Ausdrücken den zum Jüngling heranreifenden Knaben der Vorsorge seines Oheims empfahl , und dann , getröstet durch dessen heiligstes Versprechen , ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten , die müden Augen auf ewig schloß . Der weinende , tief erschütterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen Beschützer seiner Jugend auf dessen Güter , von wo er in Jahresfrist , begleitet von einem Hofmeister , auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte Universität gesandt ward . Während er dort , von heißem Durst nach Wissen getrieben , jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete , erhob sein Oheim in seiner Abwesenheit einen Prozeß gegen ihn , der ihn um sein väterliches Erbe bringen sollte . Aller seiner , dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit gegebenen Versprechen vergessend , jedem menschlichen Gefühl entsagend , benutzte der Eigennützige den Leichtsinn der Mutter des Jünglings , dem er Vater zu seyn geschworen hatte , um die Aechtheit seiner Geburt anzugreifen , und dann seinen eigenen Söhnen die beträchtlichen Güter desselben zuzuwenden . Der Versuch mißlang , er hatte nur die Folge , daß Hippolit etwas früher als gewöhnlich für mündig erklärt ward . Empört bis in den tiefsten Grund seiner Seele , überzeugter als je von der Erbärmlichkeit der Menschen , ging dieser nun nach vollendeten Studien auf Reisen ; die Zeit des Genusses schien ihm gekommen , er war entschlossen , sie zu benutzen . Sein Rang , sein Reichthum , seine glänzende Persönlichkeit öffneten ihm Herzen und Thüren , er taumelte von einem Vergnügen zum andern , und übertäubte so den alten bittern Unmuth in seinem Gemüth , der aber dennoch stets von neuem sich regte . Er sah , wie man ihn mit Schmeicheleien überhäufte , um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu mißbrauchen , aber er verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu sehr , um es der Mühe werth zu achten , dem plumpen Netz entgehen zu wollen , das man ihm stellte . Es genügte ihm , seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder Lustigkeit mit bittern Hohn zu mißhandeln , und dann mit Ekel sich von den ängstlichen Windungen wegzuwenden , in welchen sie strebten , ihn nicht zu verstehen , um nur auf guten Fuß mit ihm bleiben zu dürfen . Auch Frauen kamen überall dem schönen reichen Jünglinge entgegen , kämpften unter einander um ihn , mit allen Waffen der Schönheit und Kunst , suchten überall mit Blumen ihn zu fesseln , und gern vergaß er bei ihrer lieblichen Erscheinung alles , was ihn hätte warnen können . Noch einmal überließ er sich Träumen himmlischer Seligkeit , er glaubte sogar zu lieben , aber er ward grausam erweckt . Ohne zu bedenken , wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte , klagte er jetzt das ganze Geschlecht des Verraths der Einzelnen an und schwur sich selbst , nie wieder die Maske für Wahrheit zu nehmen . Dem trostlosesten Unglauben zum Raube , vermochte er aber doch nicht , der Freude zu entsagen , sich wissentlich täuschen zu lassen , so lange dieß irgend nur möglich war . Bitter lachendes Spotten seiner selbst übertönte dann oft nur mühsam das Weinen in seiner Brust , wenn ein schöner Traum , den er lange festgehalten hatte , in Nichts zerrann , aber er achtete dessen nicht , auch nicht der bittern Schmerzen , mit denen er jede Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte , um zu seyn wie die Andern . Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab , so achtlos er auch dem Treiben der Welt sich hingeben mochte . Was ihn blenden und verführen konnte , mußte wenigstens den Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben ; denn seine bessere Natur und Reminiszenzen der früher bei seinem Vater ihm eingeprägten strengern Grundsätze hielten ihn noch immer über den Abgrund empor . » Das Wunder der Welt ist endlich angelangt , wie ich sehe , « rief Hippolit freudig aus , indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Gräfin musterte und Gabrielens Karte hoch in die Höhe hielt . » Da steht der geheimnißvolle Name des Erzengels , und mein thörigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick ! Ich bitte Sie , theuerste Gräfin ! « fuhr er mit komischen Pathos fort , » ist es die Mondscheinskusine ? sagen Sie : nein ! ich flehe darum . « » Daß sie die Gabriele ist , die ich meine , weiß ich jetzt gewiß , « erwiderte die Gräfin , » obgleich ich sie noch nicht gesehen habe ; wir verfehlten einander bei unsern gegenseitigen Besuchen , und so bleibt uns nichts übrig , als die Soirée zu erwarten , mit der wir , wie Sie wissen , morgen hier debütiren wollen . « » Also morgen , morgen ist der große , der entscheidende Tag , « rief Hippolit , und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz . » Den ersten , « setzte er hinzu , » bin ich so gut als versagt , den tanze ich mit der Wunderdame , meine Ehre duldet es nicht anders , ich muß der erste seyn , mit dem sie auftritt . « » Ich überlasse Sie ihr mit Vergnügen auf den ersten , den zweiten , den dritten und alle folgende Tänze ; ich tanze morgen gar nicht ; entweder ich habe Migräne , oder ich habe mir den Fuß verrenkt ; ich bin noch nicht entschlossen , welches von beiden , « erwiderte die Markise , ein wenig pickirt . Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an . » Wahrhaftig , Markise ! ich erkenne Sie nicht mehr , « sprach er endlich . » Zum erstenmal sehe ich , daß auch Sie etwas schwerfällig nehmen können ; doch hoffe ich , Sie werden sich eines bessern besinnen , und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz morgen tanzen , wie immer !