? Andrä ! « Zwanzigstes Kapitel In den Gerichtssaal fielen die Sonnenstrahlen und legten sich breit auf die strengen Mienen der Richter . Die schützten sich verdrießlich gegen den lichten Schein , und als sie ihn nicht abwehren konnten , mußte ein Diener die Vorhänge herunterlassen . Da waren die Sonnenstrahlen ausgesperrt . Nur einer drängte sich durch die Lücke und huschte über die Bänke . Er fand zwei schwielige Hände , und die waren ihm so vertraut , daß er sich liebkosend an sie schmiegte . Die Hände öffneten und schlossen sich wieder , als wollten sie den zitternden Sonnenstrahl festhalten . Der Mann , dem die Hände gehörten , freute sich über ihn . Er dachte , wie die Sonne wohl auf die Erlbacher Felder herunter scheine . Sie hatten heute gewiß gemäht , und auf allen Wiesen lag duftendes Gras . Sie konnten es bei der Wärme zu Mittag wenden und am Abend einfahren . Den Leuten draußen war die Sonne eine freundliche Helferin . Ein breiter Schatten fiel über den Boden , und der Sonnenstrahl war verschwunden . Der Schuller sah auf . Da stand Baustätter mitten im Saale und verneigte sich vor den Richtern . » Herr Pfarrer , Sie kennen den Angeklagten ? « » Ja . « » Es wird behauptet , daß Sie ihm feind seien . « » Ich ? Warum sollte ich ihm feind sein ? « Der Verteidiger erhob sich . » Sie haben doch heftig gegen ihn agitiert ? Und Streit mit ihm gehabt ? « Baustätter schüttelte den Kopf . Er verstand den scharfen Ton nicht . » Ich habe Bedenken gegen ihn geäußert , wie es meine Pflicht war . « Der Vorsitzende nickte ihm zu . » Sie wollen sagen , daß Sie als Seelsorger an ihm Verschiedenes auszusetzen hatten , aber daß Sie keine persönliche Feindschaft gegen ihn hegen ? « » Ja , das wollte ich sagen . « » Dann schildern Sie uns , bitte , den Leumund des Angeklagten . « Baustätter redete . Mit Ruhe und ohne Leidenschaft . Er sagte , daß er allen Pfarrkindern ein offenes Herz entgegengebracht habe , daß er von jedem ursprünglich das Beste glauben wollte . Auch von Andreas Vöst . Nur mit Widerstreben habe er an diesem vieles bemerkt , was er als Seelenhirte rügen mußte . Verstöße gegen die kirchlichen Vorschriften , Unsittlichkeit im Hause , und manches , was Ärgernis erregte . Baustätter sagte , daß er bessern wollte , und es half nichts , daß er mit Milde eingeschritten sei , und man habe mit Roheit geantwortet . Und er schilderte seine schmerzlichen Erfahrungen und die Gewalttätigkeit des Vöst . Schuller hörte ihm zu . Es war immer das nämliche . Die Lüge so versteckt , so eingemengt in die Wahrheit , daß sie kein Mensch herausfinden konnte . Er hatte es versucht , er hatte gemeint , daß er das Gewebe zerreißen könne . Und es hatte ihn fester eingeschnürt , je mehr er sich wehrte . Jetzt war er müde . Er hörte zu , als würde von einem andern gesprochen . Die sanfte Stimme ertönte gleichmäßig weiter und erhob sich erst gegen den Schluß . Als Baustätter sagte , daß der bravste Mann in Erlbach , der Vater von vier Kindern , von diesem rohen Menschen gemordet worden sei . Es war stille im Gerichtssaal . » Vöst , haben Sie etwas zu erinnern gegen diese Aussagen ? « Der Schuller sah den Vorsitzenden an . Ob er etwas zu sagen hatte gegen diese Lügen ? Jedes Wort war falsch , von langer Zeit her ausgedacht , verdreht , zur Verdächtigung hergerichtet . Wie sollte er sie alle widerlegen mit ein paar Sätzen ? Wo sollte er anfangen und wo enden ? Und er sagte nur : » Der is schuld an allem . « Die Richter sahen mißbilligend auf ihn herunter . Es war doch wirklich kläglich , mit solchen Redensarten zu kommen ! Der Verteidiger trat vor . » Man muß die Vorgeschichte kennen ... « » Das gehört nicht zur Sache ! « sagte der Vorsitzende . » Das mit der Bürgermeisterwahl , das hat mit der Tötung des Hierangl nichts zu tun ! « Der Schuller setzte sich wieder . Er wußte es ja ! Es war heute wie immer . Sie hörten ihn nicht . Der Morgen darauf versprach wieder schönes Heuwetter . Die Baumgipfel im Weblinger Wald waren schon vom Frühlicht beschienen . Da eilten die Leute mit der Arbeit . Solange der Tau auf den Gräsern liegt , ist gut mähen . Trockenes Gras macht die Sensen stumpf . Und jeder schwang die Arme schneller und griff weiter aus im Schritt . Als die Sonne über den Hügeln stand , war das meiste geschehen . Der Haberlschneider schulterte die Sense und wartete auf den Zwerger , der den Feldweg herunterkam . » Dös is wieder prachtvoll heunt ! « » Bal ' s so weitergeht , bring ' i de ' Woch ' no mei Heu hoam . « Bis zum Feldkreuz gingen sie miteinander . Da blieb der Zwerger stehen . » Was sagst denn zum Schuller ? Vier Jahr G ' fängnis ! « » Daß er nimmer ' rauskimmt , sag ' i. Den hat er g ' liefert , unser Herr Pfarrer ! « Der Haberlschneider setzte sich bei den Worten auf den Feldrain . Seine jüngste Tochter mußte bald kommen und den Morgentrunk bringen . » Den hat er g ' liefert ! « wiederholte er . Und er sah nach Erlbach hinunter . Da lag das Dorf Haus neben Haus . Aus den Schornsteinen stiegen dünne Rauchsäulen in die Luft . In den Ställen brüllte das Vieh ; der Wind trug den Schall herauf . Und jetzt klangen im gleichen Takte starke Hammerschläge , Zimmerleute bauten an der Kirche ein hohes Gerüst . Der alte Turm wurde abgebrochen und ein neuer errichtet .