seinen Gruß einem Menschen , dessen Gesicht ein Schnupftuch zuband , im Fluge zuwerfen konnte . Er ging so lange fort , bis er glauben durfte , der Mann habe sich umgesehen , und er könn ' es auch , ohne zusammenzustoßen . Aber eben sah jener her . Er ging wieder weiter und blickte um - der Bandagist seinerseits auch . Als ers zum drittenmal tat , merkte er , daß der Mann trotzig stehen bleibe , und daß ihn die Rücksicht gar verdrüße . Da ließ ihn Walt laufen und stehen . Er stieß bald - so wuchsen die Abenteuer - auf drei alte Frauen und eine blutjunge , welche mit hochaufgetürmten Körben voll Leseholz aus einem Wäldchen kamen . Auf einmal standen sie alle in gerader Linie zugleich hintereinander still , die schweren Körbe auf den schief-untergestellten Stecken auflehnend , die sie vorher als Badinen getragen . Sein Herz machte viel daraus , daß sie , wie Protestanten und Katholiken in Wetzlar , ihre Ferien und Feiertage des Gehens gemeinschaftlich abtaten , um beisammen zu bleiben und fort zu reden . Nie entwischte seinem Auge die kleinste Handvoll Federn oder Heu , womit sich der Arme die harte Pritsche in der Wachtstube seines Lebens etwas weicher bettet und sich die Marterbank auspolstert . Ein liebender Geist spüret gern die Freuden der Armen aus , um darüber eine zu haben ; ein hassender aber lieber die Plagen , seltener um sie zu heben , als um über die Reichen zu bellen , die er vielleicht selber vermehrt . Herzlich gern wollt ' er den Fracht- und Kreuzträgerinnen einige Groschen Trage-Lohn auszahlen ; er schämte sich aber vor so vielen Zeugen einer warmen Tat . Darauf schob ein Mann einen Karren voll hoher klappernder Blechwaren daher ; sein Töchterchen war als Vorspann vorgelegt ; beide keuchten stark . Es zwang ihn , sich mit dem Karrenschieber zusammenzuhalten und sich auf die eine Waagschale zu stellen , den Kärrner auf die andere . Da er nun sogleich bemerkte , wie sehr er mit seinen Glückslosen und Zuckerhüten den Kärrner überwiege - der alten Holzweiber nicht einmal zu gedenken - ; da er finden mußte , daß sein freies fliegendes Fortkommen , gegen das träge Karren- und Stunden-Rad des Mannes gemessen , mehr der freudigen leichten Weise beikomme , wie die Großen reisen : so wurd ' er rot über seinen Reichtum und Stand - er sah die Weiber noch halten und lehnen - er lief zurück mit vier Gaben und eilig davon . » Bei Gott « , schreibt er in sein Tagebuch , um sich ganz zu rechtfertigen , - » der armselige flüchtige Sinnen-Kitzel einer bessern Nahrung , welchen etwan ein paar geschenkte Groschen bereiten können , und überhaupt der Genuß , der kann nie der Anlaß werden , daß man die Groschen so freudig hinreicht ; aber die Freude , die man dadurch auf einen ganzen Tag lang in ein ausgehungertes Herz und in seine welken , kalten , engen Adern auswärmend hineingießet , dieser schönste Himmel anderer Menschen ist doch wohl wohlfeil genug damit erkauft , daß man selber einen dabei hat . « Hier kramt er weitläufig seinen alten Traum von dem Glücke eines reisenden Mylords aus , auf einmal durch eine offne volle Hand ein ganzes Dorf unter Bier und Fleischbrühe zu setzen und in ein Elysium langer Erinnerung . Mit drei Himmeln im unschuldigen Gesicht - noch einen mehr hatt ' er auf den Gesichtern hinter sich gelassen - glitt er leicht von Tautropfen zu Tautropfen . - Das Herz wird wie ein Luftschiff durch den Auswurf des schwersten Ballastes , des Geldes , so leicht , so schnell , so hoch . Indes traf er ziemlich spät in dem nur vier kleine Werste entlegenen Härmlesberg ein . Denn überall saß und schrieb , oder stand und sah er oder las alles - jede Inschrift einer Steinbank - und wollte keine Kleinigkeit übergehen , sie müßte denn Bevölkerung , Stallfütterung , Wiesenwuchs , Lehmboden und dergleichen betroffen haben . » Drinnen will ich « , sagt ' er zu sich , » da ich doch einem großen Herren ähnlich scheinen soll , mein déjeuner dinatoire einnehmen « , und trat in den Krug . Nr. 40. Cedo nulli Wirtshäuser - Reisebelustigungen Der Notarius , der unter die Menschen gehörte , welche wohl jahrelang daheim sparen können , aber nicht unterwegs - hingegen andere kehren es gerade um - , foderte keck sein Nößel Landwein . Dabei aß und saß er und beobachtete vergnügt die Wirtsstube , den Tisch , die Bänke und die Leute . Als einige Handwerkspursche ihren Kaffee bezahlten : bemerkte er sehr wahr , daß die Milchtöpfchen in Franken ihren Gießschnabel dem Henkel gegenüber haben , in Sachsen aber links oder gar keinen . Mit gedachten Purschen ging seine Seele heimlich auf Reisen . Gibt es etwas Schöneres als solche Wanderjahre in der schönsten Jahrszeit und in der schönsten Lebenszeit , bei solchen Diätengeldern , die man unterwegs bei jedem Meister erhebt , und bei solcher Leichtigkeit , in die größten Städte Deutschlands ohne alle Reisekosten zu gehen , und sobald kaltes nasses Wetter einbricht , sogar auf einem Arbeitsstuhl häuslich zu nisten und zu brüten wie der Kreuzschnabel im Winter ? - » Warum ( schreibt sein Tagebuch Vulten ) müssen die armen Gelehrten nicht wandern , denen das Reisen und das Geld dazu gewiß ebenso nötig und dienlich wäre als allen Gesellen ? « » Draußen im Reich « , sagte stets Walts Vater , wenn er bei Schneegestöber von seinen Wanderjahren erzählte ; und daher lag dem Sohne das Reich in so romantischem Morgentau blitzend hin als irgendeine Quadratmeile von Morgenland ; in allen Wandergesellen verjüngte sich ihm die väterliche Vergangenheit . Jetzt fuhr ein Salzkärrner mit einem Pferde vor , trat ein , wusch sich in einer ganz fremden Stube öffentlich und trocknete sich mit dem an einem Hirschgeweih hängenden Handtuch ab , ohne noch für