ihr Gesicht überlief . » Ich würde mich nie anders als standesgemäß verheiraten - diese Hofgecken sind mir aber in den Tod zuwider ... Ich will auch nicht lieben , ich will nicht ! ... Ich habe ein ganz anderes Ziel - Aebtissin in einem Damenstift will ich werden - da kommt manche unter mein Zepter , die mich getreten hat - sie mögen sich hüten ! ... Uebrigens begreife ich dich nicht , Dagobert , « sagte sie nach einem tiefen Atemholen weiter . » Wir haben doch längst ausgemacht , daß die Sache erst im Januar , wenn du hierher versetzt bist , zum Austrag kommen darf , daß wir unterdes schweigen und so viel wie möglich Material sammeln wollen . Es wird mir schwer genug werden , allein hier auszuharren - kostet es mich doch jetzt schon die größte Ueberwindung , dem Onkel in die Augen zu sehen und nicht sagen zu dürfen : Betrüger , der du bist ! - mit der Fliedner verkehren zu müssen , die das friedfertigste und harmloseste Gesicht macht und uns systematisch bestehlen hilft - die boshafte Katze ! Und ich habe sie wirklich gern gehabt ! ... Es geht fast über meine Kräfte , aber es hilft nichts , es muß sein ! Eckhof hat recht , wenn er uns unausgesetzt die möglichste Ruhe und Vorsicht predigt . « Sie wischte mit ihrem Taschentuch die Nässe vom Tisch und drückte den aufgerüttelten Kasten wieder fest in seine Fugen . Was sie nun trieben und erforschten , ich beteiligte mich nicht mehr daran . Ich hatte mich zwischen die Glasthür und den Schreibtisch geflüchtet und stand da als Schildwache ... Ich meinte , das Zittern des Bodens unter mir daure fort , aber es war in meinen Füßen . Nie in meinem ganzen Leben war mir so entsetzlich zu Mute gewesen , als in dem Augenblick , wo es sich urplötzlich wie lebendige Klammern um mich gelegt hatte . Wäre ich in einen dunklen Abgrund gestoßen worden , ich hätte mich nicht mehr fürchten können , als vor diesem heißen Flüstern einer halberstickten Stimme , das ich zum Teil gar nicht verstand , und das mir doch das Blut in Wangen und Schläfe trieb ... Am liebsten hätte ich alles hinter mir gelassen und wäre gelaufen , soweit mich meine Füße tragen konnten ; allein die Furcht , daß der Schreibtisch schließlich doch noch erbrochen werden könne , hielt mich fest . Stundenlang mußte ich auf meinem Posten ausharren . Mehrere Zimmer , die hinter den von mir entdeckten lagen , und deren letzteres auch in den Saal mündete , wurden durchsucht ... Mittlerweile ließ das Sturmgeheul draußen nach ; das Trommeln auf den Steinplatten des Balkons verwandelte sich in ein sanfteres Plätschern , und durch die blassen Seidenvorhänge der Glasthüren brach ein hellerer Schein , der die Schelmengesichter an den Wänden lustig wieder aufleben ließ . » Das ist unser Wappen , Kleine , sehen Sie sich ' s an , « sagte Charlotte , endlich wieder heraustretend , zu mir . Sie hielt mir einen Siegelring mit einem geschnittenen Stein hin . » Papa hat zwar nie Ringe getragen , wie heute Ihre Hoheit versicherte , trotz alledem existiert dieser und ist augenscheinlich oft als Petschaft benutzt worden - er lag auf Papas Schreibzeug ; ich nehme ihn mit , als das einzige , was ich mir vorläufig aneigne . « Sie ließ den Ring in ihre Tasche gleiten . Ich war erlöst . Wir gingen hinab , und der Schrank wurde wieder an seine Stelle gerückt . Als die wohlberechtigten Erben des Freiherrn Lothar von Claudius , als die Seitensprossen des herzoglichen Hauses waren die Geschwister wieder aus dem dunklen Treppenschacht hervorgegangen , den Charlotte noch unter den Qualen banger Zweifel betreten hatte . Sonnenklar lag die Lösung des Rätsels da - auch für mich - wie war es Herrn Claudius möglich gewesen , mit reiner Stirne und so fester Stimme die Wahrheit zu verleugnen ? ... Und trotzdem , mochte die Sache liegen , wie sie wollte - er hatte doch nicht gelogen ! ... 25 Charlotte griff nach ihrem Shawl ; aber sie ließ ihn erschreckt wieder sinken , lief an das Fenster und riß es auf . » Was gibt ' s , Herr Eckhof ? « rief sie hinaus . Der alte Buchhalter rannte quer über den Kiesplatz nach dem Hause . Er war ohne Hut und sein sonst so beherrschtes Gesicht sah verstört aus - er war augenscheinlich tief alteriert . » In Dorotheenthal ist ein Wolkenbruch niedergefallen ! « rief er atemlos herüber . » Mindestens vierzigtausend Thaler Verlust für die Firma Claudius ! Alles ersäuft und verwüstet , was wir seit Jahren draußen mühsam angelegt und gepflegt haben ! ... Hören Sie den Notschuß ? ... Auch Menschen sind in Gefahr ! « Dorotheenthal war eine Besitzung der Claudius , ein altertümliches , einst adeliges Herrenhaus , das , samt einem Dorf , sehr tief auf ziemlich enger Thalsohle lag . Die Firma stützte ihren Betrieb weit mehr noch auf die Ländereien in Dorotheenthal , als auf die Gärten zu K. Die Holzsämereien waren ganz auf diesen Distrikt verwiesen , und besonders hatten kostbare Koniferenexemplare Dorotheenthal eine Art Ruf verschafft . Die einzelnen Blumengattungen waren hier ackerweise vertreten , und Ananas- , Orchideen- und Kaktushäuser umkreisten in bedeutender Anzahl das Schlößchen . Einige kleine Seen und ein ziemlich reißender Fluß , der das Thal durchschnitt , erleichterten den kolossalen Betrieb ungemein ; aber in diesem Augenblick war das hilfreiche Element zum teuflischen Feind geworden - die Seen waren übergetreten , und der Fluß hatte sich , einen Damm durchsprengend , mit ihnen vereint , wie Eckhof noch herüberrief , ehe er in der Halle verschwand . » Welch ein Unglück ! « rief Charlotte mit totenblassem Gesicht und schlug die Hände zusammen . » Ah bah - was brauchst du da zu erschrecken ? « sagte Dagobert achselzuckend . » Was