Dir die höchste Genugtuung winkt , wenn Du Dich dem Geist der wachsenden Kultur verbündest , wenn Du - geschehe was wolle - ausharrst als Streiter der Güte . Die Zukunft gehört der Güte - das Wort stammt von Tilling - aber damit die Güte zur Eroberin werde , zur Welteroberin , dazu braucht sie ihre kraftvollen Helden . Mögest Du ein solcher sein ! Dabei aber sollst Du nicht - ich sagte es schon - hingeopfert werden . Die Arbeit am Glück anderer schließt das eigene Glück nicht aus . « » Tilling war glücklich , « sagte Rudolf nachdenklich . » Ja - und auch ich . Weißt Du , Rudolf , Du solltest - - doch nein , ich will nicht etwa diese Stunde mißbrauchen , um Dir etwas aufzuzwingen , wozu Dein eigenes Herz Dich nicht drängt ... aber wenn Du Dich einmal einsam fühlst ... Oder , sag ' mir ' s offen : hast Du irgend eine Liebe , die - « » Nein , ich bin frei - und ich verstehe , wo Du hinauswillst ... Cajetane ... Was meintest Du - bei Tisch - als Du sagtest , sie hätte mich geflohen ? « » Es ist so . Sie ahnt , daß Du von ihrer Liebe weißt , und dabei weiß sie , daß Du nicht an sie denkst - also meidet sie Deine Nähe , aus Stolz und aus Furcht - - Sie liebt und bewundert Dich so sehr , daß sie ganz aufgehen würde in Dein Tun und Streben ... davon ist ihr nichts mehr fremd . Nicht nur , daß sie alles auswendig weiß , was Du geschrieben und gesprochen - alle Berichte über Deine Vorträge besitzt sie - sie ist auch durch meine Schule gegangen . Ich habe sie in unsere Ideale eingeweiht - Du hast auf der ganzen Welt keine verständnisvollere und begeistertere Anhängerin als sie , Rudolf . Doch genug - ich darf in dieser Stunde nicht einen Druck auf Deine Entschließungen über - wenigstens in dieser Richtung nicht . Da habe ich noch eine andre sterbende Bitte an Dich : Nimm Dich unserer Sylvia an - sei ihr Stütze ! Sie wird sich erholen - aber jetzt darf man sie ihrem Grübeln nicht überlassen . Nimm Dich ihrer an . « » Ich verspreche es . « » So und jetzt « - Martha erhob sich wieder in sitzende Lage - » jetzt kehre ich wieder zu den Lebenden , den vielleicht noch lange Lebenden zurück . Die Fiktion ist vorüber . Ich will gesund werden . « Rudolf umarmte sie : » Das hoffe ich zuversichtlich , Mutter ! « Am nächsten Tage , als Mutter und Sohn wieder allein waren , kamen sie auf die Gegenstände zurück , die gestern in der fiktiven Sterbestunde besprochen worden - diesmal aber ohne Pathos , in familiärem Ton . » Ich fühle mich heute wirklich viel besser , « sagte Martha , » vielleicht wird ' s noch ganz gut . « » Aber gewiß ! « » Weißt Du , obgleich ich das Sterben nicht fürchte , das Leben ist mir doch noch lieb . Es ist - abgesehen von seinen Freuden , die ja mit seinen Sorgen abwechseln - an sich doch so interessant . Wenigstens fünf Jahre wollte ich noch leben . « » Warum gerade fünf ? « » Weil da ein neues Jahrhundert eintritt , und die Menschen dann vielleicht - « » Ach , das hoffe ich nicht , « unterbrach Rudolf kopfschüttelnd . » Die Natur macht keine Sprünge - die Zivilisation auch nicht . Sag ' mir , Mutter , um von näherliegenden Dingen zu reden : Du wolltest mir keinen bindenden Wunsch aussprechen inbezug auf - - auf - « Er stockte . » Nun ? « » Auf Cajetane - sag ' , würdest Du es wünschen ? ... « ... « » O , wie sehr ! « » Warum ? « » Schon , damit sich Dein Adel fortpflanzt - « » Mein Adel ? Darauf legst Du Wert ? Nun aber ich dem Majorat entsagt habe - « » Mißversteh ' mich nicht . Nicht an den gräflich Dotzkyschen Adel denke ich - sondern an Deinen Rang als Edelmensch . Auch dieses Wort stammt von Tilling , erinnerst Du Dich ? - Und so wie Du den Rang von Tilling übernommen , so könntest Du ihn einst einem Sohn übertragen . Den Stamm derer fortsetzen , die den Mut haben , das Rechte , das sie sehen , auch zu ergreifen - Du würdest ja Deine Kinder danach erziehen . « » Schon wieder denkst Du an ferne Generationen ? - Einstweilen trachte ich erziehend auf meine Zeitgenossen zu wirken - die mich hören und die mich lesen , und vor allem auf mich selber . Ich fühle , daß ich in einemfort mich entwickle und daß ich noch sehr viel zu lernen und an mir zu formen habe . Man muß beständig auf seine innere Stimme horchen - man muß trachten , sein inneres Wesen von allen äußeren Hindernissen zu befreien - « » Man darf kein Kompromißmensch sein , willst Du sagen ? « Die Unterhaltung wurde durch das Hinzukommen von Kolnos und Sylvia unterbrochen . Kolnos überbrachte die eben eingelangten Postsachen und setzte sich damit zu Martha , um ihr , wie es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden , aus den Zeitungen vorzulesen . Rudolf benützte das , um seine Schwester in eine andre Ecke des Zimmers zu führen . » Komm , Sylvia , laß uns ein wenig plaudern ; wir haben eigentlich garnicht Gelegenheit gehabt - ich wollte , daß Du mir Dein Herz ausschüttest . « Unterdessen sah Martha ihre Briefe durch . Sie gab zwei davon Kolnos . » Lesen Sie mir das vor , es wird Sie interessieren . « Er las : » Krasnoje Poljana , den - - . Auf