seine Vorstellungen ängstigten ihn , und doch fühlte er sich in der Gesellschaft des verständigen Mannes verlegen , weil es ihm unmöglich schien , jetzt seine Gedanken gehörig zu ordnen . » Schon seit einiger Zeit « , begann Emmrich , » ist es mir Bedürfnis , ja es erscheint mir als Pflicht , mit Ihnen ernsthaft über einen Gegenstand zu sprechen , der mir schwer auf dem Herzen liegt . « Elsheim war gespannt und überrascht , ja fast über diese Einleitung erschrocken . Die Männer setzten sich , und der ältere fuhr so fort : » Glauben Sie mir nur , geliebter Freund , ich habe mir selbst längst alles gesagt , was Sie mir erwidern , oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen könnte . Ich sage mir selbst nämlich : Was drängst du dich in diese Verhältnisse ? Wer fordert dich dazu auf ? Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse , und ziehst dir den Unwillen eines jungen Mannes zu , den du hochachtest , und der dir bis jetzt immer Liebe bewiesen hat ? Kann ein freigelassenes Wort , eine Enthüllung , die bis jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird , nicht Unheil stiften ? Wenn man aber , wie es mir geschieht , von seinem Gewissen getrieben wird , so müssen alle diese feineren und kleineren Rücksichten zu Boden fallen . « Elsheim war durch diese Einleitung noch ängstlicher geworden , und da jetzt Emmrich seine Hand ergriff und sie zärtlich drückte , dann mit dem Ausdruck innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte , so steigerte sich dessen Verlegenheit so sehr daß der Ausdruck derselben fast komisch wurde . Emmrich schien eine Ahndung davon zu haben , denn er setzte sich plötzlich wieder nieder und suchte nach Worten . » Es sei ! « sagte er nach einer kleinen Pause . » Sie bemerken es also nicht , oder wollen es vorsätzlich nicht sehen , wie Sie eins der edelsten Wesen zugrunde richten , wie Sie die liebenswürdige Albertine umbringen ? « Elsheim sprang von seinem Sitze auf , stand verwundert still und blickte starr den Redenden an , setzte sich dann wieder nieder , und sagte endlich mit dem Ausdruck der höchsten Verwunderung nichts weiter , als : » Wie ? « » So ist es « , fuhr Emmrich fort . » Seit lange schon glaubte ich diese Leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken , ich wollte aber früher meiner Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen , bis mich nun unsere Aufführung des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste überzeugt und alle meine Beobachtungen bestätigt hat . « » Albertine ! « rief Elsheim aus ; » Sie sagen mir da etwas , das ich nimmermehr glauben kann . Wie ? diese Kalte , Schweigsame , immer Zurückgezogene sollte eines Gefühls , und gar für mich , fähig sein ? Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten sagten , könnte ich es vielleicht eher glauben . « » Von Charlotten « , erwiderte Emmrich kalt , » würde ich es nicht glauben , und wenn das Fräulein es mir selbst versicherte . Wie wunderbar hat die Natur dieses schöne Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet , und bei diesen vielfachen Geschenken das Herz vergessen , ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren eigentlichen Kern verlieren . Ich bin überzeugt , diese gaukelnde Fee wird niemals lieben können ; sie sucht ihr Glück darin , alle Männer zu bezaubern und leichte Abenteuer anzuknüpfen und zu lösen . Leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel , sie will aber keine fühlen . So hat sie sich zur reizendsten und gefährlichsten Kokette ausgebildet . Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer durchgespielt , und die verständige Tante bemerkt entweder alles nicht , oder sieht als eine kluge Frau durch die Finger , wo sie nichts ändern kann . Vielleicht muß es solche Wesen geben , und Charlotte entwickelt sich nur so , indem sie einer innern Notwendigkeit nachgibt ; aber zu bedauern ist es doch , daß diese schöne Erscheinung ohne Seele bleiben soll . - Dagegen Albertine ! welcher Adel bei diesem Liebreiz ! Sie ist lauter Seele und Gemüt und in dieser reinsten Unschuld und wahrhaft göttlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefühls für alles Schöne und Große . Wem sich dieses Herz widmen kann , der sollte sich wohl so beseligt fühlen , daß er sich den Göttern des Olymps gleich dünkte . « » Halten Sie inne « , rief Elsheim , » damit ich zu mir komme damit ich überlegen kann , wie das möglich sei , was Sie mir da sagen , oder Gründe und Worte finde , um Ihre irrige Meinung zu widerlegen . - Albertine ! « » Ich muß mich über Ihre Verwunderung verwundern « , antwortete Emmrich , » und zugleich das Schlimmste abbitten , was ich von Ihnen dachte , denn ich glaube , Sie wüßten um diese Neigung und verschmähten die Unglückliche absichtlich . « » Abgesehen von allem übrigen « , fragte Elsheim , » was verlangen Sie von mir ? « » Was Sie leicht gewähren können und müssen « , erwiderte der Professor , » daß Sie die Arme nicht verhöhnen , ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit begegnen . « » Ach ! « rief Elsheim aus , » mir ist das , was Sie mir da eröffnen , noch immer so neu , so überraschend , daß ich daran zu glauben nicht vermag . « » Lassen Sie mich fortfahren , da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe « , sagte Emmrich ; » daß ich mit Albertinen niemals über diesen Gegenstand gesprochen habe , werden Sie mir ohne Versicherung glauben , da Sie mich kennen . Daß sie mir Aufträge gegeben , oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte , dem zu widersprechen ist vollends überflüssig . Seit lange war mir die Melancholie und die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schönen Wesens aufgefallen .