selbst in die Arme geführt heut Morgen ! “ Die letzten Worte verhallten in dem Zuwerfen der Thür , die er inzwischen geöffnet hatte , es verstand sie Keiner von den Anwesenden . Ulrich trat hinaus in ’ s Freie und warf sich auf die Bank nieder ; es war eine unnatürliche und unheimliche Ruhe , die heut auf seinem ganzen Wesen lag ; sie erschien fast beängstigend bei einem Manne , der sonst immer gewohnt war , seiner wilden Leidenschaftlichkeit den Zügel schießen zu lassen . Ob der Abfall seiner Cameraden ihn so tief getroffen , ob es etwas Anderes war , was seit dem heutigen Morgen in ihm wühlte , die stolze Siegesgewißheit , die er noch in jenen Stunden gezeigt , schien jetzt gelähmt , wenn nicht gebrochen . An dem Gärtchen vorüber floß der breite Bach , der weiter unten die Räderwerke trieb , die freilich jetzt stille standen . Es war ein wildes heimtückisches Gewässer , dieser Bach ; er hatte nichts von dem murmelnden silberhellen Blinken seiner Genossen oben im Gebirge , und doch kam auch er aus der Tiefe der Berge , gerade dort , wo die Schachte lagen . Wie oft schon hatte er versucht , harmlos spielende Kinder in seinen Strudel zu ziehen und wenigstens zu schrecken und zu quälen , wo er nicht verletzen und tödten durfte , um sich dafür zu rächen , daß man ihn dem Menschenwerke und Menschenantriebe dienstbar gemacht ! Die trüben , reißenden Fluthen erschienen so unheimlich , wie sie im letzten Abendschein dahinschossen , und noch unheimlicher klang ihr Rauschen . Es zischte und murmelte darin , so höhnisch und schadenfroh , als hätten sie dort in der Tiefe dem Erdgeiste all die Tücken und Ränke abgelernt , mit denen er die Menschen umspann , die es immer wieder versuchten , ihm seine Schätze zu entreißen , mit denen er schon so manches junge warme Leben eingefordert und da unten begraben hatte in ewiger Nacht . Es war nichts Gutes , was in diesem Murmeln und Rauschen klang , und es war auch keine gute Stunde , in der es zu dem Ohr des jungen Bergmannes heraufdrang , der unbeweglich hinabstarrte , als lausche er einer geheimnißvollen Stimme . Eine ganze Weile mochte er so gesessen haben , als ein Schritt dicht hinter ihm ertönte , und gleich darauf stand Martha vor ihm . „ Was willst Du ? “ fragte Ulrich , ohne den Blick von der Fluth abzuwenden . „ Ich wollte sehen , wo Du bliebst , Ulrich ! “ Es klang wie verhaltene Angst aus der Stimme des Mädchens ; er zuckte die Achseln . „ Wo ich blieb ? Dort drinnen ist Dein Bräutigam ; um den kannst Du Dich sorgen . Mich laß ’ , wo ich bin ! “ „ Karl ist schon wieder fort ! “ sagte Martha hastig , „ und [ 303 ] er weiß am besten , daß ihm nichts zu nahe geschieht , wenn ich mit Dir rede . “ Ulrich wandte sich um und sah sie an ; es war , als wolle er sich losreißen von den Gedanken , die das Rauschen da unten in ihm aufweckte . „ Höre , Martha , was sich Karl von Dir bieten läßt , das läßt sich so leicht kein Anderer bieten . Ich litte es nicht , daß Du mir so begegnetest . Du hättest nicht Ja sagen sollen , wenn Du nun einmal kein Herz für ihn hast . “ Das junge Mädchen wandte sich mit einer beinahe trotzigen Bewegung ab . „ Er weiß , daß ich keins für ihn habe ; ich habe es ihm gesagt damals , als wir uns miteinander versprachen . Er bestand doch darauf ; ich kann ’ s nicht ändern , wenigstens jetzt noch nicht ; vielleicht lerne ich ’ s nach der Hochzeit . “ „ Vielleicht ! “ sagte Ulrich mit einer Bitterkeit , die zu tief und schneidend war , um nur diesen Worten zu gelten . „ Es lernt sich ja so Manches nach der Hochzeit , bei Anderen wenigstens , warum nicht auch bei Dir ! “ Er schaute wieder hinab in das dunkle reißende Wasser , als könne er sich nicht davon losreißen . Da unten klang und rauschte es wieder , als flüstere es ihm böse , böse Gedanken zu . Martha stand noch immer einige Schritte von ihm entfernt ; die scheue Furcht , die seit dem „ Schachtunglück “ seine ganze Umgebung bannte , hielt auch sie gefesselt . Wochenlang hatte sie jedes Alleinsein , jede Annäherung vermieden ; aber heute war die alte Neigung mächtig wieder aufgewacht und zog sie fast gewaltsam in seine Nähe ; diese seltsame Ruhe täuschte sie nicht ; sie ahnte , was sich dahinter barg . „ Du kannst den Abfall der Cameraden nicht verwinden ? “ fragte sie leise . „ Noch steht die Hälfte ja zu Dir , und Karl hält bei Dir aus bis zur letzten Minute . “ Ulrich lächelte verächtlich . „ Heute ist ’ s noch die Hälfte ; morgen wird ’ s ein Viertheil sein , und übermorgen – laß gut sein , Martha ! Und was den Lorenz betrifft , der ist von jeher nur mit halbem Herzen dabei gewesen . Er hat zu mir gestanden und nicht zu der Sache , weil ich sein Freund war , und mit der Freundschaft wird es auch bald zu Ende sein . Dazu hat er Dich viel zu tief im Herzen , um mich jetzt noch ehrlich zu lieben . “ Das Mädchen machte eine heftige Bewegung . „ Ulrich ! “ „ Nun , das kann Dich doch nicht mehr kränken ! Du hast ja nicht gewollt , als ich Dich bat , meine Frau zu werden . Hättest Du es gethan , es wäre Vieles besser geworden . “ „ Es wäre nicht besser geworden ! “ sagte Martha entschieden .