Platz nehmen , wo ihm beliebte . Ich nahm zum ersten und letzten Mal den Männerstuhl in Beschlag , welcher zu unserm Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte . Er war seit dem Tode des Vaters , also viele Jahre , leer geblieben , oder vielmehr hatte sich ein armes Männchen , das sich keines Grundbesitzes erfreute , darin angesiedelt . Als er herankam und mich in dem Gehäuse vorfand , ersuchte er mich mit kirchlicher Freundlichkeit , » seinen Ort « räumen zu wollen , und fügte belehrend hinzu , in diesem Reviere seien alles eigengehörige Plätze Ich hätte als ein grüner Junge füglich dem bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können ; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten im Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune ; auch wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen , und endlich tat ich dieses nur in dem Bewußtsein , daß der Abgewiesene alsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne , und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen . Als ich ihn meinerseits auch belehrt und ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen sah , nahm ich mir vor , ihm am andern Tage anzudeuten , daß er sich immerhin meines Stuhles bedienen solle , indem ich denselben nicht brauche . Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen , wie es mein Vater getan . Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche , denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferm Mute , indem er den großen und guten Geist , welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah , alsdann besonders fühlte und verehrte . Weihnachten , Ostern , Himmelfahrt und Pfingsten waren ihm die herrlichsten Freudentage , an welchen es mit Betrachtungen , Kirchenbesuch und frohen Spaziergängen auf grüne Berge hoch herging . Diese Vorliebe für Festtage hatte sich auf mich vererbt , und wenn ich an einem Pfingstmorgen auf einem Berge stehe in der kristallklaren Luft , so ist mir das Glockengeläute in der fernen Tiefe die allerschönste Musik , und ich habe schon oft darüber spintisiert , durch welchen Gebrauch bei einer allfälligen Abschaffung des Kirchentumes das schöne Geläute wohl erhalten werden dürfte . Es wollte mir jedoch nichts einfallen , was nicht töricht und gemacht ausgesehen hätte , und ich fand zuletzt immer , daß der sehnsüchtige Reiz der Glockentöne gerade in dem jetzigen Zustande bestehe , wo sie fern aus der blauen Tiefe herüberklangen und mir sagten , daß dort das Volk in alten gläubigen Erinnerungen versammelt saß . In meiner Freiheit ehrte ich dann diese Erinnerungen wie diejenigen der Kindheit , und eben dadurch , daß ich von ihnen geschieden war , wurden mir die Glocken , die so viele Jahrhunderte in dem alten schönen Lande klangen , wehmütig ergreifend . Ich empfand , daß man nichts » machen « kann und daß die Vergänglichkeit , der ewige Wandel alles Irdischen schon genugsam für poetisch sehnsüchtigen Reiz sorgen . Der Freiheitssinn meines Vaters in religiöser Hinsicht war vorzüglich gegen die Übergriffe des Ultramontanismus und gegen die Unduldsamkeit und Verknöcherung reformierter Orthodoxen gerichtet , gegen absichtliche Verdummung und Heuchelei jeder Art , und das Wort Pfaff war bei ihm daher öfter zu hören . Würdige Geistliche ehrte er aber und freute sich , ihnen Ergebenheit zu zeigen , und wenn es womöglich ein erzkatholischer , aber ehrenwerter Priester war , welchem er Ehrerbietung beweisen konnte , so machte ihm dies um so größeres Vergnügen , gerade weil er sich im Schoße der Zwinglischen Kirche sehr geborgen fühlte . Das Bild des humanen und freien Reformators , der auf dem Schlachtfelde gefallen , war meinem Vater ein geliebter sicherer Führer und Bürge . Ich aber stand nun auf einem andern Boden und fühlte wohl , daß ich bei aller Verehrung für den Reformator und Helden doch nicht eines Glaubens mit meinem Vater sein würde , während ich seiner vollkommenen Duldsamkeit und Achtung für die Unabhängigkeit meiner Überzeugung gewiß war . Dieses friedliche Ausscheiden in Glaubenssachen zwischen Vater und Sohn , welches ich arglos voraussetzte , feierte ich nun in dem Kirchenstuhle , indem ich mir den Vater noch lebend vorstellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte ; und als die Gemeinde sein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied : » Dies ist der Tag , den Gott gemacht ! « anstimmte , sang ich es für meinen Vater laut und froh mit , obgleich ich Mühe hatte , den richtigen Ton zu halten ; denn rechts stand ein alter Kupferschmied , links ein gebrechlicher Zinngießer , welche mich mit den seltsamsten Arabesken von der rechten Bahn zu locken suchten , und dies um so lauter und kühner , je standhafter ich blieb . Dann hörte ich aufmerksam auf die Predigt , kritisierte sie und fand sie gar nicht übel ; je näher das Ende rückte und mir die Freiheit winkte , desto trefflicher fand ich die Predigt , und ich nannte in meinem Herzen den Pfarrer einen wackern Mann . Meine Stimmung wurde immer heiterer ; endlich fand das Abendmahl statt ; aufmerksam verfolgte ich die Zurüstungen und beobachtete alles sehr genau , um es nicht zu vergessen ; denn ich gedachte nicht mehr dabei zu erscheinen . Das Brot besteht aus weißen Blättern von der Größe und Dicke einer Karte und sieht feinem glänzendem Papiere ähnlich . Der Küster backt es , und die Kinder kaufen sich bei ihm die Abfälle als einen unschuldigen Leckerbissen , und ich selbst hatte mir manchmal eine Mütze voll erworben und mich gewundert , daß man eigentlich doch nichts daran äße . Zahlreiche Kirchendiener teilen es aus , den Reihen entlang , worauf die Andächtigen eine Ecke davon brechen und die Blätter weitergeben , während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nachfolgen lassen . Manche Leute , besonders die Frauen und Mädchen , behalten