Stunden der Genesung ! Es kam der Tag , an welchem der Herr Hauslehrer , sehr hager und etwas schwindlig , die Treppe wieder hinab in den Salon stieg , um der gnädigen Frau und Kleophea für alle bewiesene Güte seinen Dank abzustatten . Die Sache war sehr schnell abgetan . Ein paar kalte Worte der Geheimen Rätin , einige Anspielungen auf die vielen Unannehmlichkeiten , welche durch diesen » accident « im Hauswesen hervorgerufen worden waren - und das in dieser Beziehung Nötige war besprochen ! Kleophea sagte gar nichts ; Aimé aber schien das Wiedererscheinen seines Lehrers für eine persönliche Beleidigung zu nehmen . Am folgenden Tage hatte die gnädige Frau eine zweite Unterredung mit dem Kandidaten und drückte den Wunsch aus , bis zum Tage des Heiligen Christfestes das bestehende Verhältnis zu lösen . Sie sprach ihre Meinung dahin aus , daß sie die Einwirkung des Herrn Kandidaten auf ihren Sohn für nicht allzu segensreich erachten könne , und dagegen konnte Hans nicht das geringste einwenden . Betäubt wankte er in sein Zimmer hinauf und murmelte nur den Namen : » Franziska ! « Zweiundzwanzigstes Kapitel Es hatte sich sehr vieles während der Krankheit des Kandidaten Unwirrsch zum Schlimmern verändert . Wie sich die Verhältnisse im Hause des Geheimen Rates Götz weiter ineinander verschoben hatten , erkannte er nur allmählich ; aber daß es Herbst geworden war in der Welt , sah er mit Schrecken auf den ersten Blick . Der Rasen und die Wege unter den Bäumen des Parkes waren bereits mit den abgefallenen Blättern bedeckt , der Park selbst fing an , einem verschossenen Teppich mit sehr vielen Motten drin zu gleichen : es war fast ein Glück zu nennen , daß Hans keine Zeit hatte , sich darum zu bekümmern . Der Doktor Theophile hatte das Spiel der schönen , geistvollen Kleophea gegenüber vollständig gewonnen . Kleophea liebte diesen Mann mit aller Leidenschaft , deren eine Natur wie die ihrige fähig war . Es gehörte ein feines Gefühl dazu , um das Feuer zu merken , welches unter dem blumengeschmückten Boden glimmte , aber es war da , und durch es stand für den Augenblick der Garten in noch herrlicherer Pracht - es war sehr traurig , es war eine Geschichte zum Weinen ! Der Geheime Rat war , seit Hans wieder auf den Füßen stand so unnahbar wie früher für ihn geworden : seine Frau hatte gesprochen , und er - er fügte sich dieser höhern Macht . Hans sah ein , daß dieser Mann die seinem Hause drohende Gefahr nicht abwehren könne und daß eine Warnung jedenfalls nichts helfen , vielleicht sogar noch schaden und die Sache verschlimmern werde . Bei der gnädigen Frau hatte Theophile so trefflich vorgearbeitet , daß von dieser Seite auch nicht das geringste zu erwarten war : und Kleophea , die stolze , prächtige Kleophea würde sicher jeden Versuch der Einmischung in diese ihre eigensten , innersten Angelegenheiten mit tiefster Verachtung zurückgewiesen haben . Sie hatte viel zu oft mit Theophile über den » Hungerpastor « gelacht , um sich nun von demselben warnen zu lassen . Falschheit und freche Selbstsucht , bejammernswerte Schwäche , störrische Dummheit und frömmelnde Hoffart , Leichtsinn , Überhebung , Übermut , Spott und Hohn auf allen Seiten o es war wahrlich eine Welt , um darin Hunger zu empfinden , Hunger nach der Unschuld , der Treue , der Sanftmut , der Liebe . O Fränzchen , Fränzchen Götz , welch ein sanftes , süßes Licht umstrahlte deine holde Gestalt in diesem fratzenhaften Gewimmel ! Wo anders konnte Friede , Schutz und Ruhe sein als bei dir ? O Fränzchen , Fränzchen , wie konnte es doch geschehen , daß du dem armen Hans so seltsame Schmerzen bereitetest ? Wie konnte es doch geschehen , daß du um ihn so seltsame Schmerzen zu ertragen hattest ? Wie konntet ihr beide euch gegenseitig so sehr quälen , und noch dazu so ganz gegen den Willen und die gute Absicht des Herrn Leutnants a. D. Rudolf Götz ? Ach , der Herr Leutnant Rudolf war auch nicht im Rat der Vorsehung angestellt , er hatte mit sich selber oft die liebe Not : das Geschick hat seinen eigenen Lauf , und jede Prüfungszeit will ihr Ende auf ihrem eigenen Wege finden in diesem hungrigen Erdengetriebe . Seit der Kandidat genesen war , wich ihm Fränzchen nicht mehr so scheu aus . Je mehr Macht der Doktor Theophile Stein im Hause erhielt , desto mehr sah die arme Nichte ein , daß zwischen dem Doktor und dem guten Hans das Verhältnis doch nicht ganz so sein könne , wie sie sich ' s zuerst vorgestellt hatte , und nicht ohne Berechtigung . An dem Tage , an dem die Tante dem Kandidaten sein Präzeptorentum kündigte , saß das Fränzchen in ihrem Gemach und weinte Freudentränen und murmelte dazu den Namen ihrer Mutter , wie solche armen verwaisten Dinger gerne tun , wenn ihnen ein großes , unerwartetes Glück begegnet ist . Und dann trocknete sie ihre Tränen und lachte in ihr letztes Schluchzen und ihr feuchtes Taschentuch hinein . » Dank dir , Dank , du lieber Onkel Rudolf ! Siehst du - nein , ja - Dank dir , Dank dir ! « Dann kam sie herab , um ihren Platz an der Mittagstafel einzunehmen , und obgleich die geistige Atmosphäre während dieses Mahles noch drückender als gewöhnlich war und die Tante giftspitziger als je , so hatte des Fränzchens liebliches Herz seit langer , langer Zeit nicht so frei und leicht geklopft . Und es war , als ob der Kandidat Hans Unwirrsch das auf der Stelle verspüre . Auch er sah unbefangener und wohliger auf die Leute ringsum ; ihr Sagen und Tun hatte nicht mehr den früheren schlimmen Einfluß auf ihn ; Fränzchen Götz wich seinen Augen nicht mehr aus , und frei konnte er Atem holen . Es war nicht anders ; - was sich so lange in eintöniger