mich mit der Wärme , die ich erregte . In der Verwirrung dacht ' ich ihm Atem einzublasen , aber die Perlenreihen seiner Zähne waren fest verschlossen , die Lippen , auf denen der Abschiedskuß noch zu ruhen schien , versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung . An menschlicher Hülfe verzweifelnd , wandt ' ich mich zum Gebet ; ich flehte , ich betete , es war mir , als wenn ich in diesem Augenblicke Wunder tun müßte , die noch inwohnende Seele hervorzurufen , die noch in der Nähe schwebende wieder hineinzulocken . Man riß mich weg ; weinend , schluchzend saß ich im Wagen und vernahm kaum , was die Eltern sagten : unsere Mutter , was ich nachher so oft wiederholen hörte , hatte sich in den Willen Gottes ergeben . Ich war indessen eingeschlafen und erwachte verdüstert am späten Morgen in einem rätselhaften , verwirrten Zustande . Als ich mich aber zum Frühstück begab , fand ich Mutter , Tante und Köchin in wichtiger Beratung . Die Krebse sollten nicht gesotten , nicht auf den Tisch gebracht werden ; der Vater wollte eine so unmittelbare Erinnerung an das nächstvergangene Unglück nicht erdulden . Die Tante schien sich dieser seltenen Geschöpfe eifrigst bemächtigen zu wollen , schalt aber nebenher auf mich , daß wir die Schlüsselblumen mitzubringen versäumt ; doch schien sie sich bald hierüber zu beruhigen , als man jene lebhaft durcheinander kriechenden Mißgestalten ihr zu beliebiger Verfügung übergab , worauf sie denn deren weitere Behandlung mit der Köchin verabredete . Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen , muß ich von dem Charakter und dem Wesen dieser Frau das Nähere vermelden : Die Eigenschaften , von denen sie beherrscht wurde , konnte man , sittlich betrachtet , keineswegs rühmen ; und doch brachten sie , bürgerlich und politisch angesehen , manche gute Wirkung hervor . Sie war im eigentlichen Sinne geldgeizig , denn es dauerte sie jeder bare Pfennig , den sie aus der Hand geben sollte , und sah sich überall für ihre Bedürfnisse nach Surrogaten um , welche man umsonst , durch Tausch oder irgendeine Weise beischaffen konnte . So waren die Schlüsselblumen zum Tee bestimmt , den sie für gesünder hielt als irgendeinen chinesischen . Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen , es sei nun zur Nahrung , zur Würze , zur Arzenei ; man brauche sich deshalb nicht an fremde Länder zu wenden . So besorgte sie in einem kleinen Garten alles , was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft mache und Kranken zuträglich wäre : sie besuchte keinen fremden Garten , ohne dergleichen von da mitzubringen . Diese Gesinnung und was daraus folgte , konnte man ihr sehr gerne zugeben , da ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich zugute kommen sollte ; auch wußten Vater und Mutter hierin durchaus ihr nachzugeben und förderlich zu sein . Eine andere Leidenschaft jedoch , eine tätige , die sich unermüdet geschäftig hervortat , war der Stolz , für eine bedeutende , einflußreiche Person gehalten zu werden . Und sie hatte fürwahr diesen Ruhm sich verdient und erreicht ; denn die sonst unnützen , sogar oft schädlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien wußte sie zu ihrem Vorteil anzuwenden . Alles , was in der Stadt vorging , und daher auch das Innere der Familien , war ihr genau bekannt , und es ereignete sich nicht leicht ein zweifelhafter Fall , in den sie sich nicht zu mischen gewußt hätte , welches ihr um desto mehr gelang , als sie immer nur zu nutzen trachtete , dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern wußte . Manche Heirat hatte sie geschlossen , wobei wenigstens der eine Teil vielleicht zufrieden blieb . Was sie aber am meisten beschäftigte , war das Fördern und Befördern solcher Personen , die ein Amt , eine Anstellung suchten , wodurch sie sich denn wirklich eine große Anzahl Klienten erwarb , deren Einfluß sie dann wieder zu benutzen wußte . Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten , eines rechtlichen , strengen Mannes , hatte sie denn doch gelernt , wie man diejenigen durch Kleinigkeiten gewinnt , denen man durch bedeutendes Anerbieten nicht beikommen kann . Um aber ohne fernere Weitläufigkeit auf dem betretenen Pfade zu bleiben , sei zunächst bemerkt , daß sie auf einen Mann , der eine wichtige Stelle bekleidete , sich großen Einfluß zu verschaffen gewußt . Er war geizig gleich ihr , und zu seinem Unglück ebenso speiselustig und genäschig . Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen , blieb ihre erste Sorge . Sein Gewissen war nicht das zarteste , aber auch sein Mut , seine Verwegenheit mußte in Anspruch genommen werden , wenn er in bedenklichen Fällen den Widerstand seiner Kollegen überwinden und die Stimme der Pflicht , die sie ihm entgegensetzten , übertäuben sollte . Nun war gerade der Fall , daß sie einen Unwürdigen begünstigte ; sie hatte das möglichste getan , ihn einzuschieben ; die Angelegenheit hatte für sie eine günstige Wendung genommen , und nun kamen ihr die Krebse , dergleichen man freilich selten gesehen , glücklicherweise zustatten . Sie sollten sorgfältig gefüttert und nach und nach dem hohen Gönner , der gewöhnlich ganz allein sehr kärglich speiste , auf die Tafel gebracht werden . Übrigens gab der unglückliche Vorfall zu manchen Gesprächen und geselligen Bewegungen Anlaß . Mein Vater war jener Zeit einer der ersten , der seine Betrachtung , seine Sorge über die Familie , über die Stadt hinaus zu erstrecken durch einen allgemeinen , wohlwollenden Geist getrieben ward . Die großen Hindernisse , welche der Einimpfung der Blattern anfangs entgegenstanden , zu beseitigen , war er mit verständigen Ärzten und Polizeiverwandten bemüht . Größere Sorgfalt in den Hospitälern , menschlichere Behandlung der Gefangenen und was sich hieran ferner schließen mag , machte das Geschäft wo nicht seines Lebens , doch seines Lesens und Nachdenkens ; wie er denn auch seine Überzeugung überall aussprach und dadurch