aus Dresden eine reiche Sendung kommen und führte dieselbe , trotz allen entgegenstehenden Schwierigkeiten , nach den Punkten , welche der Hilfe bedurften ; sie übernahm die Vertretung der patriotischen Vereine auf böhmischem Boden und errang sich da eine Stellung gleich derjenigen , welche Florence Nightingale in der Krim eingenommen . Und ich ? Gebrochen , trostlos , von Schmerz und Ekel überwältigt - nichts habe ich zu helfen vermocht . Schon in der Kirche - unsere erste Etappe - fiel ich auf den Stufen jenes Marienaltars erschöpft zusammen und Doktor Bresser hatte alle Mühe , mich wieder aufzurichten . Von dort schleppte ich mich an seiner Seite eine Strecke weiter und wir kamen in eine solche Scheune , welche ein Bild bot , wie es Frau Simon beschrieben . In der Kirche wenigstens war ein weiter Raum , wo die Unglücklichen neben einander lagen , hier aber waren sie auf- und ineinander geschichtet - haufen- und knäuelweise ; in die Kirche waren doch Pflegende - vielleicht ein durchmarschierendes Sanitätskorps - gekommen , welche zwar mangelhafte , aber doch einige Hilfe geboten hatten ; hier aber waren lauter ganz ungefunden Gebliebene - eine krabbelnde , wimmernde Masse halbverfaulter Menschenreste ... Erstickender Ekel packte mich an der Kehle , bitterster Jammer am Herzen - mir war als fühlte ich Letzteres entzwei brechen - und ich stieß einen gellenden Schrei aus . Dieser Schrei ist das letzte , was mir von jener Scene in Erinnerung geblieben . Als ich wieder zur Besinnung kam , befand ich mich in einem fahrenden Eisenbahnwagen . Mir gegenüber saß Doktor Bresser . Als er gewahrte , daß ich die Augen geöffnet und erstaunt und forschend um mich schaute , ergriff er meine Hand : » Ja , ja , Frau Martha , « sagte er , » dies ist ein Koupee zweiter Klasse - Sie träumen nicht . Sie sind hier in Gesellschaft einiger leichtverwundeter Offiziere und Ihres Freundes Bresser , und wir fahren nach Wien . « So war es . Der Doktor hatte einen Transport Verwundeter von Horonewos nach Königinhof gebracht , und von dort war ihm ein anderer Transport zur Beförderung nach Wien anvertraut worden . Mich Ohnmächtige - in der doppelten Bedeutung des Wortes ohnmächtig - hatte er mitgenommen und brachte mich nach Hause . Ich hatte mich auf jenen Stätten des Elends als völlig unnütz und unfähig erwiesen , als ein Hindernis und eine Bürde ; Frau Simon war sehr froh , als Doktor Bresser mich fortschaffte . Und ich mußte zugeben , daß es so am besten war . Aber Friedrich ? - Ich hatte ihn nicht gefunden . Gott sei Dank - daß ich ihn nicht gefunden : so war noch nicht alle Hoffnung tot : und hätte ich gar den geliebten Mann unter jenen Jammergestalten erkennen müssen - ich wäre wahnsinnig geworden ! Vielleicht würde ich zu Hause einen Brief meines Friedrich vorfinden ... Diese Hoffnung - nein , Hoffnung ist zu viel gesagt : der Gedanke an diese bloße Möglichkeit - goß mir einen Balsam in die wunde Seele . Ja wund - wund fühlte ich mein Inneres ... Das Riesenweh , welches ich gesehen , hatte mir so tief ins eigene Herz geschnitten , daß mir war , als sollte es nie mehr ganz geheilt werden können . - Auch wenn ich meinen Friedrich wiederfände , auch wenn mir eine lange Zukunft von Glanz und Liebe bescheert würde , könnte ich denn jemals vergessen , daß so viele andere meiner armen Menschenbrüder- und -Schwestern so unsägliches Unglück tragen müssen ? So lange tragen müssen , als sie nicht zur Einsicht kommen , daß dieses Unglück nicht Verhängnis , sondern Verbrechen ist . - - Ich schlief beinahe während der ganzen Fahrt . Doktor Bresser hatte mir ein leichtes Narkotikum eingegeben , damit ein langer und fester Schlaf meine durch die Erlebnisse von Horonewos so erschütterten Nerven wieder einigermaßen beruhige . Als wir auf dem wiener Bahnhof ankamen , stand schon mein Vater da , mich abzuholen . Doktor Bresser , der an Alles dachte , hatte nach Grumitz telegraphiert . Ihm selbst wäre es nicht möglich gewesen , mich dahin zu begleiten , da er seine Verwundeten in das Hospital zu bringen hatte und dann unverzüglich wieder nach Böhmen zurückkehren wollte . Mein Vater umarmte mich schweigend und auch ich fand kein Wort zu sagen . Dann wandte er sich an Doktor Bresser . » Wie soll ich Ihnen danken ? Hätten Sie nicht diese kleine Verrückte in Schutz genommen - - « Aber der Doktor drückte uns eilig die Hände . » Ich muß weg , « sagt er , » ich habe Dienst . Kommen Sie glücklich nach Hause . Die junge Frau braucht Schonung , Excellenz ... ist stark erschüttert worden ... keine Vorwürfe , kein Ausfragen ... schnell ins Bett : ... Orangenblütenwasser ... Ruhe , Adieu ! « Und fort war er . Mein Vater legte meinen Arm in den seinen und führte mich durch das Gedränge dem Ausgang zu . Da stand wieder eine lange Reihe von Ambulanzwagen . Wir mußten eine Strecke zu Fuß gehen , um zu der Stelle zu gelangen , wo unser Wagen wartete . Die Frage : » Ist mittlerweile Nachricht von Friedrich gekommen ? « stieg mir wiederholt zu den Lippen empor , ich fand aber nicht den Mut , sie auszusprechen . Endlich - wir waren schon ein Stück gefahren und mein Vater war noch immer stumm - brachte ich dieselbe hervor : » Bis gestern Abend nicht , « lautete die Antwort . » Möglich , daß wir heute Nachricht finden . Ich bin nämlich schon gestern , gleich nach Empfang des Telegramms , zur Stadt gefahren . Ach , hast Du uns Angst gemacht , Du närrisches Ding ! Auf die Schlachtfelder fahren , dem grimmigen Feind entgegen - diese Leute sind ja wie die Wilden ... Durch ihre Spitzkugelsiege sind sie ganz berauscht ... und überhaupt : disziplinierte Soldaten sind