Mädchen trat aus dem Seitenweg . War sie in den wenigen Tagen ihrer Verbannung noch gewachsen ? Und was mußte in dieser Seele vorgegangen sein , daß auch der letzte Rest kindlicher Unterwürfigkeit von der Erscheinung abgestreift schien ? ... So , wie sie da aus dem Gebüsch hervortrat , war sie die gebietende Herrin des Schlosses . Die ganze anmutvolle Hoheit , mit der einst die Gräfin Völdern die Wirtin gemacht hatte , umfloß auch diese jugendliche Gestalt ; nur das verführerische Lächeln fehlte – auf der Stirn des jungen Mädchens lag tiefer Ernst . Der Minister wollte ihre Hand ergreifen , um dem Fürsten die Stieftochter in aller Form vorzuführen . Sie schien diese Absicht nicht zu verstehen – Seine Exzellenz begnügte sich demzufolge , die Vorstellung mittels einer zierlichen Handbewegung einzuleiten , und das » Meine Tochter ! « klang so zärtlich innig von seinen Lippen , als sei das verknüpfende Band zwischen ihm und der gräflichen Waise nie fester gewesen als in diesem Augenblick . Gisela verbeugte sich mit ungezwungener Grazie . Frau von Herbecks Blicke hingen in verzehrender Angst an dieser Verbeugung , sie war » lange , lange nicht tief genug ! « Aber die Züge des Fürsten verloren das Gepräge herzlichen Wohlwollens und lebhafter Freude darum nicht . » Liebe Gräfin , Sie ahnen nicht , wie viel schöne Erinnerungen Ihre Erscheinung in mir weckt ! « sagte er fast bewegt . » Ihre Großmama , die Gräfin Völdern , der Sie zum Verwechseln ähnlich geworden sind , war einst , wenn auch nur für wenige Jahre , die Seele meines Hofes . Wir alle werden die Zeit nie vergessen , da dieser funkensprühende Geist uns das Leben von einer ganz neuen Seite zeigte – damals vergaß man , daß das menschliche Dasein auch Schattenseiten habe ... Die Gräfin Völdern war für uns eine beglückende Fee ! « – » Die ihre bittenden Untergebenen mit Hunden forthetzen ließ « , dachte Gisela , und ihr Herz wand und krümmte sich unter diesem Schluß , der sich ihr unerbittlich aufdrängte ... Noch vor einer Viertelstunde würde sie der wortreiche Nachruf des Fürsten beglückt und stolz gemacht haben – jetzt klang er ihr wie der schneidendste Sarkasmus . Sie fand nicht ein Wort der Erwiderung auf die schmeichelnde Anrede . Seiner Durchlaucht galt dieses Verstummen für » reizende Blödheit des einsamen Kindes « . Er half ihr rasch über die anscheinende Verlegenheit hinweg , indem er ihre Hand faßte und sie nach der prächtigen Linde führte , die nahe am Gittertor des Schloßgartens ihr uraltes , dickes Geäst über eine Gruppe eiserner Möbel breitete . » Im Schloß will ich für dieses Mal nicht einkehren « , sagte er , sich niederlassend . » Die Zeit des Diners rückt heran , und wir dürfen die Damen in Arnsberg nicht warten lassen ... Aber einen Augenblick muß ich unter dieser Linde ruhen ... Wissen Sie noch , lieber Baron Fleury ? – Hier saßen wir einst in den italienischen Nächten , welche die Gräfin so wundervoll in Szene zu setzen wußte ... Da lag das Schloß dort drüben in feenhafter Beleuchtung . Der Garten , den Jugend und Schönheit reizend belebten , schwamm in einem Meer von Licht und Duft – welch eine berauschende Zeit war das ! ... Vorüber , vorüber ! « Man übersah von diesem Platze aus allerdings das imposante Schloß und einen großen Teil des herrlich angelegten Gartens . Seitwärts hinter dem Bronzegitter des Tores breitete sich aber auch das Talgelände aus , über diesen sonnigen Streifen ballten sich augenblicklich die Rauchwolken in unverminderter Dichtigkeit und ließen den weiterhin dämmernden Bergwald fast verschwinden . Und wenn man auch alle weitere Gefahr für das heimgesuchte Dorf beseitigt hatte , Gisela begriff doch nicht , wie es dem alten , neben ihr sitzenden Herrn möglich war , angesichts einer solchen Wirklichkeit sich so schwermütig in die tote Vergangenheit zu versenken . Vom Dorfe her kamen jetzt auch die Herren des Gefolges . Frau von Herbeck eilte nach dem Schloß , um Erfrischungen zu bestellen ; aber als sie das erste schützende Gebüsch hinter sich wußte , da streckte sie in verzweifelter Angst die Hände gen Himmel – das Gesicht des Ministers verwandelte sich ja heute , sobald er sich auch nur einen Augenblick unbeobachtet glaubte , in wahrhaft entsetzlicher Weise – nie hatte sie Grimm und verhaltene Wut so unverhohlen in den steinernen Diplomatenzügen ausgeprägt gesehen . Eben erhob sich Seine Exzellenz , um die Herren seiner Stieftochter vorzustellen , als ein dumpfes Krachen vom Brandplatz herüberscholl , dem ein gellendes Aufschreien vieler Stimmen folgte . Der Fürst sprang auf – man trat in den Torweg . » Das letzte brennende Haus ist zusammengestürzt , Durchlaucht . Dabei war keine Gefahr mehr « , beruhigte einer der Herren des Gefolges . » Gehen Sie und bringen Sie sofort Nachricht ! « befahl der Fürst . Mehrere Herren stoben dahin , als blase der Sturmwind hinter ihnen her . Fast unmittelbar darauf kam ein Mann um die Ecke der obersten Dorfgasse gesprungen . Es war der Greinsfelder Schullehrer , der nach seiner in der Nähe des Schlosses gelegenen Wohnung lief . » Was gibt es da drüben , Herr Wöllner ? « fragte Frau von Herbeck , aus dem Tore tretend . » Gnädige Frau , des Nickels Haus ist eingestürzt und hat einen Antichristen unter sich begraben « , antwortete der Mann fast feierlich , aber auch mit einer Art von fanatischer Wildheit . » Soviel ich gesehen habe , liegt der Amerikaner aus dem Waldhause drunter ... Gnädige Frau , dort richtet der Herr in seinem gerechten Zorn ! Alle Abgebrannten haben ihre Ziegen gerettet , nur dem Weber seine ist verbrannt – er hat auch die Eingabe unterschrieben , die um Belassung des Neuenfelder Pfarrers in seinem Amt bitten soll ! « » Alberner Schwätzer ! « schalt der Minister verächtlich . Er und der Medizinalrat waren die einzigen , die neben