Kinder haben mehr Fähigkeit , als ich je erfahren - den ganzen Katechismus kennen sie auswendig . Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein eigenes Gesetz für das Seligwerden herausgegeben haben , und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg nicht so viel vom Teufel gesprochen worden als jetzt . 24. August 1856 . Heute ist öffentliche Schulprüfung gewesen . Der Dechant von der Kreisstadt ist da . In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden . Was das Übrige anbelangt , hat er den Kopf geschüttelt . Beim Kommen hat er mich artig gegrüßt , beim Fortgehen hat er mich nicht gesehen . Oft sitze ich eine lange Weil ' da oben im Schachen unter den alten Bäumen . Dieser Schachen ist noch übrig geblieben , von den großen Wäldern , über dessen Gründen sich die Gemeinde breitet , als ein in die Kette der Menschheit eingereihtes Glied . Ich mag unter dem Schachen sitzen , so lange ich will , kein Mensch ruft mich . Wenn die Toten nur nicht gar so fest schliefen ! Ich bin ein alter Späher . Meine Augen sind krank und müd ' und gucken doch zuweilen was aus . Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen , wie der Reiter Peter das Schirmtannermädchen an der Hand gefaßt und nicht mehr lassen hat wollen . Durch tausend Gebärden hat er ihr was erzählt , das Blut ist ihm in die Wangen gestiegen , aber das Mädchen hat fortweg gesagt : » Nein , Peter , nein . « Da hat der Junge jählings die Geige bei der Hand und spielt der Rosa ein Stück vor , das ich ihm nicht gelehrt hab ' . Wundersam ist es gewesen , wie ich es meiner Tag nimmer hätt ' gemeint , daß der Peter spielen könnt ' . Ja , und so lange hat er ' s getrieben , bis ihm die Rosa ist an den Hals gefallen : » Hör ' auf , mir tut ' s zu weh ! Peter , ich hab ' dich ja gern . « ' s ist ein Gescheer mit den jungen Leuten . Hat so ein Bursch ' keine Stimm ' zum Schwätzen , so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an . Zur Winterszeit 1857 . So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund . Was man ihm auch anvertrauen mag , es vergißt nichts und plaudert nichts aus . Wenn ich diese Schriften durchsehe , so kann ich es gar nicht glauben , daß ich das alles mit erlebt und geschrieben habe . Es sind wunderliche Geschichten . Ich bin doch einmal wer gewesen ! Aus einem alten Mann bin ich ein junger geworden ; aus einem jungen wieder ein alter , halbblinder , dem bei dem Meßliede schon die Noten tanzen auf dem Blatt . Die Leut ' haben mich beiseite geschoben ... Mein Gott , anderen geht es auch nicht besser . Ich verlang ' ja nichts ; ich hab ' mein Teil getan und bin ' s zufrieden . 1864 . Und seit fünfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wäldern gekommen . Und die Waldleute entstehen , leben und vergehen , dahier und steigen in ihrem ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg , wo man die Herrlichkeit kann sehen , und am hellen Wintertag das Meer . Das Meer ! Wie wird es da leicht und weit im Herzen ! Dort zieht ein Kahn , steht ein Jüngling darin , der winkt - Heinrich ! Was ist das ? - Der Narr ! Versitzt seine Lebenszeit im Winkel und hätt ' ein Schiffer werden sollen ! Heiliger Abend 1864 . Die Laufbahn ist kurz . Vom Winkelhüterhause bis hinab zu der Kirchhofsmauer rutschen sie auf ihren Brettchen und Schlittchen dahin über den gefrorenen Schnee . Und wie sie dabei lärmen und die Sache beeifern ! - Ich warte auf den Reiter Peter , er kommt mit seiner Geige , daß wir zusammen das neue Krippenlied versuchen . Einstweilen gucke ich den lustigen Kindern zu und schreibe . Pelzhauben haben sie auf , die Kleinen und eine ganze Weile haben sie zu trippeln und zu schnaufen , bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen - und unten sind sie in zehn Augenblicken . Lange Müh ' und kurze Freud ' ! Der Peter kommt mit der Weihnachtsprobe . » Schlaf ' süß , schlaf ' in heiliger Ruh ' ! « Das Lied soll morgen - Das letzte Blatt - morgen - Mit diesem Worte enden die Schriften . Zwei lange Regentage hatte ich gelesen . Aus dem vorigen Jahrhundert hatte ich mich durch ein merkwürdiges Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen Weihnachtsfeste . - morgen - Der Kopf war mir heiß und schwer , ich blickte nach der Tür . Der Mann muß ja hereintreten und weiter schreiben , was am nächsten Morgen gekommen , wie es weiter gewesen war . Denn das ist kein Abschluß und kein Abschied , das ist ein hoffender Blick in die Zukunft , ein Morgenstern . Fast wie eine Überzeugung empfand ich ' s : der Schulmeister lebt . In der Fremde wird er wandern und irren , der arme Mann mit der großen Sehnsucht , die keinen Namen hat . Es ist die Sehnsucht , die wir alle empfinden , ob seichter , ob tiefer , die Sehnsucht nach dem Ganzen , Allgemeinsamen , nach dem Wahren aber Unfaßbaren , in dem unsere drängende , strebende , bangende Seele Ruhe und Erlösung zu finden hofft . Mir war , als müßte ich auf und davon und den alten , guten , kindlichen Mann suchen allerwege . - Was war das für ein großes Streben und Ringen gewesen ! Ein vergebliches Aufraffen nach den Zielen der Gesellschaft ; ein krampfhaft unterdrücktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft , ein verzweifeltes Hineinstürzen in die Wirren des Lebens , ein begeisterter Flug durch die Welt , ein furchtbares Erwachen aus Täuschung , ein Fliehen in die Öden