. » Weshalb fragen ? Ich kann Sie nicht zwingen , Ihr Versprechen zu halten , habe auch wahrhaftig niemals verlangt , daß Sie nach Schloß › Stein ‹ gehen . Sie wußten ja sonst Berlin und Wien zu finden , oder Paris oder irgendeine große Stadt noch weiter entfernt . « Er hatte sie ausreden lassen . » Ich wollte Sie in dem Briefe fragen « , sprach er ruhig weiter , » soll denn die Komödie noch kein Ende nehmen , Klaudine ? Es ist doch frevelhaft – « Sie fuhr empor . Sprach er im Ernst ? » Das sagen Sie mir jetzt ? « rief sie empört , » jetzt , wo die Entscheidung so nahe ist ? Die Arme lebt vielleicht keine vierundzwanzig Stunden mehr ! Haben Sie es so eilig , Ihre Freiheit wiederzuerlangen ? « » Sie sind sehr verbittert , Klaudine ! « erwiderte er unwillig und doch klang es wie Mitleid aus seiner Stimme . » Aber Sie haben recht , angesichts der traurigen Tage , denen wir entgegengehen , sollte man nicht von diesen Dingen sprechen . Indessen – « » Nein , nein ! Sprechen Sie nicht davon ! « pflichtete sie ihm aufatmend bei . » Indessen kann ich nicht anders « , fuhr er unerbittlich fort . » Das neueste ist nämlich , daß Ihre Hoheit sich direkt an mich wandte . « Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte ihr ein Schreiben . » Es ist besser , Sie lesen selbst . « Klaudine machte eine abwehrende Bewegung . » Es ist ein eigenhändiges Schreiben der Herzogin « , betonte er , ohne das Briefblatt zurückzuziehen , » die arme Frau verbittert sich ihre letzten Tage mit Sorgen . Wenn Sie gestatten , Cousine , lese ich es Ihnen vor . « Und das blasse Mädchengesicht kaum mit dem Blicke streifend , begann er : » Mein lieber Baron ! Diese Zeilen schreibt Ihnen , nach langem innerem Kampf , eine Sterbende und bittet Sie , ihr nach Möglichkeit in einer überaus zarten Angelegenheit zu helfen . Sagen Sie mir die Wahrheit auf eine Frage , deren Indiskretion Sie mir , die ich bald nicht mehr unter den Lebenden sein werde , verzeihen wollen . Lieben Sie Ihre Cousine ? Wenn es nur ein Akt der Klugheit und Großmut war , ihre Hand zu erbitten , dann , Baron , geben Sie dem Mädchen die Freiheit zurück und seien Sie überzeugt , daß Sie dadurch die Zukunft zweier Menschen , die mir über alles teuer sind , glücklich gestalten werden . Elisabeth . « Die blauen Augen Klaudines starrten wie verzweifelt auf das kleine Briefblatt . Barmherziger Gott , was sollte das sein ? War die Herzogin noch immer in dem alten schrecklichen Wahn , daß ihr Gatte sie liebe oder sie ihn ? Oder hatte Prinzeß Helene sich ihr anvertraut , und die Herzogin wollte vermitteln zwischen Lothar und ihr ? » Und Sie ? « klang es endlich gebrochen von ihren Lippen . » Ich bin auf dem Wege , Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen , Klaudine . Sie wissen selbst , hoffe ich , daß es von der Herzogin unnötig war , die Wahrheit zu fordern . Ich habe immer offen gehandelt während meines ganzen Lebens , nur einmal beging ich eine Täuschung , weil ich aus Zartgefühl nicht den Mut hatte , zu sprechen , weil ich glaubte , ein einmal gegebenes Wort einlösen zu müssen , und sollte es auf Kosten meines Lebensglückes geschehen . Lassen wir das , es ist begraben . Niemals haben mich seitdem irgendwelche Rücksichten gehindert , der vollsten Überzeugung gemäß zu handeln . Ich werde Ihrer Hoheit kurz erklären , daß – « Ein leiser Schrei unterbrach ihn , flehend streckte Klaudine ihm die Hand entgegen , und ihre Augen starrten angstvoll in die seinen . » Schweigen Sie , ich bin nicht die Herzogin ! « stammelte sie . Er hielt inne vor diesem verzweifelten Gebaren . Das Mädchen sprang empor und flüchtete nach der anderen Seite des Abteils . In diesem Augenblick huschten Lichter vor dem Fenster vorüber , der Zug fuhr langsamer . In der trüben Dämmerung des Schneemorgens erkannte der Baron den Bahnhof der Residenz . Über der Stadt erhob sich grau die alte herzogliche Feste . Klaudine war ausgestiegen , ehe er hinzuspringen konnte , um ihr behilflich zu sein . Ein fürstlicher Diener erwartete sie und ein Hofwagen . Als sie eilig hineinschlüpfte , stand Lothar am Schlag . In dem grauen , kalten Morgenlicht sah sein Gesicht ganz anders aus als vorher , es schien Klaudine , als wäre er seit den paar Monaten um Jahre gealtert . » Ich bitte , Cousine , nennen Sie mir die Stunde für eine Unterredung « , forderte er mit höflicher Bestimmtheit . » Morgen « , erwiderte sie . » Morgen erst ? « » Ja ! « entschied sie kurz . Er trat , sich verbeugend , zurück , nahm wenige Minuten später in einem Gasthauswagen Platz und fuhr mit dem schwerfälligen Omnibus durch das Südertor , welches eben der fürstliche Wagen mit Klaudine in Windeseile passiert hatte . » Wie « , dachte er , durch ihr sonderbares Benehmen geängstigt , » wenn die Herzogin dennoch recht hätte , wenn sie den Herzog wirklich liebte ? Wenn ich selbst ihr gleichgültig wäre , wirklich gleichgültig ? « Sie war indes den steilen Schloßberg hinaufgefahren und stieg an dem Tor des Flügels ab , den die Herzogin-Mutter bewohnte . Die aufgehende Sonne tauchte eben die verschneiten spitzen Giebeldächer , die Türmchen und Mauern in Purpurglut , und in demselben Augenblick entrollte sich das herzogliche Banner auf dem Hauptturm der Stadt , die unten noch in grauer Dämmerung lag , ein Zeichen , daß die Herrin heimkehre , ja – heimkehre , um zu sterben . Klaudine fand im zweiten Stockwerk ein paar gemütliche Zimmer zu ihrer Verfügung und ward