und gewiß auch sehr belehrende Auseinandersetzung meines Vertheidigers wiederum - und noch dazu zum letztenmale ! - keine Ohren hatte . Aber ich dachte wirklich an etwas Anderes . Ich dachte : was wohl der wilde Zehren thun würde , wenn er noch lebte und erführe , daß sie seinen treuen Knappen in ein Gefängniß gesperrt und seinen eigenen Bruder über ihn zum Hüter gesetzt hätten ? Zweiundzwanzigstes Capitel . Es war an einem Abende im Mai , als der von zwei Gensdarmen zu Pferde begleitete Wagen , in welchem ich transportirt wurde , sich meinem Bestimmungsorte näherte . Links von der mit krüppelhaften Obstbäumen besetzten Landstraße sah ich viele Leute an der neuen Chaussee arbeiten , welche meine Vaterstadt mit der Hauptstadt des Regierungsbezirkes verbinden sollte ; rechts breitete sich welliges Wiesenland aus bis zur See , von der ein breiter , dunkelblauer Streifen herübergrüßte . Jenseits des Wassers stiegen in sanfter Linie grünende Felder von dem niedrigen Sandufer aufwärts zu mäßiger , von Wald gekrönter Höhe . Es war die Insel , die hier der Küste des Festlandes viel näher trat , als bei meiner Vaterstadt , und die ich jetzt zum erstenmale wiedersah . Vor mir , aber wohl noch eine halbe Meile entfernt , ragten ein paar Thürme mächtig über den Hügelrücken , den wir eben langsam hinauffuhren . Mir war wunderlich zu Muthe . Ich hatte bisher den ganzen Weg nach nichts durch die Ritzen des kleinen Planwagens ausgeschaut , als nach einer Gelegenheit zur Flucht . Aber wie entschlossen ich auch war , jede noch so geringe sofort zu benützen , es hatte sich nicht die geringste geboten . Die zwei Gensdarmen , von denen der eine schon auf der Insel auf mich vergeblich Jagd gemacht , waren , ohne kaum ein Wort mit einander zu sprechen , rechts und links neben dem Wagen hergeritten , die schnauzbärtigen Gesichter fortwährend geradeaus über die Ohren ihrer Pferde auf den Weg oder seitwärts auf den Wagen gerichtet . Es war gar kein Zweifel , daß die Kolben ihrer Carabiner bei dem ersten Fluchtversuche des Gefangenen sofort mit ihren Schnauzbärten in Berührung gekommen sein würden . Mit zwei wohlbewaffneten , wohlberittenen , zum Aeußersten entschlossenen Männern aber anzubinden , hätte nicht die Freiheit , hätte den Tod suchen heißen . Und auch sonst war keine von den Möglichkeiten eingetreten , die sich meine Phantasie ausgemalt hatte . Wir waren keine Brücke passirt , über deren Geländer ich dreißig Fuß hinab in einen reißenden Fluß hätte springen , wir waren über keinen von Menschen wimmelnden Marktplatz gekommen , wo ich mich hätte in einen Volkshaufen stürzen und an der Hand eines unbekannten Menschenfreundes entrinnen können . Nichts der Art war geschehen ; wir hatten im Schritt oder kurzem Trabe die paar Meilen lange Strecke ohne einen Aufenthalt , ohne einen Zwischenfall irgend einer Art zurückgelegt , und dort vor mir ragten die Thürme , in deren Schatten mein Gefängniß lag ! Dennoch konnte ich in dieser entscheidenden Stunde nicht zornig und ingrimmig sein , wie ich es die ganze Zeit in der Untersuchungshaft gewesen war . Die paar Stunden in freier Luft hatten mir unsäglich wohl gethan . Vorhin hatte es eine zeitlang geregnet ; ich hatte meine Hände hinausgestreckt , um die Tropfen zu fühlen ; ich hatte den frischen Hauch , der durch den Wagen strich , mit Entzücken eingesogen . Jetzt war die Sonne wieder hervorgekommen und warf , kurz vor dem Untergehen , röthliche Streifen über die grünenden Saaten , über die schimmernden Wiesen . In den Bäumen an der Wegseite zwitscherten und sangen die Vögel ; vor uns , gen Osten , auf dunklem Gewölk , stand ein glänzender Regenbogen , mit dem einen Fuße auf dem Festlande , mit dem andern auf der Insel . Es war so gar nichts von Haß und Zorn in dieser ruhigen , sanften Natur - im Gegentheile , ein so lieblicher Friede , eine so milde Schöne - und ich , der ich mich von Kindesbeinen Eines gefühlt mit der Natur , konnte mein Herz der süßen Lockung nicht verschließen . Es sang mit den Vögeln , es schwebte auf den feuchten Schwingen des sanften Windes segnend über die Wiesen , über die Felder ; es schimmerte trostverheißend aus dem farbigen Bogen , der sich von der Erde in den Himmel und von dem Himmel wieder zur Erde spannte . Ich war das Alles : Vogelsang und Windeswehen und Regenbogenpracht , und in dem Gefühle , daß ich es war und dennoch hier im Gefangenen-Wagen als ein Gefangener saß , überkam mich ein seltsam Mitleid mit mir selbst , wie ich es nie zuvor empfunden . Ich verbarg mein Gesicht in den Händen und weinte und schluchzte vor Glück und Jammer , vor Lust und Schmerz . Die Sonne war untergegangen und das Gewölk im Westen und Osten glühte in den wunderbarsten Farben , als der Wagen über die Brücken durch die Thore der Festung rollte , ein paar ziemlich schmale und sehr schlecht gepflasterte Straßen hinaufrumpelte und endlich vor einer Thorfahrt an einer hohen kahlen Mauer still hielt . Die Thorflügel thaten sich langsam auseinander , der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und fuhr quer über einen weiten , von hohen , kahlen Mauern und großen unheimlichen Gebäuden ringsum eingeschlossenen Hof zum Portale des größten und unheimlichsten und hielt dort still ; ich war da angelangt , wo ich sieben Jahre bleiben sollte , weil ich meinen Freund und Beschützer vor den Folgen eines Verbrechens hatte bewahren wollen , das ich selbst verabscheute . Sieben Jahre ! Ich war entschlossen , daß es nicht so lange dauere . Zwar der Graf von Monte-Christo schlummerte zu jener Zeit noch in dem erfindungsreichen Haupte seines Verfassers , und ich wußte also noch nichts von den Wunderthaten des Gefangenen auf Castell If ; aber die Aventuren des Baron von Trenck hatte ich gelesen , und wie man es möglich mache , ellendicke Mauern zu durchbrechen und riesige