neuen Abweisung immer größer an , und das schöne Kammermädchen schien sogar einmal die Absicht zu haben , eine vorlaute Bemerkung zu machen . Herr Chevalier , verlassen Sie sich auf mich ! Etwas Großes und allzu Kluges haben Sie mir nie zugetraut ; aber an dieser Stelle bin ich imstande , den Pferdemarkt zu bereiten , ohne irgendeinem Juden Gelegenheit zu einem Israel , frohlocke ! über mich zu gehen . Das Kind ist mir immer noch viel zu lieb , um ihm nicht gern einige Wochen meines Daseins zu opfern , und außerdem gefällt mir Wien in der Tat ungemein , und ich begreife schon jetzt ganz wohl , daß man daselbst ganz angenehm leben kann . Nun wäre ich für heute zu Ende , sowohl mit meinen Kräften als auch mit meinem Papier . Das ist die schwerste Arbeit gewesen , die ich ausgeführt habe , seit Sie den Comenius zuklappten ; freilich ob Sie daraus klug werden , ist Ihre Sache . Wäre es irgend möglich gewesen , so würden Sie auch diesen Brief nicht erhalten ; aber dafür befände ich mich dann bereits mit der Tonie auf dem Heimwege nach Krodebeck . Schreiben Sie an mich in den National-Gasthof , Zimmer 38 , was Sie wollen ; und schreiben Sie und das gnädige Fräulein an die Tonie so vergnügt als möglich - Sie tun ein gutes Werk damit und werden mich schon verstehen . Leben Sie wohl und bleiben Sie mein bester Freund ! Hennig von Lauen . « Neunundzwanzigstes Kapitel Wir haben dieses konfuse Schreiben , wie gesagt , seiner ganzen Länge nach geben müssen und ersehen daraus , daß Leute , welche nicht gewohnt sind , Briefe zu schreiben , in gegebenen Fällen mit sonderbarer Energie ans Werk gehen . Aber wir erfahren noch einiges andere daraus . So z.B. erhalten wir leider vor allen Dingen die Gewißheit , daß der Junker von Lauen nicht der Mann war , um dem dunkeln Fuhrmann in die Zügel zu fallen und die Speichen der schwarzen Räder rückwärts zu drehen . Seine Erziehung hatte ihn nicht fähig gemacht , einer Welt , wie sie ihm jetzt entgegenstand , mit Aussicht auf Erfolg den Kampf anzubieten ; und unklare Gefühle haben , selbst in Verbindung mit dem besten Willen , stets sehr wenig gegen die offenkundigen Geheimnisse des Erdenlebens ausgerichtet . Es war vorauszusehen , daß Hennig sich eine Weile abmühen würde , um endlich mit blutenden Fingern nach Hause zu schleichen und sich zu trösten , wie Millionen vor ihm sich getröstet haben . So geschah es ! Und daß er kein übler Gesell war , geht ebenfalls in unumstößlicher Gewißheit aus seinem jetzigen , an den Ritter von Glaubigern gerichteten Notschrei hervor . Und daß er das fremde reiche Leben , welches ihn jetzt umgab , nicht ohne Nutzen für spätere Zeiten durch ein so eigentümliches Medium in seine Erfahrung aufnehmen mußte , war , seinen schriftlichen Ergüssen zufolge , gleichfalls nicht zu bezweifeln . Er war nicht der Mann , welcher bis jetzt viel über die Dinge , welche ihn umringten , nachgedacht hatte . Menschen und Sachen ließ er gelten , wie sie sich gaben , was unter allen Umständen wohl das behaglichste ist , jedoch nicht grade für die Stärke und Regsamkeit des eigenen Geistes spricht . Das änderte sich natürlich auch in der Folge wenig : er ließ Menschen und Sachen nach wie vor in der alten Art auf sich wirken ; allein er konnte sich unter Umständen doch darüber ärgern , und das war unbedingt ein großer Gewinn , wenn auch nicht für seine Behaglichkeit , so doch für sein ethisches Bewußtsein . Der Pastorenfranz war übrigens durchaus nicht gezwungen , die süße Gewißheit , an seines Vaters Stelle Pfarrherr zu Krodebeck zu werden , infolge dieser Wiener Reise seines Patrons aufzugeben ! - - Der Junker von Lauen siegelte seinen Brief an den Herrn von Glaubigern , wog ihn in der Hand , atmete etwas erleichterter und sprach : » So ! Nun wissen sie , woran sie sind , und können mir ihrerseits mitteilen , wie sie das Elend ansehen und was ich in ihrem Namen an die Tonie bestellen soll . Übrigens ist es mir recht lieb , daß ich nicht auf dem Hofe vorhanden bin , wenn dies Skriptum anlangt . Das wird eine schöne Bescherung geben ; es ist schon von ferne schlimm genug , sich allein das gnädige Fräulein auszumalen , und an den Ritter mag ich gar nicht denken . « Mit einem nicht sehr zarten Segenswunsch warf er sein Schreiben auf den Tisch und sich nach einer kurzen Weile aufs Bett und erwachte am andern Morgen nach einem gesunden Schlaf mit dem Gefühl , sich einer erstaunlichen Mühe und Arbeit ohne die geringste Aussicht auf Nutzen und Gewinn unterzogen zu haben . » Ich verderbe den Alten höchstens den Appetit , wie er mir verdorben worden ist . Das ist alles ! « sagte er während des Ankleidens , warf aber nachher den Brief eigenhändig in den nächsten Briefkasten und saß mürrisch und brütend in einem Kaffeehause , bis ihn die Wirbel der großen Stadt von neuem mit sich fortrissen . - Wir haben im Grunde über die Zeit , welche er nun durchlebte , wenig zu sagen ; wußte er doch selbst späterhin wenig davon zu erzählen ! Naturen gleich der seinigen geraten nur zu leicht , wenn sie aus der gewohnten Bahn und Umgebung gerissen werden , in einen Taumel , der sie eben nicht befähigt , auf sich zu achten und für andere zu sorgen . Nur zu leicht verlieren sie jeden Maßstab für die Dinge und sind nachher , wenn sich die hohen Wogen verliefen , kaum imstande , was jene Periode ungewöhnlicher Aufregung betrifft , die Wirklichkeit von den Gebilden der Phantasie zu unterscheiden . Wohl aber sind sie zu jeder Zeit imstande , das Unglaublichste glaublich zu finden , wie sie sich den allerderbsten Realitäten gegenüber