die Großmama Käthe ’ s plötzlichen Entschluß , „ um des dabei an den Tag gelegten Tactes willen “ , geradezu in den Himmel hebe , während Flora die Achseln zucke und von Backfischstreichen spreche . Der Kommerzienrat hatte mehrere Tage mit ihr gegrollt , ihrer unbefugten Einmischung wegen . Er war an jenem Abend , wo ihm Henriette in einer Ecke des Musiksalons leise das Geschehene mitgetheilt , blaß geworden vor Schreck und Verdruß , und nur die Anwesenheit der Gäste hatte eine heftige Familienszene verhindert , die jedenfalls um so erbitterter ausgefallen wäre , als auch Flora den ganzen Abend sehr verstimmt und pikiert gewesen war – der Bräutigam hatte sich mit Berufspflichten entschuldigt und war in der Geburtstagssoirée nicht erschienen . Der Kommerzienrat hatte gleich zu Anfang an Käthe unddie Doktorin geschrieben und „ behufs einer Aussprechung “ seinen Besuch in Dresden für den Juni angekündigt , allein das Tagebuch theilte in jener Zeit mit , daß häufiger als je Depeschen in der Villa einliefen , daß der Kommerzienrat weit mehr in Berlin als daheim und mit Geschäften vollständig überbürdet sei . Der Besuch unterblieb ; nur selten kam ein flüchtiger Geschäftsbrief von der Hand des Vormundes , und die letzte Geldsendung hatte – was bisher nie geschehen – der Buchhalter abgeschickt . Käthe atmete auf ; der gefürchtete Konflict war ohne allen Zweifel beseitigt . Der Herr Vormund hatte aus ihrem Antwortschreiben die Ueberzeugung gewonnen , daß er niemals hoffen dürfe , und sich vernünftiger Weise beschieden . Das junge Mädchen hätte nunmehr als Pflegerin zurückkehren können , dem aber widersetzte sich die Doktorin energisch , weil Käthe , wie sie oft tadelnd und bekümmert aussprach , so sehr verändert , mit dem Verluste ihres jugendlichen Frohsinns und ihrer frischblühenden Gesichtsfarbe heimgekommen sei . Zudem hatte die Baronin Steiner in der That mit ihrem Gefolge für zwei volle Monate Einzug in der Villa gehalten und sich dermaßen ausgebreitet , daß kein Winkelchen in der Beletage unbesetzt geblieben war . Käthe selbst schauderte bei dem Gedanken an eine Rückkehr , so lange die Uebersiedelung nach L … .. g nicht stattgefunden hatte . Sie wußte nur zu gut , daß sie jetzt nicht mehr monatelang mit äußerer Ruhe inmitten der dortigen Verhältnisse ausharren könne – bedurfte es doch selbst in Dresden all ’ ihrer Kraft , nicht zu zeigen , daß sie ihren inneren Frieden verloren habe , daß sie fast übermenschlich ringe mit der süßen , zwingenden Gewalt , die sich ihrer Seele bemächtigt , und welche die Menschen Sünde nannten . Henriette hatte ja auch noch nicht „ gerufen “ , trotz ihrer leidenschaftlichen Klagen über die Sehnsucht nach „ der starken , besonnenen Schwester “ ; sie sprach im Gegentheil mit entusiastischem Danke von der Aufopferung , mit der sie von Seiten der Tante einstweilen gepflegt und verhätschelt werde . Ihr Tagebuch war eigentlich auch nur eine fortlaufende Schilderung , in der zwei Menschen die Hauptrolle spielten , der Doktor und die Tante . Alles , was sich im Hause am Flusse ereignete , wurde getreulich mitgetheilt , und war es auch nur der jähe Tod der gelben Henne , die endlich doch ein tückisches Zuschnappen des grimmen Feindes vor der Hundehütte aus der Welt befördert , oder der außergewöhnliche Traubenreichtum , der in diesem Jahre am Weinspalier hing ; selbst ein neu angeschafftes silberweißes Kätzchen , „ das sich auf dem Sopha der Taute breit mache “ , wurde als Merkwürdigkeit aufgezählt – das waren die harmlosen Momente , sonst aber trug das Tagebuch eine düstere Färbung . Manche Stellen lasen sich , als müßten die Briefblätter noch thränenfeucht sein , andere wieder so leidenschaftlich fortreißend , als sei aus den schreibenden Fingern Feuer in die Feder geströmt . Ueber das bräutliche Verhältniß zwischen Flora und dem Doktor fiel auch hier kein Wort , wohl aber wurde angstvoll geklagt , daß der Letztere in Folge seiner aufreibenden ärztlichen Thätigkeit sich auffallend verändere ; nur den Kranken gegenüber sei er mild und geduldig , im geselligen Umgange dagegen verfinstert , wortkarg wie nie und sichtlich reizbar ; in seiner äußeren Erscheinung verfalle er zum Befremden Aller . So war allmählich der Zeitpunkt herangerückt , auf welchen man die Hochzeit festgesetzt hatte . Flora hatte es unterlassen , die ferne Stiefschwester einzuladen ; sie habe den Kopf voll – schrieb Henriette – eine Reihe von Fêten , die ihr zu Ehren noch gegeben würden , lasse sie kaum zu Athem kommen ; dazu sei sie kapriziös wie immer , auch bezüglich ihrer Aussteuer und der Vermählungsfeierlichkeiten – es werde fortwährend noch ausgewählt und geändert zur Verzweiflung der Lieferanten . Henriette befand sich in unbeschreiblicher Aufregung ; sie betonte wiederholt , daß sie in dem Hochzeitstrubel um keinen Preis allein bleiben wolle . Die Tante Diakonus werde ihr in „ den entsetzlichen Tagen “ voraussichtlich keine Stütze sein , da sie selbst schon jetzt unter dem Trennungsweh leide und oft auffällig verstimmt und bewegt sei . Diese Klagen steigerten sich von Blatt zu Blatt , bis eines Abends , wenige Tage vor der Hochzeit ein Telegramm einlief , welches lautete : „ Komme sofort ! Ich bin auch körperlich sehr elend . “ Da galt kein Zögern ; auch die Doktorin war damit einverstanden , daß Käthe gehe – und das junge Mädchen selbst ? Ein Nervenschauer um den anderen durchschüttelte sie aus Angst vor dem Kommenden , und dabei jubelte sie auf in unbeschreiblicher Seligkeit , daß sie den noch einmal sehen sollte , der – ihr Schwager wurde . Da stand sie nun an einem Septembermorgen wieder in der Schloßmühlenstube . Sie war mit dem Nachtzuge gefahren und eben angekommen . Bei ihrer Abfahrt hatte sie Franz telegraphisch ihre Ankunft mitgetheilt , und liebevoller hätten Mutterhände ihre Aufnahme nicht vorbereiten können , als die alte Suse gethan . Die große , von dem durch die Kastanienwipfel hereinfallenden grünen Dämmerlichte angehauchte Stube war erfüllt von den Düften der Heliotropen , Rosen und Reseden , die