zu seinem Nachteil verändert wieder . Der Jüngling machte eben dem Mann Platz ; das Siegel des festen Willens , welches einst der Weise vom Giebel des Nikolausklosters im Gesicht des Jünglings vermißt hatte , war ihm jetzt schon deutlicher auf die Stirn gedrückt . Robert sah jetzt seinem Bruder Friedrich ähnlicher , obgleich man nicht hätte sagen können , wo eigentlich diese Ähnlichkeit lag . Der Sänger auf dem Berggipfel sah gewiß mit ebenso leuchtenden Augen in die schöne Welt wie die im Kreis lagernden Genossen ; aber in seinen Augen lag noch etwas anderes , was in denen der übrigen nicht zu finden war . Der wehmütige Trotz schimmerte darin , der Trotz , welcher den Schicksalsmächten schon oft hat weichen müssen , der aber niemals weiter weicht , als er muß . Die volle Harmlosigkeit der Jugend hatte Robert Wolf eigentlich nie gekannt ; er hatte auch nicht die volle Heiterkeit , welche das freie , sorglose Studentenleben glücklicheren Gesellen bietet , genossen . Er hatte immer erst eine schwere Last trüber Gedanken abzuschütteln , ehe er das leichte flatternde Gewand der Freude fassen konnte . Zur Heiterkeit des Daseins konnte er sich immer nur mittelbar erheben , und so ward sie ihm niemals ganz rein , ganz ungetrübt gegeben . Die beiden Jahre , welche wir in unserer Erzählung übersprungen haben , waren nichtsdestoweniger sehr inhaltvoll für alle die Leute , mit welchen wir bisher zu tun hatten . Wer erlebt nicht etwas in zwei Jahren ? Auch das beschränkteste , gleichmäßigste Dasein weiß nach zwei Jahren von irgend etwas zu erzählen . Wir müssen das Versäumte nachholen und kurz berichten , wie Lachesis an den verschiedenen Lebensfäden unserer Geschichte gesponnen hat . Der weißsilberne Faden , welcher das Dasein des Sternsehers Heinrich Ulex bedeutet , glänzt glatt und knotenlos vor unsern Augen . Der Alte vom Turm klagt wohl , daß ihm die Freunde , seine Weltlichter , in immer weitere verschwommenere Ferne zu rücken scheinen ; er meint wohl , daß er die gewichtige Hand des Alters schwer auf seinem Scheitel fühle ; aber er fühlt sich wohl , auch in seiner stillen , friedlichen Greisenhaftigkeit , auf seiner Höhe . Und wenn die Sterne ganz seinen dunkel werdenden Augen sich entziehen , vermag er es nicht , auf dem grauen Grunde des Nebels farbige , ideale Bilder hervorzuzaubern ? Sieht er etwa nicht die Sterne auch mit geschlossenen Augen ? Von dem Sternseher Heinrich Ulex haben wir nur zu sagen , daß wir ihn wiederfinden , wie wir ihn verließen . Da ist sein Freund , der Polizeischreiber Fritz Fiebiger , den fing das Alter an mit härterer Hand zu fassen , obgleich auch bei ihm ein Nachlassen der geistigen Fähigkeiten nicht im geringsten zu bemerken war . Die Bücher , welche der Schreiber auf dem Büro Nummer dreizehn zu führen hatte , mußten allmählich den stärksten Nacken beugen mit ihrer Wucht von Tränen , Schmach und Blut . Wir wissen , wie der Alte darüber dachte und wie er sich gegen die Geister , die aus ihnen aufstiegen , zu wehren suchte . » Du bist es mir schuldig , mein Junge « , schrieb der Schreiber vor kurzem an Robert , » du bist es mir schuldig , mein Junge , daß du mich nicht allzulange mehr allein lässest hier in der Musikantengasse . Ich weiß zwar , daß es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht sehr angenehm für dich sein kann , hierher zurückzukehren ; aber ich glaube doch , daß es trotz allem ein wenig deine Pflicht ist . Es sind außer mir noch andere Leute vorhanden , welche deine Zurückkunft sehnlichst erwarten . Denke an das arme Fräulein von Poppen ! Sei fleißig , mache dein Examen und komm . Sei ein rechter Mann und komm ! « - Das » arme « Fräulein von Poppen ? Ja , das arme Fräulein von Poppen ! Es hatte in den zwei verflossenen Jahren das meiste und das Bitterste erlebt ; Herr Leon , Freiherr von Poppen , hatte der Tante das Spiel abgewonnen . Mit ironischer Höflichkeit hatte er ihr die besten Karten aus den Händen genommen . Ebenso höflich lächelnd hatte ihr der Neffe den Stuhl , auf welchem sie im Hause des Bankiers Wienand saß , weggezogen , und verwundert , zornig , starr vor Schrecken und Angst , saß sie nun auf der platten Erde und suchte vergeblich das Gewand , die Hand Helenes festzuhalten . Anmutig trat der Baron zwischen das junge Mädchen und die alte Dame , um das Pflegekind Julianes von Poppen unter - seinen eigenen Schutz zu nehmen . Das Freifräulein konnte nichts dagegen machen , und der Bankier Wienand hatte nichts dawider . Der Bankier Wienand ? Ja , der Bankier Wienand ! Es war eine große Veränderung mit dem Manne vorgegangen , und Herr Leon von Poppen hatte wenigstens teilweise vollbracht , was weder dem Sanitätsrat Pfingsten noch dem Sternseher Heinrich Ulex gelungen war . Der Kranke war geheilt von seiner fixen Idee ; doch bei mehr als einer Gelegenheit mußten sich die Freunde und vorzüglich Juliane von Poppen fragen , ob es nicht für das Wohl der Welt - wenigstens soweit sie von dem Bankier abhing - besser gewesen wäre , wenn es blieb , wie es war . Wir haben gesehen , wie sich Leon in das Haus des Bankiers einstahl , wie er sogleich festen Fuß darin faßte , wie ihn der Kranke empfing und ihn besser zu verstehen schien als irgendeinen andern Menschen . Der Verkehr dieser beiden Männer war eines der Wunder der Psychologie . Die zwei Frauen , welche , wie es nicht anders sein konnte , anfangs dem Verkehr mit dankerfüllten Herzen zusahen , fingen erst leise an zu frösteln unter dem erkältenden Hauche , der mit dem neugebackenen trefflichen Ministerialsekretär in ihr Zusammenleben eindrang ; dann überkam sie der volle herzerkältende Schauder mit der vollen Gewißheit , daß Leon von Poppen Herr geworden