aber ' s muß ja nicht heute sein , Rom ward nicht an einem Tage erbaut , und der Herrgott müsse auch das Seine tun . Der Teetisch , an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte , mochte wohl die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein . Das gesunde Leben behielt sein Recht über das künstliche , und er besaß soviel Instinkt , sich darüber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen . Wie ein Schüler , der aus dem Examen kommt , und nicht eben unter den Besten und Ausgezeichnetsten , aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt worden ist , schritt er durch die Straßen . Er glaubte , seinen Forschungen und Studien einige Wochen Ferien gewähren zu dürfen , und er freute sich eben auch wie der Schüler auf eine bequeme Zeit , die vor ihm läge . 18. Graf Stanislaus besaß nur noch einen Vater . Das war ein hochbejahrter , liebenswürdiger Greis von den feinsten französischen Manieren , der in großer Achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen bürgerlichen Tugenden , seiner in Polen nicht eben gewöhnlichen Sanftmut und Freundlichkeit gegen alle Stände , und endlich auch wegen seiner ebenso ungewöhnlichen Bildung in Literatur , Kunst und Staatsinteressen . Der Besuch der Fürstin Konstantie , mit welcher er verwandt war , erfreute ihn auch wegen der geselligen Formen : sie repräsentierte die Dame des Hauses , und der alte reiche Graf ging in großer Glückseligkeit trippelnd umher , daß sein Salon jetzt wieder glänzend geworden sei wie Anno 94. Als Valerius eintrat , fand er schon eine zahlreiche Gesellschaft ; Konstantie war umringt von Herren und Damen und gewahrte ihn nicht . Der alte Graf , eine schlanke , vertrocknete Figur mit schneeweißem , lockigem Haar , stand neben einer hohen Militärperson und war im eifrigen Gespräche . Stanislaus eilte herbei , um ihm seinen neuen Freund vorzustellen ; sie warteten indes beide ein wenig , um das dem Anschein nach wichtige Gespräch nicht zu stören , und während der Sohn dem Freunde mit sanfter herzlicher Stimme alle die Liebenswürdigkeiten des Vaters leise schilderte , hatte dieser Zeit , den Alten zu betrachten . Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch , welches , wie die Leibwäsche , von blendender Weiße war , und einen heitern Schein auf das schmale , gefurchte , aber noch immer von einer leichten Röte überflogene Gesicht warf . In den großen , tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut , und nur hie und da sah man aus einem schnellen Blicke , daß sie nicht auf Schwäche , sondern auf eine große , geistige Überlegenheit gegründet sei . Im Knopfloche trug er das Band der Ehrenlegion . Stanislaus hatte seinen Freund schon angekündigt , und der alte Graf nahm ihn mit der zuvorkommendsten Liebenswürdigkeit auf . Es war eine lange Reihe von Zimmern geöffnet und erleuchtet . Der Militär hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet , die drei Männer traten in das zweite Zimmer , und während der alte Graf seinen Gast mit einigen Gemälden bekannt machte , entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft . » Sie müssen sich nicht abschrecken lassen , « sagte der alte Herr mit seinem liebenswürdigen Lächeln , » wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische Probe gehalten hat , wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden ; wir sind zu oft im Wachstum gestört . Von Hause aus waren wir verzogene Kinder , unsere Freiheit erstickte im eigenen überflüssigen Blute , weil wir alles im Herzen haben wollten , und es nicht recht zu verteilen wußten . Verzogene Kinder bleiben auch im Unglück eigensinnig und werden übermütig bei jedem Schimmer von Glück . Aber Sie sind ja aus dem Lande , das alles Fremde so gern gewähren läßt , überwinden Sie nationale Antipathien , welche bei so verschiedenen Völkern nie ausbleiben und stürmender und trennender sind als große Gegensätze , weil sie uns bei jedem Schritte hindernd zwischen die Beine geraten . Ertragen Sie uns eine Zeitlang , und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden . Jedes Volk hat seine Liebenswürdigkeiten . Und Sie sind ja auch auf der Höhe von Humanität , welche das Edle tut ohne Ansehen der Person - versprechen Sie mir , mich zu besuchen , wenn Sie mürrisch werden , ich bin ein alter Apotheker und habe Rezepte aus manchem Jahrzehnt , versprechen sie mir ' s. « Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand . » Nehmen Sie sich in acht , « fuhr der Greis fort , » vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokraten - verkennen Sie mich in diesen Worten nicht : ich liebe diese brausende Jugend mit ihrem menschenrechtlichen Fanatismus , o , ich liebe sie so sehr gerade wegen dieser Poesie der Tugend , sie sind das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft , diese Jünglinge mit dem heißen Herzen . Aber sie kennen die Welt nicht mit den tausend Beschränkungen , ohne welche sich kein Staat konstituieren läßt , solange wir uns nicht isolieren können von Gewohnheit , Herkommen , geschichtlicher Erinnerung , und besonders solange wir Nachbarn haben , denen wir uns akkommodieren müssen . Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen , nach bloßen Begriffen errichtet werden , welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt , so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf , solange es in der übrigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will . Eben weil es nichts Einzelnes gibt , weil nichts ohne Verhältnisse existiert , können Wechsel und Änderungen nur mit der größten Umsicht vorgenommen werden . Und Umsicht ist nicht Sache des poetischen Herzens , sondern der Erfahrung ; darum dürfen wir unsern Jünglingen den Staat nicht überlassen . Machen Sie mir nicht so klägliche Gesichter . Freilich ist es für das feurige Blut niederschlagend , daß die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht , daß sie nicht eher weiterrückt , als bis ein