meiner Villa erwartet , immer sein harrend , in Rom , Florenz und Wien gelebt , ja , Anna , gelebt ! mit vollem Bewußtsein des Lebens , das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt , mich freudig eingetaucht in den Ocean des Schönen , wie sich die Sonne golden in die goldne Tiber taucht ! - Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genuß , laut gelacht , wenn ich froh war , geweint und geschrien , wenn mir wehe geschah . All das künstliche Eis der Sitten , Etiquette und Gewöhnung habe ich schmelzen lassen in mir , an der Glut des Augenblicks , der mich auf seine leichten Flügel nahm und über all eure Quälereien hinwegtrug ; - und nun ist ' s vorbei ! - Sie sagen mir Alle , daß ich noch jung , noch schön bin und frei und reich dastehe in der Welt . Nun , es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz erwärmen ! Glücklich , wie ich ' s gewesen , möchte ich gar nicht wieder sein . Kehrte das wieder einen Augenblick , nur einen , so müßte es ewig dauern , oder er würde zur Hölle ! Sie schwieg . Nach einer langen Pause fuhr sie fort : Wer nur innerlich noch recht viel erwarten könnte ! Sie lehnte den Kopf zurück und summte mit halber Stimme ein venetianisches Gondelierlied vor sich hin . Allmälig gerieth sie in das so oft von Jean Carlo gesungene Nenna sta grazia a toja . Sieh , sagte sie lächelnd , wie die Melodie sich mir wieder einschleicht ! - Ach , Alles in der Welt ist treuer , als das menschliche Herz ! Anna faßte ihre beiden Hände und drückte sie an ihre Brust . Leontine , verliere dich nicht ! sagte sie weich ; deine eigene bewegte Brust läßt dich das ohnehin stets Wandelnde , Wechselnde bodenlos glauben - das Leben hat auch bleibende Tiefen , die den ewigen Himmel zurückstrahlen . Laß das , erwiderte Leontine , ich klage ja nicht ! Daß mir gerade nur das Flüchtige schön erschien , daß ich von ihm eine ewige neue Rückkehr hoffte und deshalb die Fesseln , mit denen ihr Alle es verletzt und verkrüppelt euch bewahrt , nicht ertragen konnte , liegt in meiner Natur . Ich habe ihn - Jean Carlo meine ich - nicht geliebt in euerm Sinne ; aber daß ich ihn wie die Anderen verlor , ist grauenhaft , entsetzlich ! Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein , dachte Anna . Und doch , erwiderte Leontine , als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn gelesen , und doch habe ich Otto nie vergessen ! Da sind sie ! rief eine kräftige jugendliche Stimme . Es glänzte etwas wie eine Uniform im Gebüsch , und zwei sehr schöne junge Männer flogen auf die Frauen zu . Wie haben wir euch gesucht ! Egon ! Joseph ! rief die glückliche Mutter , mit innerem , stolzem Jubel die Beiden betrachtend . Siehst du , Leontine , sind das noch Knaben ? Egon küßte der Tante die Hände und sah sie mit so durchdringendem , glühendem Blick an , daß sie lachend den ihren niederschlug . Aber Anna hatte Recht , Egon war beinahe ein Mann zu nennen , obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn Jahre stand . Das kastanienbraune Haar , das in leichter Krauße unter dem Studentenmützchen hervorquoll , das etwas hellere Schnurrbärtchen , der schwarze Sammtrock bezeichneten den deutschen Jüngling ; die ungewöhnlich frühe Ausbildung seiner Züge und seiner ganzen Gestalt hätten ihn jedoch leicht für einen Engländer oder Iren gelten lassen . Joseph war Cadet ; er hatte alle Schalkheit , allen Muthwillen seiner Tante Leontine geerbt , er sah aus wie der Page im Figaro , nachdem er eben Offizier geworden , und suchte , wie dieser , dem ganzen weiblichen Geschlechte , seine Mutter und Tante mit einbegriffen , den Hof zu machen . In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle Stellen aufgefunden , an denen Anna ' s Erinnerungen hafteten , er hatte bereits auch alle Staats- , Gesellschafts- und insbesondere alle Militärinteressen erkundet und mit in die seinen aufgenommen . Von Euerm alten Waldau ' schen Hause ist keine Spur mehr , versicherte er die Frauen . Tante Leontinens Gärtchen ist auch verschwunden ; Weimar ist eine schöne freundliche Mittelstadt Deutschlands geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale , nicht gut aufgeräumte Gelehrtenwirthschaft . Während Anna Egon über die ihr fast schmerzlichen kleinen Veränderungen befragte , flüsterte Joseph der schönen Tante eine Menge Geheimnisse zu . Leontine war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jünger aus , als vorhin . Und seid ihr allein gekommen ? fragte sie endlich . Bewahre ! Wir haben deinen Lord Frederic , den du eine Lady nennst , höchst eigenhändig aus dem Wagen gehoben , nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden her escortirt . Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studiren pour se délasser eben die türkische Grammatik und den Koran ; sie wollten uns also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rückkehr . Und du kannst mich hinführen , sagte Leontine . Stolz bot ihr der Cadet den Arm und grüßte mit der Linken im Abgehen die Zurückbleibenden . Das Paar sah allerliebst aus ; obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein konnte , erschien Leontine neben ihm wie eine ältere Schwester . Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach . Ist sie nicht immer noch wunderbar schön ? fragte er . Er seufzte leise ; Anna aber lächelte freundlich . Man nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique ; obgleich fast unhörbar leise , schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes eine ganze idyllische Geschichte voll lauter Frühlingsempfindungen zu enthalten - le soupir historique