erwählt hatte ? War es nicht eher seine Bestimmung , unbedenklich und kühn durch die Welt zu treiben , als irgendwo festzusitzen mit Weib und Kind , mit der Sorge ums tägliche Brot , um die Karriere und höchstens um ein bißchen Ruhm ? In diesen Tagen , aus denen er jetzt kam , hatte er sich leben gefühlt , vielleicht das erste Mal . Jeder Augenblick war so reich und erfüllt gewesen , nicht die in ihren Armen allein . Er war wieder jung geworden mit einemmal . Blühender hatte die Landschaft geprangt , der Himmel hatte sich weiter gespannt , die Luft , die er trank , hatte bessere Würze und Kraft geatmet . Und Melodien hatten in ihm gerauscht , wie nie zuvor . Hatte er je ein schöneres Lied komponiert , als jenes heiter-wiegende , ohne Worte , » auf dem Wasser zu singen ? « Und seltsam , aus ungeahnter eigner Tiefe war das Phantasiestück emporgestiegen , am Seeufer , eine Stunde , nachdem er die wunderbare Frau zum erstenmal erblickt hatte . Nun sollte ihn Herr Hofrat Wilt nicht lange mehr für einen Dilettanten halten . Doch warum dachte er gerade an den ? Wußten die andern besser , wer er war ? Schien es ihm nicht manchmal , als ob sogar Heinrich , der ihm doch einmal einen Operntext hatte schreiben wollen , ihn um nichts gerechter beurteilte ? Und er hörte die Worte wieder , die der Dichter zu ihm gesprochen hatte , an jenem Morgen , da sie von Lambach durch den taufeuchten Wald nach Gmunden gefahren waren . » Sie müssen nicht schaffen , um zu sein , was Sie sind ! Sie brauchen nicht die Arbeit ; nur die Atmosphäre Ihrer Kunst ... « Gleich darauf erinnerte er sich des Abends in dem Forsthaus am Almsee , wo ein Jäger von siebenunddreißig Jahren lustige Liedeln gesungen und Heinrich sich gewundert hatte , daß einer in diesem Alter noch so lustig war , da man sich dem Tod doch schon so nahe fühlen müßte . Dann hatten sie sich in einem Riesensaal zu Bett gelegt , wo die Worte widerhallten , lange noch über Leben und Tod philosophiert und waren plötzlich in Schlaf gesunken . Am Morgen darauf , unter kühler Bergessonne hatten sie voneinander Abschied genommen . Noch immer lag Georg regungslos ausgestreckt in den Plaid gehüllt und überlegte , ob er von seiner Begegnung mit der Schauspielerin Heinrich etwas erzählen sollte . Wie blaß sie geworden war , als sie ihn plötzlich erblickt hatte ! Mit herumirrenden Augen hatte sie seinem Bericht von der gemeinsamen Radpartie zugehört , dann ohne weitern Übergang von ihrer Mutter zu erzählen begonnen und von dem kleinen Bruder , der so wunderschön zeichnen könnte . Und die Kollegen hatten von der Bühnentür immer hergestarrt , besonders einer mit einem Lodenhut , auf dem ein Gemsbart steckte . Und am selben Abend hatte Georg sie in einer französischen Posse spielen gesehen und sich gefragt , ob die hübsche Person , die da unten auf der Bühne des kleinen Sommertheaters so unbändig umheragierte , in Wirklichkeit so verzweifelt sein könnte , wie Heinrich sich ' s einbildete . Nicht nur ihm , auch James und Sissy hatte sie gut gefallen . Was war das für ein lustiger Abend gewesen ! Und das Souper nach dem Theater mit James , Sissy , der Mama Wyner und Willy Eißler ! Und am nächsten Morgen die Fahrt im Viererzug des alten Baron Löwenstein , der selbst kutschierte ! In weniger als einer Stunde waren sie am See gewesen . Ein Kahn trieb am Ufer hin im Frühsonnenschein , und auf der Ruderbank saß die geliebte Frau , den grünseidenen Schal um die Schultern . Wie kam es nur , daß auch Sissy gleich die Beziehung zwischen ihm und ihr geahnt hatte ? Und das heitere Diner dann , oben im Auhof bei Ehrenbergs ! Georg hatte seinen Platz zwischen Else und Sissy , und Willy erzählte eine komische Geschichte nach der andern . Und dann , am Nachmittag ohne Verabredung , während die andern alle ruhten , unter der dunkelgrünen Schwüle des Parks , im warmen Duft von Moos und Tannen , hatten Georg und Sissy sich gefunden , zu einer wunderbaren Stunde , die ohne Schwüre der Treue und ohne Schauer der Erfüllung , leicht wie ein Traum durch diesen Tag geschwebt war . Wie möcht ich ihn Augenblick für Augenblick durchdenken und durchkosten , diesen goldnen Tag . Ich seh uns beide , Sissy und mich , wie wir über die Wiese hinunter spaziert sind zum Tennisplatz , Hand in Hand . Ich glaube , ich hab auch besser gespielt als je . Und ich sehe Sissy wieder , im Strohsessel liegend , die Zigarette zwischen den Lippen und den alten Baron Löwenstein an ihrer Seite , und ihre Blicke glühen zu Willy hin . Wo war ich schon in diesem Moment wieder für sie ! Und der Abend ! Wie wir in der Dämmerung noch hinausgeschwommen sind in den See , James , Willy und ich , und das laue Wasser mich so köstlich umstreichelt hat ! Was für eine Wonne auch das ! Und dann die Nacht ... die Nacht ... Wieder hielt der Zug stille . Draußen war es schon ganz licht geworden , Georg aber blieb regungslos liegen , nach wie vor . Er hörte den Namen der Station ausrufen , Stimmen von Kellnern , Kondukteuren , Reisenden , hörte Schritte auf dem Perron , Bahnsignale aller Art , und er wußte , daß er in einer Stunde in Wien sein würde . Wenn Anna Nachrichten über ihn bekommen hätte , wie Heinrich im vergangenen Winter über seine Geliebte ! Er konnte sich nicht vorstellen , daß Anna über dergleichen außer Fassung geriete , selbst wenn sie daran glaubte . Vielleicht würde sie weinen , aber gewiß nur für sich allein , ganz in der Stille . Er nahm sich fest vor