Geistes gelähmt . Dazu gesellten sich andere Sorgen ; die Hülfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschöpfen , und wir lebten einer kummervollen Ungewißheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen . Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal . Wir hatten einen kummervollen Tag , wie viele vorhergehende , vollbracht und überlegten in der Stille des Abends , welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen müssen , als die Thür sich öffnete , und der , für dessen Schicksal wir noch eben fürchteten , gesund und heiter hereintrat . O ! Wer vermöchte die rührende Freude zu beschreiben , mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloß . Wer vermöchte mein Entzücken nachzufühlen , als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küßte , um den süßen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören . Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz , und die Thränen meines Entzückens vermischten sich mit den Tropfen , die Liebe und Rührung aus den Augen des geliebten Mannes preßten . Als wir uns so weit gesammelt hatten , daß wir seine Mittheilung vernehmen konnten , berichtete mein Gemahl , daß er Alles in Paris viel besser gefunden habe , als wir hätten hoffen dürfen . Er habe dem Gerüchte , daß sein Vater gestorben sei , nicht widersprochen , um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser aller Wohl sorgen zu können , denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei , um meinem Schwiegervater zu schaden , so sei dagegen die Volkspartei viel mächtiger geworden , die sich einbilden könnte , sie wolle in seiner Person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen . Er selbst hatte überall die beste Aufnahme gefunden , und er durfte hoffen , daß , wenn er schleunig zurückkehrte , man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen würde . Das gesammte Vermögen wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen , wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräußert habe und die Summen , die er nicht gleich baar hätte erhalten können , durch die Anweisung an einen Freund , dem der Vater vollkommen vertrauen konnte , sicher gestellt hätte . Bedeutende Summen , die er baar mitbrachte , erhöhten noch die allgemeine Zuversicht ; auch beruhigte er den alten Vater über die zurückgebliebene Tochter , für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war . Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte ; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen , daß er bald wieder nach Paris zurückkehren müsse , und auch mein Schwiegervater sah dieß als nothwendig an . Der Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich . Die Erinnerung an alle Leiden , an die qualvolle Angst , an die Schrecknisse , welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte , erregte in mir ein solches Entsetzen , daß ich nicht den Muth hatte , alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben , und ich beschloß im Stillen , mich nicht wieder von Evremont zu trennen . Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser Zeit oft den Zustand äußerster Aufregung , in dem sich Frankreich damals befand , und Beide gaben zu , daß inmitten aller Ausschweifungen , zu denen das Volk sich verleiten ließ , große Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen , und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam , daß sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten , um in Frankreich ungestört zu leben , als sie hier freiwillig aufopferten , um unter fremdem Himmel , vergessen , ein dunkles Dasein zu fristen . So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte , so konnte dieser doch niemals diese Seite berühren , wie behutsam er es auch that , ohne den alten Grafen Evremont auf ' s Schmerzlichste zu verwunden , der sich dann wohl zu heftigen Vorwürfen hinreißen ließ und meinen Gemahl beschuldigte , daß auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe , und aus Verkehrtheit des Herzens sich mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe . Wenige Gespräche reichten hin , um meinen Gemahl zu überzeugen , daß dieß ein Punkt sei , über den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen würde , und daß es daher besser sei , Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu thun , um der Neigung des Vaters zu entsprechen . So waren zwei Wochen vergangen , als mein Gemahl daran erinnerte , daß er seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse , wenn er es vermeiden wolle , daß seine Abwesenheit nicht bemerkt würde . Mein Schwiegervater gab die Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu , und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich . Dieser Blick gab mir den Muth , sogleich bestimmt zu erklären , daß ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen würde . Mein Schwiegervater hatte bemerkt , wie Viel ich während Evremonts Abwesenheit gelitten hatte , und lobte meinen Entschluß , der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfüllte . Nun wurde beschlossen , wir sollten die größte Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen , Falls sich die Lage der Dinge geändert hätte , daß wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten . Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Pässe , worin wir als eine Schweizerfamilie , Namens Blainville , bezeichnet wurden ; und als es nun endlich zur Abreise kam , bestand der alte Graf Evremont darauf , daß sein alter erprobter Diener , der mehr sein Freund geworden , als sein Untergebener geblieben war , uns begleiten sollte , da seine Kenntniß von Paris , seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem Nutzen sein könne . Der gute Dübois trennte sich mit Thränen