimmer trete , es liegt mir natürlich daran , ihn zu überraschen , aber da hockt er dir manchmal in der Ecke , es ist sonderlich anzuschauen . Ich weiß nicht , ist er so geistesabwesend oder stellt er sich nur so , aber wenn er mich dann bemerkt , verändert sich sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von Freundlichkeit , die einen leider entwaffnet . Einmal hab ich ihn sogar am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden . Was kann das bedeuten ? Es steckt eben was dahinter . « » Was soll denn dahinter stecken ? « fragte die Lehrerin . Quandt zuckte die Achseln und seufzte . » Das mag Gott wissen « , sagte er . » Bei alledem mag ich ihn leiden « , schloß er mit versorgtem Stirnrunzeln ; » ich mag ihn gut leiden , er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche . Man muß aber sehen , was dahinter steckt . Es ist etwas Unheimliches um den Menschen . « Die Lehrerin , die sich für die Nacht frisierte , war des Schwatzens müde . Ihr hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen , schläfrigen Vogels , und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten matt ins Kerzenlicht . Plötzlich ließ sie den Kamm ruhen und sagte : » Horch mal , Quandt . « Quandt blieb stehen und lauschte . Caspars Zimmer lag über dem ehelichen Schlafgemach , und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die unaufhörlich auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften Hausgenossen . » Was mag er treiben ? « , meinte die Frau verwundert . » Ja , was mag er treiben , « wiederholte Quandt und starrte finster zur Decke . » Ich weiß nicht , mir wurde immer gesagt , daß er mit den Hühnern schlafen geht ; ich merke nichts davon . Nun siehst dus , da soll man sich auskennen . Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht abgewöhnen . « Quandt öffnete leise die Tür und schlich auf Pantoffeln vorsichtig hinaus . Vorsichtig schlich er die Treppe empor ,