, doch feuchten Auges schloß der Greis seine Rede . Dezimus aber , der Junge schlecht und recht , fiel wie erlöst zu seines Vaters Füßen , preßte dessen beide Hände gegen sein Herz , und heiße Tropfen rannen darauf nieder . Ein vernehmliches Wort aber sprach er nicht . Am anderen Tage , obgleich es der Abschiedstag war , ging er wie auf Federn ; ja wahrlich , der stämmige Enakssohn , er schwebte , so leicht war sein Herz . Sein Abiturientenzeugnis hatte brav gelautet , und die Trennung währte ja nur kurz ; zum heiligen Christ war er wieder da ! Er empfahl sich in beiden Gemeinden Haus bei Haus ; selbst bei seinem Vizepaten versuchte er vorzudringen , zu seiner Genugtuung indessen vergeblich . Auch Lydia war nicht sichtbar ; Frau von Hartenstein aber entließ ihn mit mütterlichen Tränen , und ihre beiden jüngsten Töchter schenkten ihm die Andenken , die ihm schon zum Geburtstage bestimmt gewesen waren . Die kleine Phöbe hatte eigenhändig 365 Blätter je mit einem Bibelverse beschrieben . Alle Morgen sollte ihr guter Dezimus , so wie es im pröpstlichen Hause gang und gäbe war , sich auf einem dieser Blätter die Tageslosung ziehen . Fräulein Priszilla aber brachte gar ein schönes Album , auf das sie unter einem Kornblumenkranze seinen Namen gestickt hatte und in welches sich , mit Ausnahme des kranken Vaters , sämtliche Familienglieder eingetragen hatten ; auch Max , dazumal noch hoffnungsvoller Bräutigam , war darin verewigt , wennschon nicht mit einer eigenen Inspiration , so doch mit einer dem Schüler gemäßen Horazischen Sentenz . Lydia hatte geschrieben : » Dring durch die Kreise bis zum fernsten , Vor dessen Licht kein anderes sich behauptet . « Dante war einer der wenigen Dichter , welche Lydia , als Vorleserin ihres Vaters , gründlich kannte und vielleicht der einzige , welchen Max nicht las . Am Abend war in dem Hause , aus welchem der Sohn scheiden sollte , die tapfer verhaltene Wehmut nicht länger zu bannen . Kein Scherz und kein Ernst wollten mehr verfangen ; ein jeder zögerte , mit dem Aufbruch zu beginnen . Erst als es Mitternacht schlug , erhob sich der Vater , legte schweigend die Hände auf des Jünglings Haupt und stieg hinunter in das geistliche Gemach . » Ich sehe dich noch , mein Dezimus , « sagte die Mutter , indem sie rasch das Zimmer verließ . Bruder und Schwester waren allein . Sie schlang die Arme um seinen Hals und sagte zwischen Schluchzen und Lachen : » Daß du mich nur liebbehältst , alter Dezem , unter den Scharteken und Rohren deiner dummen Universität ! « Dann lief sie , beide Hände vor dem Gesicht , der Mutter nach . Das liebe , närrische , kluge Röschen , wie wäre es nur möglich gewesen , daß irgendwo und wie und wann ihr alter Dezem sie nicht liebbehalten hätte ! Er dachte den Weg , wie dazumal auf der Suche nach der fremden Blume , zu Fuß zu machen , legte sich daher gar nicht nieder , sondern saß an seinem Kammerfenster , bis der Morgenstern in voller Herbstpracht aufgegangen war . Dann brach er auf . Als er die Haustür leise öffnete , kam die Mutter ihm nach , drückte ihn an ihr Herz und schluchzte , ja sie schluchzte : » Vergiß nur die Wäschzettel nicht , mein Dezem ! « Die liebe , närrische , kluge Mutter , als ob ein Sohn , den sie erzogen hat , die Wäschzettel vergessen könnte ! Der nächste Weg zur Landstraße führte über den Friedhof . Während er zu einem Abschiedsgruß vor dem Hügel der Mutter stand , deren Liebe ihm eine Fremde ersetzt hatte , trat hinter dem weißen Marmorkreuz , das den Namen Joachim von Hartenstein trug , eine dunkle Gestalt hervor . Es war Lydia , die an dieser Stelle täglich die Sonne aufgehen sah . Er konnte es nicht lassen , er trat an sie heran und reichte ihr die Hand . Sie hielt sie eine lange Weile in der ihren , und schweigend schieden sie . Als er unter der Pforte sich noch einmal umblickte , stand die hohe , dunkle Gestalt regungslos wie zuvor neben dem weißen Kreuz . Und so war das letzte Bild , das er aus der Heimat in sein neues Leben trug , das der Jungfrau , über welcher der Morgenstern leuchtete . Die ersten Prüfungen Die akademische Zeit ist dem Zeitraum nach kein Stufenjahr . Es gibt aber wohl manchen studierten Mann , der mit dieser ersten Sprosse auf der Freiheitsleiter auch die oberste erklommen hat , und keinen einzigen wird es geben , dem , wenn er schon lange Jahre den Berg des Lebens abwärts steigt , nicht ein Rosenflor der Jugend die welken Wangen überflöge , sooft Gedanke oder Rede rückwärts schweifen auf die kurze Spanne , wo er das Gaudeamus sang und Unsinn Weisheit nannte . Und da will uns denn bedünken , als ob das Wertzeichen des Zustandes , welchen wir einen glücklichen nennen , weit weniger der Genuß sei , welchen er gewährt , als die Erinnerung , welche er hinterläßt . Denn , ach , wie bleiern drückte oftmals die Gegenwart , die im Gedächtnis so goldig leuchtet ! Wie viele freie Musensöhne gab es - und gibt es vielleicht auch heute noch - , denen , wenn sie abends im engen Dachstübchen matt und müde sich auf ihr schmales Federbett niederwarfen , der Kopf geraucht hat nicht nur von den unlösbaren Problemen der Weisheitsschulen , sondern weit mehr noch von den Pauklektionen , in welchen sie den Tag über noch manch dickhäutigeres Haupt als das eigene rauchen machten ; die , nur halbsatt vom Freitisch im Konvikt und vom barmherzigen Wandertisch , nach dem Bierseidel und der Knasterpfeife , den mundstopfenden Mächten des knurrenden Magens , vergeblich schmachteten ; wie viele , denen , wenn sie sich morgens die bedenklich ausplatzenden Stiefel wichsten