Effi , die jetzt , leicht zugedeckt und die Hände gefaltet , auf dem Sofa lag . » Ich bin erschöpft und habe mich hier eingerichtet , so gut es ging . Darf ich Sie bitten , sich einen Stuhl zu nehmen . « Die Geheimrätin setzte sich so , daß der Tisch , mit einer Blumenschale darauf , zwischen ihr und Effi war . Effi zeigte keine Spur von Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung , nicht einmal die gefalteten Hände . Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig , was die Frau dachte ; nur fort wollte sie . » Sie haben eine traurige Nachricht empfangen , liebe , gnädigste Frau ... « » Mehr als traurig « , sagte Effi . » Jedenfalls traurig genug , um unserem Beisammensein ein rasches Ende zu machen . Ich muß noch heute fort . « » Ich möchte nicht zudringlich erscheinen , aber ist es etwas mit Annie ? « » Nein , nicht mit Annie . Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus Berlin , es waren Zeilen meiner Mama . Sie hat Sorgen um mich , und es liegt mir daran , sie zu zerstreuen oder , wenn ich das nicht kann , wenigstens an Ort und Stelle zu sein . « » Mir nur zu begreiflich , sosehr ich es beklage , diese letzten Emser Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen . Darf ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen ? « Ehe Effi darauf antworten konnte , trat Afra ein und meldete , daß man sich eben zum Lunch versammle . Die Herrschaften seien alle sehr in Aufregung : der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen , und am Schluß seien große Manöver , und die Bonner Husaren kämen auch . Die Zwicker überschlug sofort , ob es sich verlohnen würde , bis dahin zu bleiben , kam zu einem entschiedenen » Ja « und ging dann , um Effis Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen . Als gleich danach auch Afra gehen wollte , sagte Effi : » Und dann , Afra , wenn Sie frei sind , kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir , um mir beim Packen behülflich zu sein . Ich will heute noch mit dem Sieben-Uhr-Zuge fort . « » Heute noch ? Ach , gnädigste Frau , das ist doch aber schade . Nun fangen ja die schönen Tage erst an . « Effi lächelte . Die Zwicker , die noch allerlei zu hören hoffte , hatte sich nur mit Mühe bestimmen lassen , der » Frau Baronin « beim Abschiede nicht das Geleit zu geben . » Auf einem Bahnhofe « , so hatte Effi versichert , » sei man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck beschäftigt ; gerade Personen , die man liebhabe , von denen nähme man gern vorher Abschied . « Die Zwicker bestätigte das , trotzdem sie das Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte ; sie hatte hinter allen Türen gestanden und wußte gleich , was echt und unecht war . Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen , daß die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle ; wer mal in Ems gewesen , der komme immer wieder . Ems sei das schönste , außer Bonn . Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt , nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon , sondern draußen auf der Veranda , an demselben Tisch , an dem sie kaum zehn Stunden zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte . Sie freute sich auf den Brief , der einer befreundeten , zur Zeit in Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte . Beider Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen Männerwelt geltenden starken Skepsis ; sie fanden die Männer durchweg weit zurückbleibend hinter dem , was billigerweise gefördert werden könne , die sogenannten » forschen « am meisten . » Die , die vor Verlegenheit nicht wissen , wo sie hinsehen sollen , sind , nach einem kurzen Vorstudium , immer noch die besten , aber die eigentlichen Don Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung . Wo soll es am Ende auch herkommen . « Das waren so Weisheitssätze , die zwischen den zwei Freundinnen ausgetauscht wurden . Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr als dankbaren Thema , das natürlich » Effi « hieß , eben wie folgt fort : » Alles in allem war sie sehr zu leiden , artig , anscheinend offen , ohne jeden Adelsdünkel ( oder doch groß in der Kunst , ihn zu verbergen ) und immer interessiert , wenn man ihr etwas Interessantes erzählte , wovon ich , wie ich Dir nicht zu versichern brauche , den ausgiebigsten Gebrauch machte . Nochmals also , reizende junge Frau , fünfundzwanzig oder nicht viel mehr . Und doch hab ich dem Frieden nie getraut und traue ihm auch in diesem Augenblicke noch nicht , ja , jetzt vielleicht am wenigsten . Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine wirkliche Geschichte dahinter . Dessen bin ich so gut wie sicher . Es wäre das erste Mal , daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte . Daß sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte , das und der gelegentliche Gretchenblick , der jedesmal versicherte , kein Wässerchen trüben zu können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da kommt eben unsere Afra , von der ich Dir glaub ich , schon schrieb , eine hübsche Person , und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch , das ihr , wie sie sagt , unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe ; die blau angestrichene Stelle . Nun verzeih , wenn ich diese Stelle erst lese ... Nachschrift . Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie gerufen . Ich schneide die blau angestrichene Stelle