auch die Lasten eines solchen Glücksfalls kennen . Kaum konnte er sich der Bettler erwehren , die ihn im Laden und daheim bestürmten ; auch allerlei Plänemacher rannten ihm die Tür ein , der eine wollte mit seinem Gelde einen Kramladen , der andere ein Viehgeschäft , der dritte eine Brauerei eröffnen . Vor allem machten ihm die Geldmakler zu schaffen ; dreihundert Gulden waren - und sind noch heute - in einer galizischen Kleinstadt ein großes Kapital . Der eine bot ihm zwanzig , der andere gar dreißig und mehr Prozent Zinsen , und es waren Leute darunter , die für den Betrag gut waren . Aber Sender trug sein Geld zur Sparkasse , obwohl sie nur fünf vom Hundert bezahlte . Selbst die Mutter ließ dies nicht ohne heftigen Widerspruch geschehen , den anderen vollends war seine Handlungsweise unfaßlich . Nur die Mildesten meinten : » Eben ein Pojaz , wie sollt ' der mit Geld umzugehen wissen ? « wogegen Dovidl rief : » Ein Verrückter - ich fahr ' aus der Haut ! « Zu dieser ohnehin schwer erfüllbaren Drohung ließ sich übrigens der Winkelschreiber jetzt seinem Schreiber gegenüber seltener hinreißen als sonst , der » Kapitalist « hatte ihn nun ja nicht mehr nötig . Sogar Senders Verlangen , nun täglich zwei Freistunden mehr zu erhalten , führte zu einer gütlichen Einigung , nachdem er auch vom Lohn einen Gulden geopfert . Nur ein Zwischenfall hätte der Beziehung fast ein Ende gemacht , denn in Dingen der Rechtgläubigkeit verstand Morgenstern keinen Spaß , schon aus Geschäftsgründen . Da brachte nämlich eines Tages , als Sender abwesend war , der Postbote ein Paket für ihn , für das neun Gulden Nachnahme zu bezahlen waren . Da ein Lemberger Buchhändler als Absender darauf stand , legte Dovidl den Betrag aus ; er wollte wissen , welche Gesetze da der künftige Konkurrent heimlich bezogen , und ihm scharf ins Gewissen reden . Er war angenehm enttäuscht , als er , eine Sprachlehre und einen » Briefsteller « abgerechnet , deren Nutzen auch ihm einleuchtete , im Paket lauter » dummes Zeug « fand ; wozu brauchte ein Winkelschreiber eine Weltgeschichte , ein Lesebuch und ähnliches ? Daneben lag aber noch ein dünnes Büchlein , und als Morgenstern dieses aufschlug , und nur zwei Zeilen las , ließ er es entsetzt fallen . Denn diese Zeilen lauteten : » Frage . An wen glaubst du ? Antwort : An meinen Herrn und Heiland Jesum Christum ... « Es war entsetzlich , es war grauenvoll , aber nicht zu bezweifeln : Sender war entweder bereits heimlich getauft oder bereitete sich dazu vor . Einen solchen Menschen aber durfte er nicht länger unter seinem Dache dulden , sonst traf ihn selbst der Bannstrahl des Rabbi . Und darum harrte er dem Eintreten Senders in wildester Erregung entgegen und rief ihm dann kreischend zu : » Gib mir neun Gulden , nimm deine Bücher und geh ' ... Abtrünniger , weh ' dir ! « Sender blickte ihn verblüfft an , zog , nachdem er den Zusammenhang begriffen , sein Beutelchen , zählte die neun Gulden auf den Tisch , griff nach den Büchern und fragte dann ruhig : » Seid Ihr wirklich so beschränkt wie Rabbi Manasse , oder stellt Ihr euch nur so ? « » Ich platz ' ... Schlag ' das Büchlein auf ... Ich rühr ' s nicht an - das dünne da ... Nun ? « Sender las : » Katechismus für katholische Volksschulen ... Das hab ' ich nicht bestellt . « » Nicht bestellt ? Ich fahr ' aus der Haut ... Und was steht in dem Brief da ? « Er hielt ihm den Begleitbrief der Buchhandlung unter die Nase . Die Firma schrieb , sie habe , da die Post ihr den Brief verspätet übergeben , den Auftrag erst jetzt ausführen können und die verbreitetsten unter den gewünschten Büchern gewählt , gern sei sie eventuell zum Umtausch bereit . » Doch können wir Ihnen « , schloß der Brief , » keinen anderen Katechismus als den beiliegenden senden , da wir nur diese offizielle , vom erzbischöflichen Ordinariat approbierte Ausgabe führen , und es unseres Wissens Katechismen für einzelne Stände nicht gibt . « Nun war Sender die Sache klar . » Esel « , murmelte er , obgleich die Schuld an ihm lag . Er hatte einen » Katechismus für einen künftigen Schauspieler « bestellt . Laut aber sagte er : » Ein Mißverständnis . Ich schicke das Büchlein vor euren Augen zurück . Genügt euch das ? « » Nein ! « rief der Winkelschreiber . » Ich muß doch wissen , was vorgeht . So gesteh ' s doch , du willst Christ werden . « Erst nachdem ihn Sender darüber mit den feierlichsten Eiden beruhigt , gab sich Dovidl zufrieden , sofern er noch den Brief an den Buchhändler zu lesen bekomme . Aber dies konnte ihm Sender nicht versprechen , er gedachte seine Bestellung deutlicher zu wiederholen und für die Sendung Fedkos Adresse anzugeben . Dovidl war der letzte , den er in seine Pläne hätte einweihen mögen . » Entscheidet euch « , sagte er . » Genügt euch mein Schwur nicht , so sind wir geschiedene Leute . Und ebenso gehe ich , wenn Ihr jemand eine Silbe von dem Katechismus erzählt . « Dovidl fluchte und jammerte , dann gab er nach . Die nächsten Wochen vergingen Sender in stiller , fleißiger Arbeit . Er konnte sich ihr ungestört widmen , im Freien , im Laden , in seinem Hause ; die deutschen Bücher mehrten ihm nun sogar den Respekt bei den Leuten , sie gehörten ja zu seinem Geschäft . Nicht ohne Rührung trat er zuweilen in jenen Schloßhof , wo ihn vor Jahresfrist der unglückliche » Furbes « das Lesen gelehrt ; das Schicksal hatte ihn doch wohl geleitet , wie ungleich näher fühlte er sich nun seinem Ziele ! Aber nicht