? - Nimmermehr ! erwiderte er - und es war dies das einzige Mal , wo ich eine Art von Bewegung in seinem kalten , stolzen Gesicht sah - nimmermehr ! tausendmal lieber mein Leben ! Aber , fügte er nach einer kleinen Pause hinzu , ich kenne Jemand , der auch lieber sterben , als sich demüthigen würde . - Und wer wäre das ? - Sie selbst , mein gnädiges Fräulein . Die Gesellschaft endete tief in der Nacht . Papa ließ mich in unserer Equipage nach Hause fahren . Mama versprach , am nächsten Tage - das war heute - meinen Besuch zu erwidern . Wirklich war sie am Vormittag bei mir . Sie war wiederum sehr gütig , sagte mir viel Schmeichelhaftes über mein Benehmen gestern Abend und daß sie ( ebenso wie der Vater ) dringend wünsche , mich wieder bei sich zu Hause zu haben . Indessen solle es ganz bei mir stehen , ob ich überhaupt , und wann ich zurückkommen wollte . Du hast nicht ganz Deinen freien Willen gehabt , als Du gingst , sagte sie ; so will ich wenigstens die Beruhigung haben , daß Dein Kommen ganz freiwillig ist . Und Vetter Felix ? - Er reist in einigen Tagen nach Italien . Es versteht sich von selbst , daß ich Dir nicht zumuthe , mit ihm zusammen in unserm Hause zu sein . In der That , wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint , so hat sie zum mindesten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen . Ich bin halb und halb entschlossen , zu thun , wie sie und der Vater wünschen . - Das junge Mädchen saß , die Arme über dem Busen gekreuzt , in den Stuhl zurückgelehnt und starrte , in Träumen versunken , vor sich hin . Mechanisch horchte sie auf das Sausen des Nachtwindes in den Pappeln vor dem Fenster , in das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des am Ufer aufrauschenden Meeres mischte . Diese Musik rief mit den Erinnerungen frühester Kindheit ganz andere Empfindungen wach , als die , in welche sie sich zuletzt hineingeschrieben . Da plötzlich fuhr sie zusammen und lauschte athemlos nach dem Fenster . Durch die klagenden Laute des Windes ertönte der Gesang einer weichen , tiefen Stimme . Dann rauschte der Wind wieder laut auf , und die Stimme verwehte ; dann klang es wieder deutlich herauf . Helene bebte an allen Gliedern . Sie wußte , daß der Sänger nicht bis in das hochgelegene Zimmer sehen konnte ; aber ihr war , als ob seine Augen - die blauen träumerischen Augen - auf ihr ruhten . Sie wagte nicht , sich zu rühren , sie wagte kaum zu athmen . Noch einmal , aber schon ferner , kaum noch vernehmlich , sang es : Und muß nun sterben so jung ! Helene dachte des Bildes im Traum , des blassen Gekreuzigten , der so wehmuthvoll sein Haupt schüttelte , als der Priester über sie den Segen sprach ; und sie dachte an den Dolch , der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite gestoßen war , und an die Blutstropfen , die lang und langsam herunterfielen , und sie drückte schaudernd ihr Antlitz in beide Hände . Fünfundzwanzigstes Capitel Oswald war in dieser Zeit haltloser und unglücklicher , als er es je gewesen . Bergers Lehre von der dreimaligen Verachtung war ein böser Same , der bei ihm auf einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen . Und seit er sich von Melitta verrathen glaubte , um mit größerer Leichtigkeit an ihr zum Verräther werden zu können , hatte er den besten Theil seiner Selbstachtung unwiderbringlich eingebüßt . Es half ihm nicht , daß er bei dem Bruch seines Verhältnisses zu Melitta alle Schuld auf sie wälzte , daß er sie eine herzlose Kokette nannte , die ihn auf die schmählichste Weise betrogen habe und jetzt in den Armen ihres Buhlen über das arme Opfer lache . Immer wieder raunte ihm eine Stimme , die nicht zum Schweigen zu bringen war , zu : Du lügst , Du lügst ! ein Weib , das so tiefe , liebevolle Augen hat , ist nicht herzlos ; ein Weib , das solcher Liebe fähig ist , ist keine Kokette ; ein Weib , das so edel fühlt und denkt , verräth den Mann nicht , von dem sie weiß , daß sie sein Glück und seine Seligkeit ausmacht . Und selbst seine Liebe zu Helene war nur noch ein schwacher Abglanz jener himmlisch reinen Flamme , die während seiner Liebe zu Melitta sein Herz , wie der Mond die Nacht , erhellt hatte . Es war in dieser Liebe viel von dem düster lodernden Feuer einer gierigen , verzehrenden Leidenschaft , einer Leidenschaft , die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenstande kennt . Zu dem Allem kam , daß er sich in seiner Stellung grenzenlos unbehaglich fühlte . Seine Thätigkeit am Gymnasium widerte ihn an , nachdem er kaum damit begonnen hatte . Schon die dumpfe Luft einer Schulstube und der Lärm einer ausgelassenen Knabenschaar waren eine Qual für seine überreizten Nerven . Und nun die Herren Collegen : dieser von verwaschener Humanität überfließende Director Clemens ; dieser stocksteife , hölzerne Professor Snellius ; dieser bei so wenig Witz so äußerst behagliche Doctor Kübel ; diese gelehrten Löwen Wimmer und Breitfuß ? Gulliver , als er den Jahoo ' s begegnete , konnte gegen sie keinen größeren Widerwillen empfinden , als Oswald gegen diese Schaar , mit der in tagtägliche genaue Berührung zu kommen , seine Stellung ihn zwang . Und diese Jahoo ' s waren noch dazu äußerst zuvorkommend und zuthunlich ; schienen gar keine Ahnung ihrer Häßlichkeit zu haben ; überhäuften den Ankömmling mit allen möglichen Liebenswürdigkeiten ; luden ihn unablässig zu Kegelabenden , Whistpartien , ästhetischen Thee ' s und dramatischen Lesekränzchen ein ! schienen sich an seine reservirte Haltung , an seine zurückweisende Kälte gar nicht