die Berggipfel rollte . Jetzt war sonniger Morgen . Auf dem Gras perlten tauige Tropfen , zwischendrein im Schatten auch dann und wann ein ungeschmolzenes Eiskorn . Schweigend lag Berg und Tal , aber die gebräunte Frucht der Felder ließ ihre Halme geknickt zu Boden hangen , Hagelschlag hatte in der hochstrebenden Ernte gewütet . Aus den Felsen des Berges rieselten trübfarbige Bächlein talabwärts . Noch regte sich ' s nicht auf der Flur : es war kaum nach dem ersten Hahnenschrei . Nur fern über das Hügelland , das im Rücken des hohen Twiel sich wellenförmig ausdehnt , kam ein Mann geschritten . Das war der Hunn ' Cappan . Er trug Weidengerten und allerhand Schlingen und ging an seine Arbeit , den Feldmäusen nachzustellen . Fröhlich pfiff er auf einem Lindenblatt , - das Bild eines glücklichen Neuvermählten , ihm war in der langen Friderun Armen ein neues Leben aufgegangen . » Wie geht ' s ? « fragte ihn Ekkehard mild , als er an ihm vorüberschritt und ihn demütig grüßte . Der Hunn ' deutete in die blaue Luft hinauf : » Wie im Himmel ! « sagte er und drehte sich vergnügt auf seinem Holzschuh . Ekkehard wandte sich . Noch lang ' tönte des Schermausfängers Pfeifen durch die Morgenstille , er aber schritt zum Abhang der Felsen . Dort lag ein verwitterter Stein ; ein Fliederbusch wölbte sich drüber mit üppig weißen Blüten . Ekkehard setzte sich . Lang ' schaute er in die Ferne , dann zog er ein von zierlicher Decke umfaßtes Büchlein aus seiner Kutte und hub an zu lesen . Es war kein Brevier und kein Psalterium . » Das hohe Lied Salomonis ! « hieß die Überschrift ; das war kein gut Buch für ihn . Sie hatten ihn zwar einstens gelehrt , der lilienduftige Sang gelte dem brünstigen Sehnen nach der Kirche , der wahren Braut der Seele ; er hatte es auch in jungen Tagen studiert , unangefochten von den Gazellenaugen und taubenweichen Wangen und palmbaumschlanken Hüften der Sulamitin ; jetzt las er ' s mit anderem Sinne . Ein süßes Träumen umfing ihn . » Wer ist die , welche hervortritt wie die aufgehende Morgenröte , schön wie der Mond , erwählet wie die Sonne und schrecklich wie eine wohlgeordnete Schlachtordnung ? « Er schaute hinauf zu den Zinnen des hohen Twiel , die im Frührot glänzten , und wußte die Antwort . Und wieder las er : » Ich schlafe , aber mein Herz wachet . Da ist die Stimme meines Geliebten , der anklopfet : Tue mir auf , meine Schwester , meine Freundin , meine Taube , denn meine Stirn ist voll Taues und meine Haarlocken voll perlender Tropfen . « Ein Luftzug schüttelte ihm die weißen Fliederblüten aufs Büchlein , Ekkehard schüttelte sie nicht ab , er neigte sein Haupt und saß regungslos ... Unterdes hatte Cappan wohlgemut sein Tagewerk begonnen . Es war ein Grundstück drunten in der Ebene an der Grenze des Hohentwieler Bannes ; dort hatten die Feldmäuse ihr Heerlager aufgeschlagen , die Hamster schleppten ganze Wintervorräte des guten Korns in ihren Backentaschen von dannen , und die Maulwürfe zogen ihre Schachte in den kiesigen Boden . Dahin war Cappan beordert . Wie ein Staatsmann in aufruhrdurchwühlter Provinz sollte er ein geordnet Verhältnis herstellen und das Land säubern vom Gesindel . Die Fluten des Gewitters hatten die verborgenen Gänge aufgespült ; leise grub er nach und schlug manch eine Feldmaus im Frührotscheine tot , ehe sie sich dessen versah , dann stellte er sorgsam seine Schlingen und Weidenruten , an andere Orte streute er ein giftig Lockspeislein , das er aus Aaronswurz und Einbeer zusammengekocht , und pfiff fröhlich zu seinem Mordwerk und ahnte nicht , was für schwere Wolken sich über seinem Haupte zusammenzogen . Das Grundstück , wo er hantierte , stieß an Reichenauer Feldmark . Wo der alte Eichwald seine Wipfel regte , ragten etliche Strohdächer ins Waldesgrün hinein : das war der Schlangenhof . Der gehörte dem Kloster zu mit viel Huben Ackerland und Waldes ; eine fromme Witfrau hatte ihn dem heiligen Pirminius zum Heil ihrer Seele vergabt . Jetzt saß ein Klostermeier darauf , ein wilder Mann mit knorrigem Schädel und harten Gedanken drin ; er hatte viel Knechte und Mägde und Roß und Zugvieh und gedieh wohl , denn die kupferbraunen Schlangen , die in Stall und Hof nisteten , pflegte er rechtschaffen und ließ die Milchschüssel in der Stallecke nie leer werden , also daß sie ganz zahm und fröhlich in dem Stroh herumspielten und niemanden ein Leides taten . » Die Schlangen sind des Hofes Segen « , sprach der Alte oftmals , » das ist bei uns Bauern anders als an des Kaisers Hof . « Seit zwei Tagen aber hatte der Klostermeier keine gute Stunde mehr gehabt . Die schweren Gewitter schufen ihm Sorge für Frucht und Feld . Als ihrer drei sonder Schaden vorübergegangen waren , ließ er anspannen und einen Sack vormjährigen Roggen aufladen und fuhr hinüber zum Diakon am Singener Kirchlein . Der lachte auf seinem Stockzahn , wie des Klostermeiers Gespann aus dem Walde vorgefahren kam , er kannte seinen Kunden . Seine Pfründe war mager , aber aus der Menschen Torheit fiel ihm immer noch ein Hinlängliches ab , daß er seine Wassersuppen schmälzen konnte . Der Klostermeier hatte seinen Kornsack bei ihm abgeladen und gesagt : » Meister Otfried , Ihr habt Euer Sach ' brav gemacht und von meinen Äckern das Wetter ordentlich weggebetet . Vergeßt mich nicht , wenn ' s wiederum zu donnern kommt . « Und der Diakonus hatte ihm geantwortet : » Ich denk ' , Ihr habt mich gesehen , wie ich unter dem Kirchentürlein stand , nach dem Schlangenhof gewendet , und aus dem Weihbrunn drei Kreuze gegen das Wetter gespritzt hab ' und den Spruch von den heiligen drei Nägeln dazu , der hat Schauer und Hagel landabwärts gejagt212 . Euer Roggen könnt '