in zagender Demut der Wage der Gerechtigkeit , und den Demütigen giebt Gott Gnade . Für sie ist die ihnen entgegenleuchtende Freude der Engel schon im Sterben der Beginn der Seligkeit . « » Wer sind die beiden Frauen ? « fragte der Blinde . » Es sind Heldinnen des Herzeleides , des Duldens . Eine Fürstin und eine Arbeiterin , standen sie , die eine auf der höchsten und die andere auf der niedrigsten Stufe des Erdenlebens , einander so fern , daß keine die andere kannte ; aber so verschieden die Arten und die Wege des Lebens sind , sie führen alle vor der großen Entscheidung der Todesstunde zusammen . Die Fürstin war ein liebes , heiteres Kind , welches mit frohen Augen in die verheißungsvolle Zukunft blickte ; es waren ja alle Vorbedingungen irdischen Glückes vorhanden . Da aber griff die Staatskunst mit eiserner Faust in ihr bisher holdes Geschick . Man entriß sie den liebenden Eltern und Geschwistern und brachte sie , die sich vergeblich Sträubende , in ein fernes Land , zu einem fremden Volke , an die Seite eines Herrschers , dem nie ihr Herz gehören konnte . Ihr goldener Jugendtag war dahin ; die Sonne des irdischen Glückes verschwand . Kalte Pflichten begannen , mit furchtbarer Last auf ihr warmes Herz , ihr weiches Gemüt zu drücken ; nur schwer fand sie Atem für ihre nach Verständnis und Liebe verlangende Seele . In diesem Gefühl des Erstickens schrie sie zu Gott , und er sandte ihr den Engel des Glaubens als rettenden Boten . Aus den Höhen des Himmels floß ihr die Kraft , den Pflichten der Erde zu leben ; darum strebte dieses Leben auch wieder zu ihm empor . Sie legte ihr einstiges Sehnen nach Glück in die Hände der ewigen Liebe und erhielt es als Erhörung für das ihr anvertraute , fremde Volk zurück . Sie teilte , obgleich selbst ungeliebt , diese Liebe aus vom Gletschereise ihrer Höhe herab nach allen Seiten . Für sich auf alles gleißende Erdengut verzichtend , ward sie in schlichter Anspruchslosigkeit eine Spenderin der Güte , die im Verborgenen wirkt . Als Fürstin angefeindet und in frostige Einsamkeit geschoben , war heimlich sie die Barmherzigkeit und Segen spendende Mutter der Bedürftigen . Ein jeder ohne stille Wohlthat vollbrachter Tag erschien ihr als verloren . So gingen ihre Jahre hin , und nun sie von der Erde scheidet , umstrahlt kein fürstlicher Pomp ihr einsames , gemiedenes Sterbelager . Nur eine einzige , treue Dienerin kniet unter herzbrechendem Schluchzen dort und betet , betet laut und erschütternd , obgleich ihr bei jedem Worte die Stimme versagen will . Sie allein hat die sterbende Fürstin verstanden und geliebt ; sie war die vertraute Zeugin ihrer Leiden , die verschwiegene Botin ihrer Wohlthätigkeit . Nur sie weiß es , was die geliebte Herrin ihrem Volke war , nur sie ! Doch nein , nicht nur sie ! Es giebt außer ihr noch Einen , der alles sieht und kennt , den allwissenden Erforscher der Herzen und Gedanken . In seinem Buche stehen all die zahllosen Bitterkeiten , die sie auf dem schweren Pfade der Entsagung hinabzukämpfen hatte , alle Angriffe , die sie in gottergebenem Verzicht auf Gegenwehr erduldete , aber auch die ganze Fülle der Liebe , welche sie über die Armen und Bedrängten ausgegossen hat , für alle Ewigkeit verzeichnet . Jetzt , im Augenblicke des Abschiedes , klingt das Schluchzen der neben ihr Betenden aus immer weiterer Ferne in ihr Ohr , und so verschwindet vor ihr auch die Zeit des Duldens und des unverschuldeten Leidens . Zu ihren Seiten tauchen die schönen , goldenen Jugendtage wieder auf und vor ihr die in himmlischer Liebe lächelnden Engel , welche ihr dort an der Wage der Gerechtigkeit entgegenwinken . Ich sage dir , der irdische Thron war ihr ein Marterstuhl , wie er es so vielen um ihn Beneideten ist , aber was sind alle diese Qualen gegen die Herrlichkeit jenseits des Thores da drüben , wo aus jedem Augenblicke des einstigen Herzeleides und aus einer jeden einzelnen ihrer Liebesthaten ihr ein unerschöpflicher Bronn der Seligkeit entgegenfließen wird ! Vom allwissenden Vater im Himmel wird keine Sekunde des Leides und keine noch so heimlich geweinte Thräne seiner Kinder vergessen ! « Da rief der Münedschi freudig aus : » Ich sehe , du hast recht ! Jetzt sieht sie die Engel winken ; sie breitet die Arme nach ihnen aus und beflügelt ihre Schritte . Die andere auch , die mit ihr geht ! « » Diese war eine Tochter der ärmsten Dürftigkeit , « erklärte Ben Nur . » Ihre Kindheit war Hunger , Verachtung und Arbeit . Sie hat nie das Auge einer liebenden Mutter gesehen und vom harten Vater nur die unbarmherzig schlagende Hand gefühlt . Unter fremde Leute geworfen , diente sie treu und ehrlich , doch stets nur bei herzlosen Menschen , und als sie glaubte , ein Herz gefunden zu haben , dem sie sich anvertrauen dürfe , und sich ihm zu eigen gab , da war es ein roher , ein gefühlloser Mann . Er fröhnte dem Spiel , dem Trunk und andern Lastern ; er haßte die Ordnung , die Arbeit und jede ihn bindende Pflicht . Sie mußte schaffen und sorgen für ihn und die zahlreichen Kinder , und that es still und ergeben , als sei ' s ihr nicht anders beschieden . Doch , was sie mit eigener Entbehrung durch rastlose Arbeit errang , das floß bei ihm durch die Gurgel , fiel im Spiele andern zu . Sie sah keine Frucht ihres Fleißes und hielt doch nicht auf , sich zu mühen , denn sie glaubte , es seien die Kinder ein Segen des Himmels , dem sie durch treue , mütterliche Pflege sich würdig zu erweisen habe . Da starb der Mann . Sie begrub ihn ; sie weinte an seinem Grabe ; sie trauerte um ihn , ohne ihm einen Vorwurf