seine verschiedenen Versicherungen auf [ 295 ] Ehrenwort , daß er die Wahrheit sage , flogen wie Funken vor den Ohren der Frau Rat umher . Nie , nie habe er geahnt , daß ein Mädchen ihn so bezaubern könne , gestand er . Frau Rat konnte , ohne ihn abzukühlen , die Zurückhaltende spielen sie sagte , Aenne sei ganz arm . „ Zu Tode will ich mich schinden für sie ! “ schwur er . Und sie habe auch so eigene Ideen , der Herr Doktor wisse ja wohl , daß sie nur der Mutter zuliebe ihre Künstlerlaufbahn aufgegeben habe , die ihr Großes verheißen . Jawohl , das wisse er , und es sei gar nicht seine Absicht , das schöne Geschöpf zu seiner Haushälterin zu machen , und so ganz arm sei er doch schließlich auch nicht , sein Vater habe ein Gut in der besten Lage der Magdeburger Börde , nichts als Weizenboden – prima ! Aenne könne allein ihren Neigungen leben , er werde sich nur nach ihr richten . „ Lieber Herr Doktor , Sie wissen , wie ich Sie schätze , “ sagte Frau Rat gerührt , „ an mir soll ’ s nicht fehlen – versuchen Sie Ihr Glück bei Aenne ! “ Er stand still und putzte den Kneifer wieder , und die runden , kurzsichtigen Augen sahen wie hilfesuchend umher . „ Ja , verehrte Frau Rat , das ist eben eine verfluchte – pardon – eine schwierige Geschichte “ , stotterte er – „ Fräulein Aenne versteht mich – glaube ich – absichtlich nicht . Ich – Sie können denken , ein Korb ist kein angenehmes Ereignis im Leben eines Mannes , und ich möchte , bevor ich eine Erklärung riskiere , Gewißheit haben , erhört zu werden . Ich hatte zu hoffen gewagt , daß Sie , verehrte Frau Rat , als Mutter doch einigen Einfluß – Sie kennen den Wunsch , das Streben meines Lebens , in Ihre Hände lege ich mein Geschick – sprechen Sie mit Fräulein Aenne , erbarmen Sie sich über einen Menschen , dem , hol ’ s der Kuckuck – die Angst vor einem Abfall den Mut nimmt , selbst eine Entscheidung herbeizuführen aber bald , thun Sie es bald ! “ „ Haben Sie vorhin denn nicht von Ihren Wünschen zu Aenne gesprochen , Herr Doktor ? “ „ Massenhaft ! “ antwortete er . „ Aber , ich bemerkte schon , sie will nicht verstehen . “ „ Ich werde mit ihr sprechen , “ erklärte Frau Rat . Als sie in das Schlafzimmer trat , das sie mit Aenne teilte – Frau Rat behauptete , vor Angst sterben zu müssen , wenn sie allein schlafe – erhob sich Tante Emilie von dem Stuhl , auf dem sie an Aennes Bette gesessen , und legte den Finger an die Lippen . „ Eben ist sie eingeschlafen , wecke sie nicht auf ! “ Und Frau Rat beugte sich über ihr Kind und erkannte beim Schein des Mondes , daß Aenne geweint hatte . Sie hat ihn doch wohl verstanden , dachte sie und ging so leise schlafen , daß Aenne , wenn sie wirklich geschlafen hätte , thatsächlich nicht aufgewacht sein würde . Und dann schlief die alte Dame ein und träumte von Brautschleiern , Myrten und weißem Atlas – ach , wenn ’ s doch May noch miterleben könnte ! Einmal in der Nacht aber erwachte sie und sah Aenne aufrecht an Bette sitzen , die Arme um die Kniee geschlungen , starrte das Mädchen in das Dämmern des kleinen Gemachs , unbeweglich , als sei sie aus Stein gehauen . Eine Weile beobachtete die Mutter ihr Kind , dann meinte sie , die Stunde sei vielleicht gekommen , wo eine Aussprache möglich sei . Aber bei der leisesten Bewegung , die sie machte , legte Aenne sich zurück . „ Aenne ! “ sagte halblaut Frau Rat , aber sie erhielt keine Antwort . Sie kann ihre dumme Singerei nicht aus dem Kopfe bringen , dachte die Mutter , man darf nicht zu früh reden . Frau Rat schlief endlich auch wieder ein , und als sie früh erwachte , schlug es fünf Uhr . Ihr erster Blick ging hinüber zu Aennes Lagerstatt – sie war leer . „ Es ist die Möglichkeit , “ seufzte die alte Dame , „ sie wird alle Tage wunderlicher , was ist das für ein närrisches Mädchen ! Wenn ich ’ s nicht aus der Aehnlichkeit mit der Mayschen Sippe wüßte , ich könnte meinen , Zigeuner hätten mir das Kind vertauscht . “ Die Nacht würde Aenne nie vergessen , solange sie lebte , das wußte sie genau . Viel Schweres hatte sie durchgemacht in ihrem jungen Leben , sie hatte es ertragen , daß der Mann , den sie liebte und von dem sie sich geliebt glaubte , urplötzlich sich von ihr abwandte , einer andern zu , die er noch tags zuvor verspottet hatte . Sie war mit ihrem tief verletzten Herzen , ihrem gekränkten Stolz , ihrem Trotz in eines andern Arme geflüchtet und hatte mit Entsetzen alle die Konsequenzen über sich ergehen lassen , die dieser verzweifelte Schritt mit sich brachte . Sie hatte es ertragen müssen , einen guten Menschen , der sie liebte , gekränkt und unglücklich zu sehen – ihretwegen , weil sie ihm ihr Wort nicht halten konnte , sie hatte die Kämpfe mit ihren Eltern bestanden um ihrer Selbständigkeit willen , um ihre Kunst , sie hatte den Vater verloren und ihren Beruf , der sie hinweg hob über die Misere des Lebens , der Mutter zuliebe aufgegeben , sie hatte sich gegrämt um den Mann , den sie unglücklich wußte , aber die Kunde von ihm , die ihr gestern geworden , das war das allerschwerste ! Mit vollen Flammen schlug ihre alte heiße Liebe für ihn , den sie nie vergessen konnte , wieder empor , und nichts