zur Aufbewahrung wahrscheinlich der Dinge , die das Englische Fräulein unterwegs nicht zum Unterhalt kaufen mochte ; überm Arm hing noch ein leichter Sommershawl . Sie war eine von den ältern der kleinen Karavane , deren Mitglieder , sah man sie einzeln , gereifter erschienen als in der Gesammtheit . Das Gute haben ja richtig geleitete weibliche Pensionate , daß die jungen Mädchen durch ihr Beisammensein sich länger kindlich erhalten und jene gefährliche Krisis der ersten erwachenden Temperamentsvorgänge glücklicher überwinden als in der die Frühreife zeitigenden , wenn auch traulichern Wärme des älterlichen Hauses . Auch das junge Mädchen , das vielleicht sechzehn Jahre schon zählte , machte Lucinden einen Eindruck , als müßte sie es schon gesehen haben . Es war eine Erscheinung von eigenthümlichem Reiz ; nicht zu groß , aber wohlgebaut und von einer Lebhaftigkeit im Auseinandersetzen , einer Innigkeit im Genuß dieser vertraulichen Zwiesprache mit dem jungen Krieger , die Lucinden sogleich so bitter lächeln machte , als hätte sie sagen mögen : Du kleiner Fratz , dergleichen erlebten wir einst ja auch ! ... Sie mochte jedoch die Glücklichen , die sich vielleicht vor dem Englischen Fräulein und Angelika Müller sicher glaubten , nicht stören ... auch kamen ihr die Züge des Mädchens bekannt vor . Auf dem Streckbett konnte sie sie nicht gesehen haben und doch fiel ihr sogleich Paula von Dorste-Camphausen ein . Der Soldat war kein Offizier , sondern ein gewöhnlicher Gemeiner ; aber Lucinde wußte schon , daß es hier zu Lande sogenannte Freiwillige gab , die nur eine kurze Zeit der allgemeinen Militärpflicht genügten . Ihnen schien der junge Mann mit seinem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und dem kurzgeschnittenen , aber vollen Haarwuchs anzugehören . Er war groß , hatte etwas Festes und Bestimmtes und erinnerte Lucinden an den seither verschollenen Klingsohr , nur hatte er nicht das Wüste und Unschöne desselben . Etwas Studentisches schien ihr noch das grüngelbweiße Band , das er trotz der Montur , die offen stand , über seiner weißen Piquéweste hinweg trug ; doch konnte er wol kaum noch der Universität angehören , falls überhaupt die Voraussetzung der sogenannten Freiwilligkeit die richtige war . Der Wächter in der Ferne schien jedenfalls ein Stück vom echten Soldaten , aber auch zugleich ein Stück vom Jäger , ein Stück vom Landwirth , vom Bauer , selbst vom Bedienten , von allem etwas . Mit einem zusammengerollten Militärmantel , an dem ein Säbel befestigt war , ohne Zweifel Requisiten des jungen Kriegers , stand er an dem Eingange zum kleinen Garten , rechts und links lugend auf die Landstraße und nur im geheimen auf das plaudernde Paar . Im Regen und Sturm scheint er noch besser an seinem Platze zu sein ; sein geröthetes Antlitz hat das Viereckige der Kopfform eines mit Ohrringen geschmückten Steuermannes auf hoher See . Wer weiß , ob diese Unruhe , die sich bald auf das eine , bald auf das andere Bein stellen muß , nicht von der Gewöhnung an die Schwankungen eines Schiffs kommt ! Der Blick , den der Wächter , so eigenthümlich prüfend und den Mund in Falten ziehend , über den Strom auf einem neuen Dampfer wirft , der gerade anhält , um mehr Besucher der Maximinuskapelle auszusetzen , als heute die » Prinzessin Marianne « gebracht hatte , ist gerade wie der eines Mannes , der die vollkommene Berechtigung gehabt hätte , ebenso gut wie der geschniegelte Kapitän drüben , der Salzwasser vielleicht nie gekostet hat , » Stop « zu rufen . Lucinde suchte auch diese Gestalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume , wie sie ihr vergangenes Leben nannte , unterzubringen . Wie mußte sie erstaunen , als sie bemerkte , daß sie selbst es werden sollte , durch die plötzlich das stille harmonische Concert dieser drei Menschen unterbrochen wurde ! Sie erblickte eben in der Ferne ihren Einspänner , erhob sich von der Bank , auf der sie ausgeruht hatte , und streifte an dem durch die kleinen Gartenanlagen daherkommenden Paare vorüber . Noch fielen einige der Worte des Gesprächs , das sich von seiten des Mädchens in einer kindlich harmlosen Welt zu bewegen , schien , in ihr Ohr , als sie nicht wenig überrascht wurde von dem plötzlich innehaltenden Fluß der kleinen Sprecherin , die , die schönen dunkelbraunen Augen aufgerissen , auf sie zutrat und sie mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und erschreckten : Ach ! fast anredete . Der Muth weiter zu sprechen fehlte zwar , die Verlegenheit etwas Ungehöriges gethan zu haben überwog , aber die Kleine wandte sich im Weitergehen dem Soldaten so vertraulich und schnell zu , daß Lucinde wohl sah , wie sie entweder mit jemand anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieser Kleinen wirklich bekannt sein mußte . Indem kamen die übrigen Pensionsmitglieder zurück . Lucinde mochte zunächst dem an sich für sie selbst interesselosen Fräulein Müller nicht begegnen . Sie zog vor , sich zu entfernen . Das junge Mädchen aber , das sich denn also doch , wie man nun sah , in keiner verbotenen Zwiesprache befunden hatte , sprang in die Reihen ihrer Gefährtinnen zurück und steckte so den Kopf mit den Köpfen der andern zusammen , daß sie nun sämmtlich neugierig auf Lucinden hinblickten ; alle thaten , als müßten sie in ihr eine ihnen längst bekannte Erscheinung wiederfinden . Das war Lucinden jetzt zu viel . Während die Führerinnen mit dem eleganten Soldaten sprachen , der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft über die Kapelle und die Gegend gab , suchte sie , von Fräulein Müller unbemerkt , den Ausgang . Dem draußen harrenden Wächter sagte sie : Geschwister waren das doch wol nicht ? Nein ! war die einfache , kurze Antwort . Der Kleinen scheint an mir etwas aufzufallen . Wer ist sie ? Ein Fräulein von Hülleshoven ... Hülleshoven ? Armgart von Hülleshoven ? Armgart von Hülleshoven ! bestätigte der Gefragte . Dann ist der junge Mann Benno von Asselyn ? Zu Befehl ! Ich