» Lieber Onkel , ich sagte ja , daß er gern nach Geßners Heimat wollte , entgegnete Orest gelassen . « » Was Geßner ! was Heimat ! er ist ein Revolutionär und geht nach der Schweiz , um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herüberzuspritzen - und das erleichterst Du ihm ! Er würde uns allen ganz getrost das Fell über die Ohren ziehen - und Du fütterst ihn dazu auf ! « » Ja , Onkelchen ! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann ! er hat mir als Kind das Leben gerettet : dafür bleib ' ich ihm dankbar , so lange ich lebe . Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden ! « » Paar Gulden ! « brummte der Graf ; » eine Hundertpfundnote sind zwölfhundert Gulden ! « » Corpo di Bacco ! zwölfhundert Gulden ! « rief Orest höchst verwundert . » Das ist stark ! - hätte ich das gewußt ! - Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum meines Kopfes kann ich unmöglich das Verhältnis der fremden Geldsorten zu den unseren immer gegenwärtig haben . Nun , hin ist hin ! - Morgen will ich aber den Florentin besuchen . Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen . « » Nimm Dich in acht ! « rief Corona ängstlich ; » sie könnten Dich auch erdolchen ! « » Ich bin für diese Ehre zu gering , « erwiderte Orest lachend . » Aber wo wohnt er denn - der Florentin ? im Westende schwerlich ! « Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchblätterte es vorwärts und rückwärts . Plötzlich rief er : » Schau ! der Florentin ! statt seine Adresse einzuschreiben , hat er ganz leise ein Blatt herausgerissen . Mein Besuch war ihm also nicht angenehm . Servus ! die Sache ist abgemacht . - Jetzt , Königin und Krone , verwandelt Euch in Amazonen ! es wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkühle unter den Eichen von Hyde-Park . « - » Welch eine konfuse Welt ! « sprach Regina heimlich zu sich selbst , als sie später mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrünen Rasen und unter den kräftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte , während in unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren , lauter ächtes Equipagen-Vollblut , nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling Fiakre , dessen Räder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben . Über diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina ' s gedankenvolles Auge hinweg und sah im Geiste die rote Republik , die dahinter lauert , und den Abgrund , der daneben gähnt , und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt , wenn ein Ruck die künstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen Civilisation in ihrer schwindelnden Steigerung aufhält . Sie dachte an Florentin und an Judith . Was war aus dem Pflegesohn ihrer Eltern , aus dem brüderlichen Gefährten ihrer Kindheit geworden - und was konnte noch aus ihm werden ? Was war aus dem jungen Mädchen geworden , das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und jetzt , außerhalb derselben auf der Bühne stand ? Florentin lebte und webte in Haß und Groll gegen diese goldübertünchte Civilisation ; Judith lebte und webte durch sie und von ihr . Er - ein Revolutionär ; sie - eine Opernsängerin ; beide - durch Zufall zusammengeführt mit den Windeckern im Tempel dieser Civilisation : im Kristallpalast ! - O heiliger Karmel ! eröffne mir deine Einsamkeit , deine Armut , deine Stille , seufzte Regina aus tiefster Brust . Öffne mir deine ascetischen Zellen ! ich verlange nach ihnen , nicht als nach Zaubergrotten voll überirdischer Freudenfeste , sondern als nach den Katakomben , in denen die ersten Christen die Welt besiegten . Die Nachtigall von Cintra Auch Judith war an dem Abend in Hyde-Park und stärkte sich in der erfrischenden Abendluft gegen die qualmende , drückende Schwüle , die ihrer in der Oper harrte , wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des Entzückens versetzte . Sie fuhr in einer leichten , offenen , dunkelblauen Kalesche , die mit weißem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden Apfelschimmeln bespannt war . Sie saß in ruhender Stellung ganz allein im Wagen . Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Körbchen , mit kirschrotem Atlas weich und warm gefüttert , und darin lag ein brasilianisches Äffchen , nicht länger als ihre Hand , das sie zuweilen mit großem Interesse betrachtete . Sie trug ein ganz einfaches weißes Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille , von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze , die über den Hinterkopf geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird . Über dem linken Ohr war , ächt andalusisch , eine prächtige dunkelrote Nelke angesteckt . Ein großer spanischer Fächer , auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten Rokoko paradierte , diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne . Judith war unbeschreiblich schön . Ihr marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen der Mantille , wie eine zarte antike Gemme in weißen und dunkeln Onyx geschnitten . Daß ihr Mund schon nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte , welche ihren Zügen einen so edlen Charakter gab , daß er schon einen Anflug von dem komödiantenhaften Etwas hatte , das aus der Gewohnheit hervorgeht , Leidenschaften , heftigen Empfindungen , fremdartigen Seelenzuständen den entsprechenden mimischen Ausdruck zu geben , würde höchstens ein Ernest bemerkt haben . Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen langsam hintereinander her , hielten auch zuweilen ganz still . Man will nicht bloß Luft schöpfen , man will auch sehen , auch gesehen werden , auch sich unterhalten mit den Reitern , die den Inhaberinnen der Wagen - denn selten sind es Inhaber , oder sie sind doch nicht allein ! - ihre Huldigung bezeigen . Zur Konversation aber hatte Judith nicht die