Freundin traten , fanden sie dieselbe nicht wie alle Tage für ihren Geschäftsbetrieb gerüstet . Das Bett war unberührt , sie selber aber saß im Nachtkleide zurückgesunken in dem Lehnstuhle , der schon in ihrem Vaterhause gestanden hatte . Auf dem Schreibtische vor ihr lag die alte Erbbibel aufgeschlagen bei dem achten Kapitel des Römerbriefes , und die Worte des vierzehnten Verses : » Denn welche der Geist Gottes treibt , die werden Gottes Kinder heißen , « waren sichtbarlich frisch unterstrichen . Neben der Bibel aber fanden sie ein Manuskript , dessen Aufschrift mit den gewohnten kräftigen Handzügen lautete : » Mein Geheimnis . Ohne Zeugen zu lesen von Ludwig und Hardine Nordheim am Abend vor der Eröffnung meines letzten Willens . « Erst spät in der Nacht schien das Siegel auf diese Mitteilung gedrückt worden zu sein , denn die Lackstange wie das Reckenburgsche Wappen zeigten Spuren des kürzlichen Gebrauchs , und die einzige Kerze , welche dem scharfen Auge und der schlichten Gewöhnung der Matrone noch immer genügte , war tief herabgebrannt . Noch hatte sie die Flamme sorglich gelöscht , dann mit gefalteten Händen , im Rückblick oder Aufblick , mochte sie noch eine Weile geruht haben und so entschlummert sein . Nicht , wie die Kinder beim ersten Eindruck hofften , um wiederum zu erwachen , nein , eingeschlummert für immer . Ein Herzschlag hatte sie getötet . Kein Zeichen von Kampf oder Krampf entstellte die ruhigen Züge , ein leises Lächeln umspielte die Lippen , und auf den Wangen war der letzte rötliche Hauch noch nicht entflohen . Das tote Antlitz sah sich schöner an als einst das lebende . Noch zeigte es das milde Entzücken des Heimganges , jenen Adel der letzten Stunde , welcher den Schmerz der Überlebenden zu ewigem Troste verklärt . Die letzte Reckenburgerin war geschieden vor dem Hinsiechen einer Kraft , im bewußten Frieden mit Gott , mit seiner Welt und mit sich selbst . Heute aber lief die Monatsfrist zu Ende , die sie bis zur Enthüllung ihres langbewahrten Geheimnisses anberaumt hatte . Die Sonne des Oktobertages neigte sich , und wir empfinden den feierlichen Ernst , mit welchem wir die jungen Gatten , in tiefe Trauerkleider gehüllt , die Terrasse hinabsteigen und schweigend den Ulmengang bis zum Waldesrande verfolgen sehen . Eine langgehegte Neigung des Herzens hatte Ludwig und Hardine zusammengeführt , und die Liebe , sagt man ja , wählt blind . Aber auch der scharfprüfende Blick ihrer Beschützerin würde kaum zwei Menschen gefunden haben , welche wie diese beiden zur gegenseitigen Ergänzung geschaffen schienen . So klaren Auges , von so kraftvoller Struktur und Färbung , wie die des jungen Mannes , so hoch aufgerichtet wie ihn , würden wir uns einen leiblichen Sprossen des Reckenburger Stammes haben vorstellen können . So sicher seiner selbst und rasch zur Tat mußte der Gehilfe sein , welchen Fräulein Hardine sich in ihrem Amte erwählt hatte . Der frohmütige Gymnasiast , der schon bei der ersten Begegnung das Herz des wandernden Invaliden gewonnen hatte , war ein ganzer Mann geworden und ein guter Mann . Hardine aber , wie sie sich jetzt so dicht an den einzigen Beschützer schmiegt , dessen Schulter der weiche , goldglänzende Scheitel kaum erreicht , jeder Blick des großen , feucht schimmernden Auges eine Frage , jede Biegung der anmutigen Glieder , jede Blutwelle unter der durchsichtigen Haut der Ausdruck eines liebebedürftigen Gemüts , so gleicht sie der jungen Birke , deren Laub im leisesten Hauche zittert , und deren zarter Schaft zusammenknicken würde , wenn Sturm und Wetter sich nicht an dem hochragenden Wipfel des schützenden Eichenbaumes brechen sollten . Es war einer von den seltenen Tagen , deren Sonnengold und Farbenspiel wir so dankbar als letzte Gunst des Jahres genießen . Ludwig und Hardine erstiegen einen Hügel , der , zwischen Garten und Forst , meilenweit über die Flußaue einen Ausblick bietet . Die Herbstspinne hatte die Stoppeln der Felder mit einem silbernen Netze verhüllt , die Zeitlose einen Violenschimmer über die noch immer saftgrünen Wiesen gebreitet . Leise drangen die Glocken der abweidenden Herden herauf ; die Spätlingsdüfte der Reseda mischten sich mit der Würze des Waldes , der in allen Schattierungen des absterbenden Laubes und der immergrünen Nadeln die Landschaft umrahmt . Breit und ruhig wallte der Strom , ein Spiegel reinster Himmelsbläue , bis er fern im Westen im Glanze der sinkenden Sonne verschwand ; gegen Morgen aber stand die feine Sichel des Mondes gleich einem Diadem über dem schwärzlichen Tannenforst , und aus dem Grunde stiegen schon jene weißen Dunstschleier in die Höhe , welche an die Ahnungen unsrer Seele erinnern , wenn Sang und Duft der Jugend erloschen sind . Keine Jahresfärbung steigert die einfachen Formen unserer Landschaft zur Schönheit , wie die des Herbstes , und , war es zum Lebewohl , war es zu einem heimatlichen Glückauf , daß sie heute ihren blendendsten Schmelz entfaltet hatte ? Ludwig und Hardine hatten eine Weile schweigend das reichgesättigte Bild überschaut . Jetzt unterbrach der junge Mann die Stille ; er faßte der Gattin Hand und sprach mit einem Lächeln und herzerschließenden Klang der Stimme : » Ja , es ist eine liebe Heimat , und es müßte köstlich sein , sich aus eigenem Vermögen in ihr ein Bürgerrecht zu erwerben . Aber trockene deine Tränen , meine Hardine . Gehören wir nicht eins dem anderen ? Sind wir nicht durch sie zu froher Tätigkeit gewöhnt ? Du wirst auch anderwärts glücklich sein , mein liebes , sanftes Weib ! « » Überall , Ludwig , überall mit dir ! « flüsterte sie , indem sie den hellen Kopf an seine Brust gleiten ließ . Nach einer Pause aber setzte sie hinzu , und ein Schauer überrieselte die schwanke Gestalt : » Es ist ja nicht das , Ludwig , nicht das allein - - « Sie stockte , er aber sagte : » Nein , es ist nicht das , und ich weiß , was es