von fernem Schicksal neu angerührt allmählich sich strenger zusammenzog . » Ich habe viel verloren trotz meiner Jugend , « sagte Verena . » Ich habe mein höchstes Gut verloren , Meister . Ich habe lange geweint , wie ich endlich weinen konnte . Und bin dann wieder hingegangen in Erstaunen . Ich habe das Schönste verloren , was das Herz kannte . Was sind Namen ? Das Köstlichste auch zur Entfaltung des eigenen Lebens . Ich dachte , ich könnte es nicht ertragen . Ich wollte , wie der Tod im Hause stand , um jeden Preis mit dem Geliebten ins Grab gehen . Ich hätte mich auf den Scheiterhaufen gestellt und hätte Feuer und Flammen nicht gefühlt . Jetzt ist die Zeit der Wehmut gekommen . Daß ich jetzt wieder neu zur Erinnerung meiner Liebe leben kann . Zu seiner Erinnerung kann ich jetzt wieder tätig sein . Das danke ich Ihnen . Ihrer freien Art , die Welt zu sehen . « » Wissen Sie , Meister , wie Sie so sprachen auf der Weide ? Es kam wie ein Gesang in meine Seele , daß es auch in mir wieder den Gesang weckte . « » Und alles , was ich jetzt tue , tue ich wieder gern , « sagte Verena mit frohem Tone . » Was ist es ? Der geliebte Freund lebt . Er ist irgendwo . Er macht eine Reise . Er lebt irgendwo fern . Ich tue alles zu seinem Gedächtnis . Das kann ich jetzt wieder . Ich kann wieder ein tätiger , liebender Mensch sein . « So plauderte Verena gütig und zutraulich . Einhart hatte ein paarmal nur unwillkürlich tief Atem geholt und als wenn er seufzte . Er staunte Verena versunken an . Sie pries ihre Liebe . Sie war glücklich , weil sie an den Geliebten dachte . Einhart hatte ganz vergessen , wo er war . Es quoll in ihm etwas auf , was wie Lachen und Schluchzen kam . Er küßte ihre beiden Hände , als sie vor ihm stand , und die weißen , weichen , frommen Hände ihm zutraulich , wie ein Kind dem Vater hinhielt . Er beugte sich und küßte auch den Saum ihres Kleides in einer fast hündischen Demut , weil sie wie eine Heilige vor ihm schien , die ihre innerste Seelenliebe hütete , wie eine Vestalin das reine Feuer . Er war so zernagt und beglückt und erhoben von der reinen Seligkeit ihrer Erinnerungen und ihrem kindlichen , neuen Leben , daß er Verena noch einmal mit Leidenschaft angesehen , ihr ganzes , stilles , reines Bild eingesogen und dann hinaus war , als wenn er die heilige Jungfrau in Person gesehen und ihre Berührung gefühlt hätte . So war Einhart . Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer bewältigt . Ihn ganz ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen . Und eine höhere Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis . So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen . 14 Einhart hatte sich von allen Gästen im Schlosse und von der alten , gütigen Gräfin Schleh verabschiedet . Er wollte in der Nacht gegen die Morgenfrühe abreisen , um auf einer entfernteren Station der weiten , gräflichen Herrschaft den Eilzug rechtzeitig zu erreichen . Die alte Gräfin hatte Einhart einen eigentümlichen , fremden Gram in seinem sammetdunklen Auge wohl angefühlt . Und sie war noch gütiger und gewinnender gewesen , mütterlich und sanft . Als er alles mit dem Kammerdiener zusammen in seine Koffer eingeordnet hatte , lief er spät noch einmal in die Weiden hinaus . Es war schon Nacht . Die Lüfte strichen in Einharts Gesicht mit leisem Berühren . Dann und wann hatten Äste im Park geknackt . Und die Sterne hingen wie Diamanten in den kahlen Bäumen . Als Einhart auf der Ebene stand , hörte er einen Vogelruf verhallen . Ein Feuer brannte fern , dessen Flammen leicht aufflogen und vergingen . Spärliche Worte erstarben über die tote Grasflur her . Die Gesichter einiger ferner Hirten waren warm beschienen . Einhart war langsam auf das Feuer zugegangen . Seine Erinnerungen verhallten hier ins Ungewisse . Man war ehrerbietig , erhob sich und schwieg , hielt die Hüte in den Händen und lächelte . Auch Einhart lächelte . Schwarzbärtige Hirten , eine kleine Schar , auch Alte mit Wollhaar und in graue Pelze gehüllt . Man hatte einen rauchigen Kessel über dem Feuer hängen . Man sog an der Pfeife und blies Rauch aus . Irgendwoher rief und rief ein junger Hengst mit Wiehern . Die Fluten der Nachtluft strichen lau über die Steppe her und wehten sanft um . Einhart hatte sich längst niedergeworfen an dem Feuerkreis und den Hirten geheißen , ein Gleiches zu tun . Es war eine Verlassenheit der beglühten Häupter ohnegleichen und eine Verlassenheit des lohenden , knisternden Feuerbrandes . Ein alter , grauhäuptiger Hirte , der seinen Hut fortwährend im Schoße drehte , erzählte lässig vom gespenstigen Steppenreiter . » Wild wie der Wind treibt er um . Zerzauster Mähne , zerzausten Schweifes kommt er gejagt . Ist da . Sein Mantel flattert . Sein Haar flattert . Eine Miene wie graue Steine . Augen hat er starr und sehnsüchtig in Höhlen liegen . Manchmal ruft er . Düstere Rufe . Er pfeift unsichtbaren Gesellen . Er pfeift einer unsichtbaren Meute , die um ihn her heult . Schaurig geht es um ihn . Seine Augen können glimmen wie verzehrende Feuer . « Auch Einhart saß jetzt in der Wildnis so recht heimatlos umgetrieben . Daß alle die Jungen und alten Häupter rings ihn scheu und ehrerbietig heimlich betrachteten . In allen ging dumpfe , stumme Sehnsucht um . Der volle Mond stieg wie ein stumpfes Rosenfeuer in den Dämmerdunst der Nacht . Fern und groß hob sich die glühe Scheibe lautlos und ohne Strahlen über den Rand der Erde . Tief war die Stummheit . Die rauhe Stimme des alten Erzählers