sagtest : » Setze Dich näher , damit die Kugel nicht in Schatten komme , denn sie ist eine Sonnenuhr « , und ich war einen Augenblick so dumm , zu glauben , die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen , wenn die Sonne nicht auf sie scheine , und da hab ich gewünscht , nur einen Frühling mit Dir zu sein , hast Du mich ausgelacht ; da fragte ich , ob Dir dies zu lang sei ; » ei nein « , sagtest Du , » aber dort kommt einer gegangen , der wird gleich dem Spaß ein Ende machen « ; das war der Herzog , der grad auf uns zukam , ich wollte mich verstecken , Du warfst Deinen Überrock über mich , ich sah durch den langen Ärmel , wie der Herzog immer näher kam , ich sah auf seinem Gesicht , daß er was merkte , er blieb an der Laube stehen , was er sagte , verstand ich nicht , so große Angst hatte ich unter Deinem Überrock , so klopfte mir das Herz , Du winktest mit der Hand , das sah ich durch Deinen Rockärmel , der Herzog lachte und blieb stehen ; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir , und dann ging er weiter . Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander , was war ' s doch ? - nicht viel Weisheit , denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin , die den Sokrates über die Liebe belehrte , und sagtest : » Kein gescheutes Wort bringst Du vor , aber Deine Narrheit belehrt besser , wie ihre Weisheit « , - und warum waren wir da beide so tief bewegt ? - daß Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten : » Lieb mich immer « , und ich sagte : » Ja . « - Und eine ganze Weile drauf , da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir ' s aufs Gesicht , und sagtest ; » Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand , was Du mir bist . « - Ach ! Goethe , ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen , die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten ; ich erinnere mich gar nicht , daß ich mit Selbstbewußtsein Dir die Treue zugesagt hätte , es ist alles mächtiger in mir wie ich , ich kann nicht regieren , ich kann nicht wollen , ich muß alles geschehen lassen . Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit ; einen einzigen Frühling verlangte ich damals , und jetzt meine ich kaum , daß ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang , und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh , wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke . Ich bin am Ende des Blattes , und wär ' s nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt , so möcht ich ein neues anfangen , um so fort zu plaudern ; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen , deswegen ist er auch so ungleich . Daß sie doch alle vergehen , wenn ich zu Dir sprechen will , diese Gedanken , die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen , von denen Schelling sagt : es sei unbewußte Philosophie . Lebe wohl ! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt , so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht , drin unterzugehen ; möchte sie doch ! welch seliger Tod ! - Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag , wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte . Bettine Bleib ihr gut , schreib ihr bald und grüß die Deinen . An Bettine In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen , liebe Bettine , ich muß mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden . So lasse Dir denn genügen , daß die Ferne Deinen Einfluß nicht mindert , da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst , und daß ich Deine bösen wie Deine guten Träume mitträumen muß . Was Dich nun mit Recht so tief bewegt , über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben , hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt , mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben ; da man doch Dich lieben lernen müßte , selbst wenn man nicht wollte . Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben , die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen . Der humoristische Freund , der mit Dir die Umgegend rekognosziert , scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heißen Junitage dem Schlaf zu unterliegen , während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert , da mag es ihm denn freilich nicht beikommen , daß Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest , wo Dein heroischer Geist selber weilt . Was Du mir von Jacobi erzählst , hat mich sehr ergötzt , seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin ; es ist eine geraume Zeit her , daß ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe , die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt , die Dein Mutwille ausheckte , haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen . Zu loben bist Du , daß Du keiner authentischen Gewalt bedarfst , um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen . So ist gewiß Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige , der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte , dem wir als Prädikat höherer Geister unsere Achtung nicht versagen möchten . Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm