So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee : » entsagt zu haben « wie mit einem Wittwenschleier geschmückt , den sie jetzt abzulegen sich nicht entschließen konnte . Sie fühlte ihre wachsende Neigung für den Grafen , aber sie kämpfte dagegen , wie gegen ein Unrecht , weil sie sich scheute , den Ihrigen zu sagen : Ich liebe wieder ! und weil sie doch zu wahrhaft war , um eine Verbindung mit Walter , die sie trotz aller Bedenken wünschte , für eine bloße Verstandsheirath auszugeben , was außerdem kränkend für ihn gewesen wäre . Nach Jahren innern Friedens mit sich selbst machte dieser Zwiespalt ihrer Seele ihr doppelte Unruhe und gab ihr einen Anstrich von Kälte , die Walter irre an ihr zu machen drohte ; da ohnehin die Sorge für Clara ' s ihr anvertraute Kinder ihr einen Grund gab , den Grafen weniger zu sehen , als es früher der Fall gewesen war . Dadurch trat eine Art von Spannung zwischen Walter und Jenny ein , von der Beide gleich viel zu leiden schienen , bis es Frau von Meining gelang , des Grafen Vertrauen zu gewinnen . Sie bat ihn Geduld zu haben , Jenny Zeit zu lassen , bis sie sich selbst klar geworden sei : Glauben Sie , lieber Graf ! sagte sie , je deutlicher in uns Frauen das Bewußtsein von der Heiligkeit der Ehe wird , je langsamer entschließt man sich , den Schritt zu thun . Jenny steht jetzt bang und zögernd auf der Schwelle des Tempels , die sie vor zehn Jahren leichtherzig und sorglos überschritten haben würde . Lassen Sie sich dadurch nicht irren ! Ich würde es für unrecht halten , Jemand zu einem Entschlusse hin zu drängen , zu dem er keine Neigung hat , oder dem seine Eigenthümlichkeit widerstrebt . Jenny wird aber nur durch ein von ihr mißverstandenes Gefühl gehindert , ihr Glück und das Glück eines Mannes zu gründen , den sie hoch und werth hält . Da muß man aus Freundschaft ein Uebriges thun und die Gute gelinde dazu zwingen , glücklich zu sein und zu beglücken . Das ist ein hartes Wort ! bemerkte Walter , und selbst Jenny ' s Hand möchte ich weder der Ueberredung noch dem Zwang verdanken . Aber Sie sind damit zufrieden , wenn Jenny sich und Ihnen gestehen lernt , daß ihre eigene Neigung sie zwingt , die Ihre zu werden ? fragte Frau von Meining freundlich . Wenn Sie Jenny davon überzeugen könnten , erwiderte Walter , wie würde ich es Ihnen danken ! Lassen Sie das , mein Freund ! wandte die Geheimräthin ein . Ich bleibe Ihnen verpflichtet und mein Mann wird es Ihnen Dank wissen , daß Sie mich aus meiner Abspannung befreiten , indem Sie mir Gelegenheit gaben , an Ihnen und meiner Freundin ein gutes Werk zu üben . In wenig Tagen denke ich Jenny in ihrer Wohnung selbst aufzusuchen und rechne dann auf Ihre Begleitung . Heute ist ein wahrer Glückstag , sagte Jenny zu Frau von Meining , als dieselbe an einem heitern Morgen in Walter ' s Begleitung zum ersten Male Jenny besuchte und mit ihr unter dem Schatten der Bäume saß . Du scheinst den letzten Rest von Schwäche von Dir geworfen zu haben und auch meine arme Kranke ist heute so wohl , daß ich es wagen konnte , sie gehörig um ihre Verhältnisse zu fragen . Und was haben Sie erfahren ? fragte Walter , den die Frau interessirte , weil Jenny Theil an ihr nahm . Eigentlich nicht viel mehr , als mein Vater schon durch die Behörde wußte . Es ist eine von den traurigen Geschichten , die sich leider täglich wiederholen . Sie ist die Tochter eines Handwerkers aus Gernsbach und kam gewöhnlich während des Sommers nach Baden , um in einem Hause auszuhelfen , in dem man Wohnungen vermiethet . Hier hat sie einen armen Jägerburschen kennen gelernt und ihn gegen den Willen ihres Vaters geheirathet , der sie einem wohlhabenden , aber sehr alten Bürger in Gernsbach bestimmt hatte . Ein unglücklicher Fall auf der Jagd , in Folge dessen das Gewehr losging , raubte ihrem Mann im Herbst das Leben , lange ehe ihr Kind geboren wurde . Im Winter gab es kein Verdienst für sie und in die bitterste Armuth versunken , aus Mangel erkrankt , ist sie nun schwach und elend nach Gernsbach gegangen , um dort das Mitleid ihres Vaters anzuflehen . Der aber hat sie und ihr Kind mit Verwünschungen von sich gestoßen , sie hat hierher zurückkommen und Arbeit suchen wollen , als sie auf dem Wege zusammenbrach , wo ich sie fand . Sie sagte mir , daß ihr Vater kein anderes Kind hätte , als sie , und wohl die Mittel , für sie zu sorgen . Aber er hätte gehofft , mit dem Gelde des reichen Schwiegersohnes sein Gewerbe zu vergrößern und selbst ein reicher Mann zu werden , und daß sie ihn um diese Hoffnung betrogen , werde er ihr nicht vergessen und verzeihen . So muß man hier für sie sorgen ! meinte Frau von Meining . Sie selbst verlangt nichts mehr , als die Mittel , sich durch einige Pflege Kräfte zu erwerben , um wieder arbeiten zu können , sagte Jenny . Wie sie mir erzählt , hätte ihr Vater sie , ohne das Kind , wohl zu sich genommen , weil er hoffte , jener Bürger würde sie auch jetzt noch heirathen , wenn sie sich von ihrem Kinde trenne . Das aber will und soll sie natürlich nicht und so meint mein Vater , man müsse einen der nächsten Tage dazu benutzen , nach Gernsbach zu fahren und versuchen , ob man nicht durch ein Jahrgeld , das man an das Leben des Kindes knüpft , den Vater vermögen könne , Tochter und Enkel bei sich aufzunehmen , wo sie am Ende doch am besten untergebracht sein würden . Walter stimmte