ihres Kleinods als letzten Eindruck in sich aufnähmen , « sagte die junge Frau zurücktretend . » Wenn alles vorüber ist , dann holen Sie mich , und sei es in tiefster Nacht . Ich will ihr das Dokument aus der Hand nehmen ; Sie haben recht , das muß ich selbst thun ; aber bis dahin darf diese arme Hand nicht berührt werden ... Frau Löhn , es thut mir leid , allein ich muß Ihnen einen Vorwurf machen : Sie mußten damals den Zettel auf alle Fälle an die Adresse abgeben . « » Gnädige Frau ! « fuhr die Beschließerin fast wild empor . » Das sagen Sie jetzt , wo alles gut ausgeht – aber damals ? Ich stand mutterseelenallein ; die ganze Gesellschaft hatte ich gegen mich . Männern , wie dem alten Herrn und dem Pfaffen , war ich nicht gewachsen , da werden gescheitere Köpfe als ich zu Schanden – und der junge Herr , der die Sache hätte ausfechten sollen ? Du lieber Gott ! Ja , wenn man sie , wie den blauen Schuh , unter die Glasglocke hätte legen können ! « Eine tiefe Glut schoß der jungen Frau in die Wangen , und die Beschließerin verstummte erschrocken . » Ach , was schwätz ' ich da ! Es ist ja alles gutgemacht , « verbesserte sie sich kleinlaut . » Aber damals war ' s schlimm . Gnädige Frau , Sie haben ' s ja heute selbst gehört , daß er den armen Jungen wie einen Hund aus dem Wege gestoßen hat ... Ich will Ihnen sagen , wie die Sache gekommen wär ' : Der gnädige Herr hätte mir den Zettel aus der Hand genommen und ihn den beiden anderen Herren gezeigt ; die hätten hell aufgelacht und ihm gesagt , daß sie das besser wissen müßten , denn sie seien Tag und Nacht um den Kranken gewesen . Und der Betrug wär ' auf mir sitzen geblieben , so gewiß , wie zwei mal zwei vier ist , so gewiß , wie sie mich zum Schloßthore ? nausgepeitscht hätten ... Nein , nein , da hieß es aufpassen und warten ... Ja , wenn ich wüßte , was auf dem Zettel steht , das wäre noch anders ; aber ich stand dem sel ' gen Herrn nicht so nahe beim Schreiben , und wie er mir das Papier hinhielt , da hatte ich vollauf zu thun , um die Adresse herauszubuchstabieren ... Es ist noch gar nicht lange her , da hab ' ich der Frau einmal in ihrem tiefsten Morphiumschlafe das Büchselchen abgenommen , um mir die Sache anzusehen ; aber das Ding ist nicht aufzubringen ; man mag es ansehen , wo man will , es ist wie zusammengehämmert ; kein Schloß , kein Drücker ist zu finden – ich glaube , es wird aufgebrochen werden müssen . « » Desto besser , « sagte Liane . Sie trat an die Glasthür und winkte Gabriel herein . Es war spät geworden , viel zu spät für die junge Frau , um Mainau noch Mittheilung zu machen , bevor er zu Hofe ging , und er hatte ihr ja gesagt , er müsse aus besonderen Gründen der Einladung folgen . Fast war es auch für sie zu spät , noch Toilette zu machen . Ihr ganzes Gefühl empörte sich : schmücken sollte sie sich , vor dem Spiegel stehen in diesen furchtbaren Stunden , wo alte , verschollene Sünden zum Austrag kommen mußten ... Sie verließ rasch das indische Haus , um dennoch Mainau aufzusuchen und ihm in flüchtigen Umrissen das Nötigste mitzuteilen ; aber er war nicht zu finden , und ein Lakai sagte ihr , der gnädige Herr sei infolge der Wolkershäuser Nachrichten noch einmal fortgegangen , wohin wisse er nicht , vielleicht zum Schloßgärtner . Sie ging mit schwerem Herzen in ihr Ankleidezimmer . 24. Auf dem weiten Parterre vor dem Schönwerther Schlosse hielt die Equipage mit den Apfelschimmeln , und dicht am Portale stand der Glaswagen des Hofmarschalls . Dem wohlgenährten , gesetzten Kutscher auf dem Bocke machte sein Gespann keine Mühe . Es waren schöne , sanftmütige Pferde ; sie standen wie die Lämmer , während die Apfelschimmel drüben wild schnaubend Funkenregen aus dem Kies stampften . » Die Bestien ! « knurrte der Hofmarschall , der sich im Rollstuhle die Treppe hinabtragen ließ . Er hätte gehen können ; allein im Hinblick auf so manche anhaltende Stehmarter in Gegenwart der allerhöchsten Herrschaften mußte er mit seinen Kräften haushalten . Drunten im Vestibül ging Mainau wartend auf und ab , und in dem Augenblicke , wo die Lakaien den Rollstuhl auf den Mosaikboden niedersetzten , kam auch ein Mann aus einem Seitenkorridor . Als er den alten Herrn erblickte , verdoppelte er seine Schritte und verließ das Schloß durch die große Glasthür . Der Hofmarschall reckte sich in seinem Stuhle empor , als traue er seinen Augen nicht . » Wie , war denn das nicht der Lump , der Dammer , der Knall und Fall fortgejagt werden mußte ? « rief er Mainau zu . » Ja , Onkel . « » Nun , in des Kuckucks Namen – wie kommt denn der Mensch dazu , so sans façon hier durch zugehen ? « wandte er sich scheltend an die Lakaien . » Gnädiger Herr , er hat in der Domestikenstube sein Abendbrot gegessen , « antwortete einer derselben zögernd . Der Hofmarschall schnellte empor ; er stand kerzengerade auf seinen kranken Beinen . » In meiner Domestikenstube ? An meinem Gesindetische ? « » Lieber Onkel , über diese Domestikenstube und diesen Eßtisch habe ich doch vielleicht auch ein klein wenig zu verfügen – wie ? « sagte Mainau gelassen . » Dammer hat mir Nachrichten aus Wolkershausen gebracht ; er kann erst morgen zurückreiten ; soll er inzwischen hier in Schönwerth hungern ? ... Es war eine Taktlosigkeit von ihm , daß er deinen Weg gekreuzt hat ;