alte Frau war schwer mit Elend geschlagen . Ihr Mann hatte doch wenigstens seine Arbeit ; er konnte den Kummer da draußen im Acker vergraben . Aber sie lag hier oben allein , ohne ein Glied rühren zu können . Die Kinder waren nun alle aus dem Hause , in der Fremde . Keine Menschenseele hatte sie zur Pflege . Hin und wieder kam einmal eine mitleidige Nachbarsfrau , nach ihr zu sehen . Dann hatte sie wenigstens für kurze Zeit jemanden , mit dem sie weinen konnte ; das war ihr einziges Labsal . Zu ihrer Gicht war noch Wassersucht getreten , die sie gänzlich bewegungslos machte . Sie sehnte sich aufrichtig nach dem Tode . Die Bäuerin , welche des Nachts nur wenig schlief , traute ihren Sinnen kaum , als sie in der auf diesen Sonntag folgenden Nacht plötzlich den Bauern aufstehen und sich ankleiden sah . Wo er zu dieser Stunde hin wolle , fragte sie ihn . Eine Kuh sei krank , erwiderte er und ging . Sie verfolgte seine Schritte und vernahm mit ihrem durch das lange Stilleliegen geschärften Gehör in der tiefen Nachtstille , daß er sich unten mit den Geschirren zu schaffen machte . Und nach einiger Zeit war es ihr , als höre sie ihn mit einem Gespanne den Hof verlassen . Was sollte alles das vorstellen ? Mitten in der Nacht aufzustehen und zur Feldarbeit zu gehen ! War der Bauer am Ende gar übergeschnappt ? Früh beim Morgengrauen erst kam er zurück , schmutzbedeckt und erhitzt , wie von angestrengter Arbeit . Er kleidete sich aus , legte sich noch einmal zu Bett und schlief bis tief in den Tag hinein . Die Bäuerin konnte sich nicht entsinnen , je zuvor etwas Ähnliches an ihrem Eheherrn erlebt zu haben . - Im Kretscham sammelten sich inzwischen die Bieter . Heute sollte ja laut Zeitungsanzeige die Vereinzelung des ehemalig Büttnerschen Bauerngutes stattfinden . Halbenau machte Feiertag an diesem Montage . Denn wenn auch nicht jeder bieten konnte , so wollte doch jeder zum mindesten dabei gewesen sein . Es kamen etwa sechzig Morgen in kleineren Parzellen zur Versteigerung . Der Bauernhof mit einem Areal von etwa vierzig Morgen nahm der Besitzer von der Auktion aus , ebenso den Wald . Ein Stück von - zehn Morgen hatte der Kretschamwirt bereits vorher erstanden zu einem auffällig niedrigen Preise , wie gemunkelt wurde . Nun , er war ja gut Freund mit Samuel Harrassowitz ! - Die Stimmung war eine angeregte , es schien Kauflust vorhanden . Der Händler kannte seine Leute , wußte , womit man den kleinen Mann ködert . Der Landhunger war auch bei den Halbenauern ausgeprägt . Die ärmsten Schlucker , die sich das Geld womöglich hatten zusammenborgen müssen zur Anzahlung , wollten diese Gelegenheit , zu eigenem Grund und Boden zu gelangen , nicht ungenützt vorübergehen lassen ; die Erwägung , ob sie jemals imstande sein würden , nur die Zinsen des Kaufgeldes herauszuwirtschaften , bewegte diese Köpfe nicht . Kaufmännisch zu verfahren oder auch nur ihren Vorteil im voraus zu bedenken , war nicht die Sache von Leuten , die aus der Hand in den Mund lebten und nichts zu verlieren hatten . Mit Spannung sah man der Ankunft des Händlers entgegen , ohne den die Auktion nicht beginnen konnte . Endlich kam das Wägelchen , auf dem Bocke der Kutscher , mit dem blauen Rocke und der silbernen Tresse am Hute , die in Halbenau nicht mehr unbekannt waren . Harrassowitz hatte den jungen Advokaten Riesenthal mitgebracht , der ihm die Kontrakte mit den Käufern gleich fix und fertig machen sollte . Mit freudigem Blicke überschaute Sam die Schar der Kauflustigen . » Die Kerle sein wie verrickt ! « raunte ihm Kaschelernst zu , als er den Geschäftsfreund am Wagen begrüßte . » Recht so ! « meinte Sam . » Wir wollen ja auch nichts verschleudern . « - Nach einiger Zeit begab man sich hinaus aufs Bauerngut . Die Versteigerung sollte an Ort und Stelle vorgenommen werden . Der Anblick des Feldes und der Früchte , die darauf standen , würde die Kauflust noch erhöhen , taxierte Sam . Der Händler und der Gastwirt gingen etwas hinter dem allgemeinen Troß drein . Auf einmal gab es ein Recken der Hälse und Zusammenstecken der Köpfe , Rufe des Staunens , untermischt mit Gelächter ! » Was gibt ' s denn ? « fragte Harrassowitz . Die Leute wiesen auf ein Stück frisch gepflügten Ackerlandes . Kaschelernst stieß einen Ruf des Schreckens aus , lief ein paar Schritte vorwärts , blieb dann stehen mit rotem Kopfe und weitgeöffnetem Munde , ähnlich wie am Tage zuvor sein Schwager Traugott Büttner . Von dem pfiffigen Lächeln , das er sonst zur Schau zu tragen pflegte , war in diesem Augenblicke keine Spur zu entdecken . Die Leute kicherten und nickten einander schadenfroh zu . Das war Kaschelernsten einmal gesund ! Wo gestern abend noch eine dunkelgrüne Kornsaat geprangt hatte , lag jetzt braune Stürze . Das hatte der alte Büttner in einer Nacht mit dem Pflüge umgeackert . III. Die Sachsengänger waren mit ihren Arbeiten rüstig vorwärts geschritten . Den Rüben war bereits die dritte Handhacke gegeben worden . Der trockene Sommer hatte die Reise des Getreides stark gefördert ; bereits Ende Juni verkündete die weißgelbe Farbe der Kornähren die herannahende Ernte . Die Erntezeit bedeutete für die Wanderarbeiter eine Änderung ihrer ganzen Arbeitsweise . Bis dahin hatten sie hauptsächlich in Stücklohn gearbeitet . Es war ihnen überlassen worden , sich Beginn und Dauer der Arbeitszeit selbst zu legen . Erwerbsbeflissen , wie sie waren , hatten sie bei grauendem Tage die Arbeit aufgenommen und niemals vor sinkender Nacht aufgehört , nur mit kurzen Unterbrechungen für Frühstück , Mittagbrot und Vesper . So hatten sie durch große Emsigkeit schöne Einnahmen erzielt . Und die Güte der Arbeit hatte doch nicht unter dem Eifer , möglichst viel vor sich zu bringen , zu leiden gehabt , denn